Flyer mit falschen Bildern

Nazis wollen Anfang August erneut durch die niedersächsische Kurstadt Bad Nenndorf marschieren. Auf Propaganda zeigen sie ausgemergelte Kommunisten anstelle ihrer Märtyrer
Von Kai Budler

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Kreativer und erfolgreicher Protest 2010 in Bad Nenndorf: Antifaschisten ketteten sich an Pyramide und blockierten so über mehrere Stunden eine Straße

Als offizielles Staatsbad ist das etwa 30 Kilometer von Hannover entfernte Bad Nenndorf auf Touristen angewiesen, doch die jährlich Anfang August anreisenden Gäste sind dort nicht willkommen. Seit 2006 nutzen Neonazis das »Wincklerbad« für eine Umdeutung der Geschichte. Jährlich wächst die Teilnehmerzahl ihres sogenannten »Trauermarsches«. Beteiligten sich anfangs nur etwa 100 Rechte aus der Region an dem Zug, nahmen im vergangenen Jahr etwa 1000 Personen teil. Für die Neofaschisten ist das Wincklerbad zu einer überregionalen Anlaufstelle für einen modernen Geschichtsrevisionismus geworden.

Das 1930 erbaute Badehaus gehörte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem rund 100 Gebäude umfassenden Internierungslager des britischen militärischen Geheimdienstes. In Bad Nenndorf wurden ranghohe Nazifunktionäre und Mitglieder der Waffen-SS, führende Militärs und Spitzenkräfte aus der Wirtschaft inhaftiert. In dem Verhörzentrum erhoffte sich der Geheimdienst Informationen über eventuelle Widerstandsaktionen. Mit dem Kalten Krieg änderte sich die Zusammensetzung der Gefangenen. Bereits ab 1946 wurden auch vermeintliche sowjetische Spione im Wincklerbad inhaftiert. Bei beiden Gruppen kam es auch zu Mißhandlungen, bis zur Schließung 1947 starben mindestens drei Männer in dem Lager.

Seit 2006 versuchen Neofaschisten, die damaligen Geschehnisse für ihre Zwecke umzudeuten: Deutsche Täter werden zu Opfern, das Wincklerbad wird zum »alliierten Folterlager« umgeschrieben. Ein sogenannter »Trauermarsch« Anfang August steht nun jährlich auf dem Programm der Rechten. Ein Verbot ist nicht in Sicht; der Mindener Neonazi Marcus Winter hat die Aufmärsche bis ins Jahr 2030 angemeldet. Der mehrfach vorbestrafte Winter gilt als Führungsperson der militanten Neonazis in Ostwestfalen und ist aktiv im rechten Netzwerk »Westfalen Nord«, das maßgeblich an der Organisation des Aufmarsches beteiligt ist. Die Mobilisierung begann in diesem Jahr bereits im Januar. Für die Werbung reisten die Organisatoren unter anderem Anfang Juli auf das Pressefest der NPD-Zeitung Deutsche Stimme nach Sachsen-Anhalt und zum »Tag der Deutschen Zukunft« nach Braunschweig.

Aber auch das Bündnis »Bad Nenndorf ist bunt« bereitet sich schon länger auf den 6. August vor, wenn die Neonazis wieder durch die Kurstadt marschieren wollen. Mit einer Kundgebung und einer Demonstration wollen die Nazigegner dem Aufmarsch »lautstark Paroli bieten« und ihm »entschlossen entgegentreten«.

Auf ihrer Homepage weisen die Antifaschisten nach, daß es den Nazis keinesfalls um Trauer, sondern »um die Verbreitung ihrer Geschichtsverdrehungen und den Aufbau einer nationalsozialistischen Kultstätte« geht. Das habe unter anderem der niederländische Neonazi Constant Kusters unter Beweis gestellt, der für seine 2008 in Bad Nenndorf gehaltene Rede wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe von 300 Euro verurteilt wurde. »Im letzten Jahr mußten am Wincklerbad mehrere bekannte Holocaustleugner von der Polizei am Reden gehindert werden, und zum Abschluß der Propagandafeier wurde ein Lied der Hitlerjugend gesungen«, so das Bündnis.

Der Zusammenschluß hatte sich unmittelbar nach den ersten Aktionen der Neonazis gegründet, war aber zunächst auf ein verhaltenes Echo gestoßen. Steffen Holz vom DGB: »Kommunalpolitisch einflußreiche Personen fürchteten sich vor Gewerkschaften und linken Gegendemonstranten offensichtlich mehr als vor den Rechtsradikalen.« Bis 2008 hatten vor allem Antifagruppen nach Bad Nenndorf mobilisiert. Doch vor zwei Jahren ist der Protest gegen die Naziprovokation auf mehr als 1000 Personen angewachsen. Inzwischen ruft auch der Rat der Stadt zu Aktivitäten auf.

In diesem Jahr konnte das Bündnis bei seinem Versuch, dem »Trauermarsch« den Wind aus den Segeln zu nehmen, bereits einen ersten Erfolg verbuchen. Eine von ihm in Auftrag gegebene Aufarbeitung der Geschichte kommt zu dem Schluß, daß es sich bei den Bildern der ausgemergelten Gefangenen auf den Flyern der Neofaschisten für ihren »Trauermarsch« um Personen handelt, die der Geheimdienst für Kommunisten hielt.

http://www.bad-nenndorf-ist-bunt.com