Als bedürfe es eines Beweises

Am 10. Juni 1944 verübten deutsche Soldaten im griechischen Distomo ein Massaker. Die Dorfbewohner gedenken der Greueltat in jedem Jahr – und warten bis heute auf Entschädigungen durch die BRD
Von Anita Friedetzky

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Sofortige Entschädigung für alle griechischen Naziopfer. Rechtsanwalt Joachim Rollhäuser spricht auf einer Kundgebung des AK-Distomo vor der Deutschen Botschaft in Athen, 6. Juni 2011

Das ist eine lange Geschichte«, sagt Lukas zögernd, als ich ihn frage, wann das denn mit den Gedenkfeiern in Distomo angefangen hat. »Dann erzähl’ sie«, sage ich. Er schließt für eine kurze Weile die Augen und lehnt seinen Kopf zurück. »Solange ich mich erinnern kann«, sagt er, »haben sich damals die in Schwarz gekleideten Frauen direkt danach immer an einem Wochenende getroffen. Die Frauen aus den Familien der Opfer. Sie haben diese Totenspeise gemacht und sie dann zusammen gegessen«. Also hätten sie die Erinnerung daran bewahrt, sage ich. Lukas schweigt.

Er war vier Jahre alt und wohnte im Nachbardorf, als an einem warmen Sommertag, dem 10. Juni 1944, deutsche Besatzungssoldaten in Distomo in der Nähe von Delphi im Zentrum Griechenlands einfielen. Schon unterwegs hatten sie Mensch und Tier, alles, was sich auf den Feldern und am Straßenrand bewegte, umgebracht. Ein paar Meter von dem Lokal entfernt, in dem wir heute gemütlich zusammensitzen, erschossen sie zwölf Geiseln, bevor sie sich in die Häuser des 1500-Seelen-Ortes begaben und blindwütig weitermordeten.

»Die Deutschen metzelten drei Tage lang die Bewohner von Distomo in der Nähe von Delphi«, heißt es in einem Bericht von Sture Linnér, damals Mitglied einer schwedischen Delegation des Roten Kreuzes in Griechenland. Anschließend hätten sie das Dorf niedergebrannt. Auf Griechisch und auf Deutsch wird er am Rande der mehrtägigen Gedenkfeiern verteilt, als bedürfe es immer wieder auch eines neutralen Beweises. »An jedem Baum neben der Straße und über eine Distanz von vielen hundert Metern hingen menschliche Körper, befestigt mit Bajonetten. Der Geruch war unerträglich. Im Dorf selbst glimmten noch Feuer im Rest der verbrannten Häuser. Über den Boden verstreut lagen Hunderte Menschen jedes Alters, Greise und Säuglinge«, heißt es weiter. Vielen Frauen hätten die Soldaten den Bauch mit den Bajonetten aufgeschlitzt und die Brust herausgerissen. »Andere lagen da, erwürgt mit ihren eigenen Gedärmen«.

»Distomo«, sagt Lukas, »hat immer noch ungefähr tausendfünfhundert Einwohner.« Nicht nur für ihn ist die genaue Zahl der Opfer von damals – 218 – nebensächlich. Und: »Es geht nicht ums Geld!«

Ein Verbrechen dieses Ausmaßes ist in seinen Augen unermeßlich. Und Distomo war nicht der einzige Ort in Griechenland, in dem deutsche Soldaten ähnliche Massaker verübten.

Da war zum Beispiel noch das griechische Dorf Kalavryta: Ein knappes Vierteljahr zuvor, am 13.12. 1943, metzelten die deutschen Besatzer dort 696 Menschen auf dieselbe grausame Weise. Auf 30000 wird die Zahl der Zivilisten geschätzt, die insgesamt allein aufgrund von »Vergeltungsmaßnahmen« während der deutschen Besatzungszeit ermordet wurden. Und dann die etwa 58000 Griechen jüdischer Herkunft, 83 Prozent der gesamten damaligen jüdischen Bevölkerung, die – wie im übrigen von der deutschen Wehrmacht besetzten Europa – ermordet wurden, ihres Vermögens geraubt, Hunderte von Dörfern zerstört. Zum Vorwand für ihre Verbrechen nahmen die deutschen Soldaten in SS-Uniform erfolgreiche, aber auch fehlgeschlagene, Partisanenangriffe oder sie lebten den faschistisch-rassistisch geschürten Hass auf »Juden« aus.

Auch in Distomo reichte den Nazischergen lediglich die Vermutung, die Dorfbevölkerung könne mit den Partisanen »gemeinsame Sache gemacht« haben. Die mit Wäldern begrünten Berge ringsum wären ein ideales Rückzugsgebiet gewesen. »Aber hier hatte damals keiner Kontakt zu den Partisanen«, sagt Lukas. Bis heute ist eine Zusammenarbeit der Distomoer mit denen, die den aktiven bewaffneten Widerstand gegen die deutschen Besatzer aufgenommen hatten, auch nirgends belegt.

Auf der Fahrt von Athen nach Distomo steht auf einem Hügel am Straßenrand ein großes Partisanendenkmal. Wir hatten kurz angehalten, um es uns anzusehen. Ich bin mit einer Gruppe von Rechtsanwälten und Mitgliedern des Hamburger »AK Distomo« hergekommen. Sie reisen seit 2002 jedes Jahr zu den Feierlichkeiten an. Die Anwälte kämpfen mit den Nachkommen von Opfern seitdem für eine zumindest finanzielle Entschädigung der unsäglichen Verbrechen von damals. Die BRD lehnt die Zahlung »individueller Entschädigungen« aber kategorisch ab. Deutsche Gerichte sowie der Europäische Gerichtshof unterstützen sie bisher dabei.

Deutschland verweist zum einen auf eine bereits erfolgte einmalige Zahlung an die griechische Regierung im Jahre 1961 von damals 115 Millionen DM für NS-Opfer und deren Nachkommen. Und auf die Entschädigungszahlung von knapp 20 Millionen Euro an ehemalige Zwangsarbeiter.

Da die Opfer aus Distomo aber laut BRD-Lesart weder zur Gruppe der NS-Opfer gehören und auch keine »Zwangsarbeiter« waren, gehen sie bis heute leer aus. Sogar der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt die zynische Sicht des deutschen Staates, es handele sich bei den Ermordeten von Distomo um »Opfer von Kriegshandlungen«, und das Vierte Haager Abkommen, »betreffend die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs von 1907«, sähe »keine individuellen Entschädigungen vor«, so ein aktuelles Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom 7.7.2011. Dieser hatte bereits 2007 in einer ablehnenden Entscheidung ein Opfer des Kalavrytaer Massakers »aufgeklärt«: »Operationen von Streitkräften sind ein typischer Ausdruck staatlicher Souveränität.«

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Wollten niemanden entkommen lassen: SS-Einheiten durchsuchen Distomo nach Überlebenden, 10. Juni 1944

Wir sitzen gemütlich bei Wein und Oliven in einem der zahlreichen Restaurants an der Hauptstraße Distomos, die quer durch den Ort führt. Hier spielt sich das öffentliche Leben ab. »Wenn du jemanden suchst, dann findest du ihn hier, oder jemand kann dir sagen, wo er vielleicht gerade ist«, sagt Lukas. Das Lokal gehört einem Neffen von Argyris Sfountouris. Argyris und seine drei Schwestern haben das Massaker durch Zufall überlebt. Er war Zeuge der Ermordung seiner Eltern. Heute lebt er in der Schweiz und ist einer der Kläger gegen die BRD. Argyris kann dieses Jahr das erste Mal wegen Krankheit nicht dabei sein. Eine andere Klägerin ist bereits gestorben, aber ihre vier Kinder wollen es weiter versuchen.

Die mediterrane Sommernacht, das Gelächter, die gutgelaunten Menschen, hin und wieder das Weinen eines Kindes, das geduldig getröstet wird, all das vermittelt eine entspannte Atmosphäre. Es läßt das, was 1944 geschah, seltsam weit weg und irreal erscheinen. Aber in Griechenland ist es nicht vergessen. Anders als in (West-)Deutschland, wo die meisten Menschen von Distomo und den Verbrechen der Wehrmacht in Griechenland generell oft noch nicht einmal etwas gehört haben. Auch nicht durch die vielen griechischen »Gastarbeiter«, die das »westdeutsche Wirtschaftwunder« nach dem Zweiten Weltkrieg mit niedrigen Löhnen und, mehr geduldet als akzeptiert, geschweige denn respektiert von seiten der offiziellen Politik und einem nicht unwesentlichen Teil der westdeutschen Bevölkerung, mit geschaffen haben.

Lukas konnte nie einen Deutschkurs besuchen oder in anderer Form an Deutschunterricht teilnehmen. Er hat bei einer großen Firma in Stuttgart gearbeitet. »Viele Jahre lang«, sagt er, und daß er die Sprache dabei »einfach so« gelernt habe.

Vom Theater hinter dem Museum, wo im ersten Stock unter anderem Bilder aller Ermordeten hängen, klingt ein Chor herüber. Unsere Gruppe versteht kein Griechisch. »Das sind traurige Lieder«, erklärt Lukas. Übersetzen könne er sie aber nicht. Aus der ganzen Gegend seien sie gekommen, um an den diesjährigen Gedenkfeiern zum 67. Jahrestag des Massakers teilzunehmen.

Wir gehen für eine Weile zum Aufführungsplatz, wo Frauen, Männer und Kinder dichtgedrängt auf weißen Plastikstühlen sitzen. Es werden Gedichte und Reden vorgetragen, der Chor singt mal traurige, mal kämpferische Lieder. Die Gesichter der Zuhörer sind außergewöhnlich ernst. Von den meisten werden wir fragend betrachtet. Andere erkennen uns und schütteln allen erfreut die Hände. Auch dieses Jahr ist die Hamburger Gruppe willkommener Gast. Nicht nur zum Essen und Trinken werden wir laufend eingeladen. So spendiert uns Lukas zum Beispiel in großer Runde eine Mahlzeit bei einem befreundeten Wirt mit unzähligen Litern Wein von seinem eigenen Weinberg. Und als Gäste der Gemeinde ist die Unterkunft im »Hotel America« für uns frei.

Als es dunkler wird, gehen wir den Berg zur Gedenkstätte hoch. Dort sind die Totenköpfe der Opfer hinter Glas zu sehen, ihre Namen auf großen weißen Steinen festgehalten. Teil des Ensembles ist auch ein Amphitheater. Dieses Jahr spielen die Kinder der örtlichen Schule das Massaker nach. Auch ohne griechische Sprachkenntnisse sind Szenen und Handlung sehr gut zu verstehen. Plötzlich erdröhnt deutsche Marschmusik, und die einzigen deutschen Worte der gesamten Aufführung sind aus Lautsprechern zu hören: »Die Fahne hoch, die Reihen dicht geschlossen, SA marschiert …« Das »Horst-Wessel-Lied«. Die Distomoer und ihre Gäste aus aller Herren Länder, die dichtgedrängt auf den Rängen sitzen, brauchen keine Übersetzung.

Am anderen Tag empfängt der neue Bürgermeister eine Abordnung von uns und bietet »jede Hilfe« an. Im Vorraum liegt ein Flugblatt der Angestellten im öffentlichen Dienst. »Sie wollen streiken«, weil sie über einen Monat kein Gehalt bekommen hätten, lassen wir es uns später am Dorfplatz von einem Vertreter der Kommunistischen Partei von Distomo erklären.

Die aktuelle polit-ökonomische Lage Griechenlands und die besondere Rolle der BRD bei den Verhandlungen um die Kreditvergabe »zur Rettung des Euro« sind allgegenwärtig. Unsere Rechtsanwälte können noch so oft juristische Genauigkeit anmahnen und darauf hinweisen, daß »das eine mit dem anderen nicht direkt was zu tun hat«. Ob in Athen auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlamentsgebäude, wo eine Erklärung zu den Entschädigungsforderungen von uns vor der beeindruckend diszipliniert protestierenden Menschenmenge verlesen wurde, ob in den Medien oder bei unserer Protestaktion vor der deutschen Botschaft: Für die Öffentlichkeit und auch die Mehrzahl der Griechen, denen wir begegnen, bleibt der Zusammenhang bestehen. Und daß eine Gruppe Deutscher gegen die eigene, wieder so mächtig auftretende Regierung Stellung bezieht, wird überall anerkennend hervorgehoben, mitunter auch etwas erstaunt.

Bei einer Veranstaltung im Museum geben die Rechtsanwälte vor ungefähr zwei Dutzend Interessierten aus dem Dorf einen Überblick über Aktivitäten und den Stand aller »anhängigen Verfahren«. Eine Mitarbeiterin des neuen Bürgermeisters berichtet, daß es ihr Neffe und dessen Freunde waren, die Anfang des Jahres einen ganzen Bus mit Demonstranten zur deutschen Botschaft mobilisiert haben. Auch die heranwachsende neue Generation werde »nicht lockerlassen«. Das nächste Mal soll auch vor dem zuständigen griechischen Ministerium protestiert werden. Denn schließlich verhindere »die griechische Regierung selbst, wenn auch unter politischem Druck«, daß z.B. das in deutschem Besitz befindliche Gebäude des Goethe-Instituts zwangsgepfändet werden könne, obwohl der oberste griechische Gerichtshof dies erlaubt.

Einen der Höhepunkte der Gedenkfeiern bildet der Zug der ganz in Schwarz gekleideten Frauen am Vorabend des 10. Juni. Nur begleitet vom langsamen dumpfen Schlag mehrerer Trommeln, ziehen sie in zwei Reihen mit brennenden Fackeln schweigend durch das Dorf. Hinter ihnen gehen in Weiß gekleidete Kinder, Männer und andere Frauen. Das ist lebendige Tradition antiker Tragödien, die beeindruckende Inszenierung des Unausgesprochenen, dessen, wofür einem die Worte fehlen. Vor den Restaurants und Cafés sitzt das »Publikum«. Das Kindergeschrei hört auf. Während der Zug vorbeikommt, werden keine Bestellungen mehr getätigt. Viele stehen auf, als er vorm Museum haltmacht, dort, wo die zwölf Geiseln erschossen wurden. Namen werden verlesen. So wie auch am nächsten Tag bei der offiziellen Gedenkfeier auf dem Berg die Namen aller Opfer. Die der Frauen und Mädchen mit weiblicher Stimme, die der Männer mit männlicher. Hinzugefügt wird das Alter und das Wort »anwesend«. Auch in Distomo gibt es kein »Ende der Geschichte«.

»Wir können das Verbrechen nicht entschuldigen«, sagt der Direktor der örtlichen Schule in Anwesenheit unter anderem des deutschen Botschafters. »Die Nachgeborenen trifft zwar keine direkte Schuld. Aber wir werden sie daran messen, wie sie sich zu den Verbrechen ihrer Vorväter verhalten werden!«