Magical Mystery Tour

Joseph Ratzinger, aka Papst Benedikt XVI., besucht die Heimatfront
von Daniel Lorig

Seitdem sich der römische Bischof Siricius vor über 1 700 Jahren als Erster den entsprechenden Titel zusprach, wird die Menschheit vom Übel des Papsttums begleitet. Heilung scheint nicht in Sicht zu sein.

Im Gegenteil: Trotz Aufklärung, Wissenschaft, tatsächlicher und vermeintlicher Zivilisation, trotz allem verzweifelten Appellieren an die Vernunft und an das Selbstbewusstsein der Menschen: der flotte Patriarch sitzt fest im Papamobil, einem Mercedes Benz G500. Seitdem die Daten seiner Deutschland-Tournee (22. 09.-25. 09. 2011) feststehen, steht die klerikale Community von Flensburg bis Garmisch Kopf; bilden Pope und Pop die Symbiose des Wahnsinns; tönt es landauf-, landabwärts: „Du bist Papst“ und „Der Papst ist ein Bayer so wie wir!“ (zu grölen auf die Melodie von den blauen Bergen). Und obwohl sich schon am ersten Tag der Bekanntgabe der Event-Termine 25 000 Verführte ankündigten, bleibt die Frage, ob man nicht dennoch aufklärerisch-gelassen hierüber hinwegsehen könnte? Müsste man nicht vielmehr zu der Ansicht gelangen, dass die ganze Tournee als Objekt der Kritik aufgrund der unübersehbaren Parallelen zur „Deutschland sucht den Superstar“-Hysterie und der intellektuellen Überschaubarkeit der Protagonisten gänzlich ungeeignet sei, dass eine Kommentierung würdelos erscheine und jede weitere Beschäftigung Zeitverschwendung bedeute?

Mitnichten, denn dass die Feinde des Fortschritts und der Vernunft im Gewand der Lächerlichkeit stolzieren, ist kein Grund, ihnen nicht entgegenzutreten.

Worum geht es also? Sicher nicht darum, die hier lebenden Christen, die beileibe nicht alle Ratzinger-Befürworter sind, unangebracht pauschalisierend als Reaktionäre zu betrachten. Denn obgleich bereits Karl Marx die Religion zutreffend als das „Opium des Volkes“, als „den letzen Seufzer der bedrängten Kreatur“ charakterisierte, so wusste er zugleich, dass dieselbe weder durch Verbote, noch durch das von den Anarchisten favorisierte Niederbrennen von Kirchen besiegt wird, sondern, wenn überhaupt in Gänze, nur in einer anderen Gesellschaft, die die Grundlage für den Fortbestand jeglichen Aberglaubens, nämlich die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, zerstört. Diese andere Gesellschaft ist eine sozialistische und auch in dieser werden wir die Religion als Privatsache akzeptieren müssen. Es geht also nicht um die Christen, es geht um den Papst.

Und dessen Positionen erlauben eben kein gleichgültiges Abwenden, dafür sind sie zu brutal, zu demagogisch, zu einflussreich. Bereits vor seiner Beförderung zum „Heiligen Vater“ war Ratzinger seit 1981 Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, die 1542 als „Kongregation der römischen und allgemeinen Inquisition“ gegründet wurde. Sie hat „abweichende Glaubensvorstellungen“ zu bekämpfen. Diese Behörde steht also nicht nur gedanklich, sondern auch formal völlig in der Tradition der Großinquisitoren des 16. Jahrhunderts. So verwundert Ratzingers ureigene Interpretation der Kolonisierung Amerikas kaum noch. Es ist hinlänglich bekannt und ausreichend überliefert, wie sich die spanischen Eindringlinge im Glanze des Kreuzes bei ihren Eroberungszügen benahmen. Jeder weiß, dass die Indianer gevierteilt und verbrannt wurden, dass ihre Kinder an den Felswänden zerschmettert wurden. Für Ratzinger nichts weiter als eine „Begegnung dieses Glaubens (also des Christentums, D. L.) mit den Urvölkern“. Und er setzt noch einen drauf, denn er ist davon überzeugt, dass die einheimischen Stämme die Christianisierung im Stillen herbei gesehnt haben, wie er auf seiner Brasilienreise 2007 verkündete.

Gelernt ist gelernt. Wer wie Ratzinger in der Hitlerjugend aktiv war, beherrscht Volksverhetzung und Geschichtsrevisionismus besser als der Abt die Knabenverführung. Dass sich halb Lateinamerika über seine Rede empörte, ließ den Patriarchen kalt. Venezuelas Präsident Hugo Chavez forderte gar eine Entschuldigung. Doch auf den ist Ratzinger ohnehin schlecht zu sprechen, seit dieser den Religionsunterricht abgeschafft hat. Apropos Lateinamerika: Auch mit den Befreiungstheologen steht der „Stellvertreter Gottes“ auf Kriegsfuß. Über hundert von ihnen hat er während seiner Zeit als Großinquisitor kalt gestellt. Prominentestes Opfer ist der Brasilianer Leonardo Boff, dem Ratzinger wegen Marxismus-Verdachts die Lehrerlaubnis entzogen hat. Müßig zu erwähnen, dass die öffentliche Geißelung jener Theologen, die die Befreiung von der Armut nicht aufs Jenseits verschieben wollten, von den CIA-Lakaien Pinochet, Stroessner oder Somoza anfeuernd begleitet wurde.

Doch Ratzingers Faschisten-Affinität reicht bis in die Gegenwart. So rehabilitierte er 2009 die braunen Pius-Brüder, die sich besonders durch Holocaustleugnung, Sympathien für lateinamerikanische Diktaturen und ihre Frauenverachtung einen Namen gemacht haben. Dem Papst also, der die Menschenliebe so leichtfertig im Munde führt, die freilich nicht für alle gilt, vor allem nicht für die Homosexuellen, die von ihm mit der vernichtenden Leidenschaft eines Kreuzritters bekriegt werden, kann nicht mit Nichtbeachtung bedacht werden, so sehr er sie verdiente. Der Protest sollte spürbar werden. Es gilt die antiklerikalen Proteste von Spanien auch in Freiburg, Berlin, Erfurt, Eichsfeld und anderswo zu wiederholen. Und zwar solange und so entschlossen, bis wir das ganze verstaubte Papsttum endlich und unwiederbringlich auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt haben.