Norwegen: Hauptmotiv Islamhaß

Von Arnold Schölzel
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Am Sonntag in Oslo: Auf dem Weg zum Trauergottesdienst in der Kathedrale

Der Attentäter, der am Freitag in Oslo und auf der Insel Utøya mindesten 93 Menschen tötete, hatte sein Vorhaben seit langem geplant und war in der rechten islamophoben Szene Westeuropas aktiv. Sein Mandant Anders Behring Breivik habe sein Handeln als »grausam«, aber »notwendig« bezeichnet, erklärte sein Anwalt im norwegischen Fernsehen. Laut Polizei versicherte der Festgenommene am Sonntag, ein Einzeltäter zu sein. Norwegens Regierungschef Jens Stoltenberg sagte bei einem Trauergottesdienst in der Osloer Kathedrale, »jedes einzelne Opfer« sei eine Tragödie. Norwegen werde aber »seine Werte niemals aufgeben«. Die Norwegische Kommunistische Partei und ihr Jugendverband erklärten in einer Stellungnahme, sie unterstützten Stoltenberg darin, nach dem Terrorakt weder Rechte noch persönliche Freiheit einzuschränken.

Die Polizei teilte mit, der 32jährige habe die Fakten zugegeben, jedoch »keine kriminelle Verantwortung« übernommen. Weiterhin werde geprüft, ob bei dem Angriff auf ein Feriencamp der Arbeiterjugend »ein oder mehrere« Schützen beteiligt waren.

Bei einem Besuch des Camps am Donnerstag hatte sich Norwegens Außenminister Jonas Store für die Anerkennung eines palästinensischen Staates ausgesprochen. Im Internet veröffentlichte Fotos zeigten Teilnehmer des Lagers dabei mit Transparenten »Boykott Israel«.

Tatsächlich war Breivik, der angeblich »aus dem Nichts kam« (Bild am Sonntag), kein Unbekannter. So arbeitete er offenbar neun Jahre lang an einem 1500 Seiten langen, auf englisch geschriebenen Manifest mit dem Titel »Eine europäische Unabhängigkeitserklärung – 2083«, das er am Freitag kurz vor seinen beiden Anschlägen im Internet veröffentlichte – ein laut AFP »Pamphlet des Hasses gegen die multikulturelle Gesellschaft, den Islam und den Sozialismus«. Angekündigt hatte er den Text in rechten Internetforen mindestens seit 2009. Bekannt wurde, daß er 2002 zusammen mit acht namentlich nicht genannten Begleitern in London einen eigenen Orden gegründet hatte, um »einen präventiven Krieg zu führen gegen die marxistisch/multikulturellen Regime in Europa« und um »die derzeitige islamische Inva­sion/Kolonisation zurückzuschlagen, zu bekämpfen oder zu schwächen«. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen gegenüber AP vom Sonntag werden die »zunehmenden Internetaktivitäten« dieser Gruppe beobachtet. Laut einer Analyse von Spiegel online ist die Szene, in der Breivik aktiv war, »prowestlich und ausgesprochen proamerikanisch, Israel freundlich zugetan, dagegen aber deutlich antimuslimisch, aggressiv christlich und ›wehrhaft‹, ›monokultistisch‹ und offen feindlich gegen alles, das liberal, links, ›Multi-Kulti‹ und ›internationalistisch‹ ist«. U. a. soll sich Breivik auf den deutschen islamophoben Publizisten Henryk M. Broder berufen haben. Auch die New York Times verwies am Sonntag auf das »Haßklima im politischen Diskurs« der rechten Szene in Westeuropa und zitierte den Politologen Jörg Forbrig vom German Marshall Fund in Berlin mit den Worten, er sei »nicht überrascht«, wenn Dinge wie in Norwegen passierten.

Zehn Jahre nachdem die Terrorattacken in den USA den Vorwand zum weltweiten »Krieg gegen den Terror« lieferten, den der damalige US-Präsident George W. Bush als »Kreuzzug« proklamierte, bombardierte die NATO am Sonntag in einem der laufenden Kriege gegen überwiegend von Moslems bewohnte Länder zum wiederholten Mal die angebliche Kommandozentrale des libyschen Staatschefs Muammar Al-Ghaddafi in Tripolis. Norwegen beteiligt sich noch bis zum 1. August mit Kampfflugzeugen an der »Koalition der Willigen«.