»Brauner Wellensittich«

Am 11. Mai 1941 entschwand der »Stellvertreter des Führers« in eigener Mission
Von Kurt Pätzold

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Sicher kein Friedensbote: SS-Obergruppenführer Rudolf Heß auf jener Maschine, mit der er am 10. Mai 1941 nach Schottland flog

Die Wehrmachtsberichte Anfang Mai 1941 kündeten von Erfolgen. Am 2. Mai wurde mitgeteilt, daß der Krieg auf dem griechischen Festland beendet sei und sich dort kein Brite mehr befinde. Hitler hielt vor dem »Großdeutschen Reichstag« eine triumphale Rede über den Balkanfeldzug, die er mit dem Satz beendete: »Dem deutschen Soldaten ist nichts unmöglich.« Das sollte sich noch im Jahresverlauf als schwerer Irrtum erweisen.

An den folgenden Tagen begannen die Mitteilungen aus dem Oberkommando der Wehrmacht mit Nachrichten über den Bombenkrieg gegen die britischen Inseln. Liverpool, dann Belfast, Glasgow, die Häfen im Firth of Clyde, Newcastle, Plymouth und Hull seien angegriffen, Hafenanlagen und Rüstungswerke zerstört worden. Am 11. Mai, einem Sonntag, las sich der Anfang des Berichtes ungewöhnlich. Die britische Luftwaffe habe »in den letzten Nächten erneut und planmäßig Wohnviertel deutscher Städte, darunter auch der Reichshauptstadt, bombardiert.« Darauf sei zur Vergeltung ein Großangriff auf London erfolgt. Der Krieg der Luftwaffen war keine einseitige Angelegenheit mehr, wenn sich auch die Deutschen noch kaum vorstellen konnten, welche Ausmaße er noch annehmen wurde.

Großes Aufsehen

Doch an jenem Tage schlug im Reich eine Bombe anderer Art ein. Zunächst traf sie das Führerhauptquartier. Hitler wurde mitgeteilt, daß Rudolf Heß mit einem Jagdflugzeug, hergestellt in den Messerschmidt-Werken, vom Betriebsflughafen in Augsburg gestartet und aus dem Reichsgebiet entschwunden sei. Bevor über die Zusammenhänge und den Verlauf des Unternehmens noch irgendetwas bekannt war und die eingeleiteten Ermittlungen Resultate erbracht hatten, regierte der Wunsch, der Flug möge in den Fluten der Nordsee sein Ende und der »Stellvertreter des Führers« den Tod gefunden haben. Der jedoch war nicht in Erfüllung gegangen. Heß hatte Schottland erreicht, war dort mit einem Fallschirm abgesprungen und mit nur leichten Blessuren auf dem Boden, dem des Kriegsgegners, gelandet. Das ließ sich den »Volksgenossen« nicht verheimlichen. Zu riskieren, was in anderen Fällen geschehen war und in der Phase der Niederlagen gängige Praxis wurde, die schlechten Nachrichten zunächst als Gerücht in die Öffentlichkeit einsickern zu lassen, konnte die Glaubwürdigkeit der Führung nur untergraben. Also mußte verlautbart werden, daß dem Führer einer seiner ältesten Mitkämpfer abhanden gekommen war. Wer in der Runde der sich beratenden engen Gesellschaft um Hitler auf den Gedanken verfallen war, Heß für geisteskrank zu erklären, ist unbekannt. Jedenfalls wurde den »Volksgenossen« diese Mitteilung gemacht und so versucht, ihnen einen Bären aufzubinden. Daß sein »Stellvertreter« nicht mehr in Ordnung gewesen sei, habe der Führer schon gewußt und sich deswegen auch Sorgen gemacht. Diese Version gehörte zu den erprobten Selbstdarstellungen Hitlers: der mit Sorgen um das Volk, um jeden einzelnen seiner »alten Kämpfer«, um die Soldaten an der Front überhäufte Führer, dem Mitgefühl angesichts der Last gebührte, die er trug. Die Masche zog bei den gläubigen Gefolgsleuten noch immer. Denn noch befand man sich in jener Phase des Krieges, da die wenigsten an die Niederlage dachten und die Zahl derer, die sie herbeiwünschten, noch geringer war.

Zu ihnen gehörte in Dresden der als Jude verfolgte Romanist Victor Klemperer, der mit seiner Frau seit einem Jahr in ein sogenanntes Judenhaus gezwungen war. Der notierte in sein Tagebuch am 15. Mai: »Affäre Heß vor drei Tagen im Radio, als wir bei ›Pschorr‹ (Name einer Gaststätte, in der das Ehepaar Rundfunknachrichten hören konnte, denn die Radioapparate der Juden waren eingezogen worden) saßen, vorgestern wirre ›Aufklärung‹. Jetzt totgeschwiegen, scheint überall im Volke größtes Aufsehen zu erregen. Soll man Hoffnungen darauf setzen?« Die Frage mochten sich in jenen Tagen viele Nazigegner in Deutschland stellen. Doch dieser Flug war kein Vorbote von Konflikten oder gar Zerfallserscheinungen in der Führungsspitze. Was er aber war, gab den »Volksgenossen« ein Rätsel auf und lieferte ihnen für Tage Gesprächsstoff. Nicht nur das. Offenbar ließen die Zweifel und Ungereimtheiten der offiziellen Nachricht auch das Abhören von »Feindsendern« so ansteigen, daß ihr mit einer weiteren Drohung mit Zuchthaus- oder Todesstrafe begegnet wurde. Und dann knüpften sich in der Bevölkerung an den Abflug auch Witze. Klemperer notierte am 24. Mai, das in Löbtau (einem Stadtteil von Dresden) Zettel angeklebt worden seien mit der Aufschrift: »Brauner Wellensittich entflogen. Abzugeben Reichskanzlei.«

Umfangreichere Berichte als Klemperer, der auf das Hörensagen und die wenigen Informationen angewiesen war, die ins »Judenhaus« gelangten, besaßen die Beobachter der Stimmungen und Meinungen im Reichssicherheitshauptamt (RSHA). Die machten sie einem sehr beschränkten Kreis, verdichtet in den sogenannten Meldungen aus dem Reich zugänglich. Am 15. Mai begann ihr Bericht so: »Nach übereinstimmenden Meldungen aus allen Teilen des Reiches hatte die erste amtliche Verlautbarung zum Fall Heß große Bestürzung hervorgerufen. In der Parteigenossenchaft herrschte tiefe Niedergeschlagenheit.« Die Mitteilungen aus den verschiedensten Gegenden des Landes besagten übereinstimmend, daß die Nachricht »zunächst von Parteigenossen wie von anderen Volksgenossen wegen des großen Vertrauens zu Heß nicht geglaubt worden ist«. Es habe sich sofort eine »Flut von Gerüchten« erhoben wie vordem bei keinem anderen Ereignis. Und dann, da die Berichterstatter sich stets hüteten, in den Geruch von Defätisten zu geraten, fuhren sie fort: »Einheitlich aber beweisen die Meldungen die außerordentliche und tiefe Anteilnahme des Volkes in allen seinen Gruppen und Berufen an dem Schicksalsschlag, der vor allem den Führer getroffen habe, dem auch keine Härte des Schicksals erspart bleibt.« Und, so der Schluß, der Führer gäbe »der Bevölkerung den letzten entscheidenden Halt und den Glauben an eine siegreiche Beendigung des Krieges«.

Realitätsverlust

Freilich ganz zufrieden war die Gefolgschaft mit den Informationen noch nicht, und so hieß es, »von der Presse« werde »vordinglich eine völlige Erklärung gefordert«, als hätten Journalisten die Möglichkeit besessen, den Zusammenhängen nachzuforschen. Die folgenden Meldungen besagten dann aber, ohne daß dergleichen geschehen wäre, die Gespräche klängen allmählich ab, »wenn auch eine gewisse Niedergeschlagenheit und Ungewißheit über die weiteren Auswirkungen des Falles Heß noch zu beobachten ist«. Am 22. Mai wurde dann geschrieben, der »Fall« werde nur noch wenig besprochen, doch »hinsichtlich der weiteren Entwicklung des Kriegsgeschehens« herrsche »eine ziemliche Unklarheit«.

Historikern kam später die Beantwortung der Frage zu, was den Mann, der im Ersten Weltkrieg ein Kampfflieger gewesen, nun an herausragendem Platz vor allem für die Stimmung und Tätigkeit der NSDAP-Mitglieder an der Heimatfront verantwortlich war, zu diesem Flug veranlaßte. Die Vermutungen – darunter abenteuerliche – reichten weit. Er habe sich gegenüber den Feldmarschällen zu weit in den Hintergrund gerückt gesehen und hätte mit seiner Aktion die Aufmerksamkeit und Zuwendung seines geliebten »Führers« wiedergewinnen wollen. Andere vermuteten, dieser Führer sei von dem Unternehmen gar unterrichtet gewesen. Dokumentarische Auskunft gaben die Mitschriften der Gespräche, die mit Heß in Großbritannien geführt wurden, nachdem sich die »Empfänger« dieses unerwarteten Besuchs überzeugt hatten, daß es wirklich des Führers Stellvertreter für die Parteiangelegenheiten war, den sie da vor sich hatten. Diese Papiere sprechen jedenfalls davon, daß der Mann an mehrfachem Realitätsverlust litt und sich seiner so etwas wie eine fixe Idee bemächtigt hatte. Er wollte den britischen Politikern, die ihn vor allem nach Informationen über die weiteren Pläne des Kriegsgegners auszuforschen trachteten, überzeugen, daß sie den Krieg nur verlieren könnten und drohte ihnen gar mit Luftschlägen, die alle bisherigen weit übertreffen würden. Sie sollten es also vorziehen, sich einem Frieden zu den deutschen Bedingungen zu unterwerfen. Das hat auf sie keinen Eindruck machen können, zumal sie schon wußten, daß die deutsche Armee vor den Grenzen der Sowjetunion aufmarschiert war und sie mit höchster Wahrscheinlichkeit alsbald einen Kriegsverbündeten erhalten würden. Heß wurde als ein besonderer Kriegsgefangener behandelt und, als den Verbrechern an der Regimespitze nach dem Sieg der Alliierten gleichsam die juristische Rechnung präsentiert wurde, nach Nürnberg überführt. Das war nun nicht mehr die Stadt, in der er auf den Reichsparteitagen dem »Führer« alljährlich gemeldet hatte, daß die Getreuen in Reih’ und Glied zur Stelle waren. Später wollten (Neo-)Nazis aus ihm gar einen abgewiesenen Friedensboten machen. Das Subjekt war dafür gänzlich untauglich.