Deutscher Vernichtungskrieg auf dem Balkan

Geschichte. Am 16. September 1941 befahl das Oberkommando der Wehrmacht die blutige Niederschlagung des jugoslawischen Volksaufstandes
Von Martin Seckendorf

http://www.jungewelt.de/serveImage.php?id=33485&type=o
Vom ersten Tag der Besatzung an: Menschenjagd in allen Teilen Jugoslawiens

Nachdem die Wehrmacht am 6. April 1941 Jugoslawien ohne Kriegserklärung überfallen und in einem »Blitzfeldzug« niedergeworfen hatte, errichteten die deutschen Invasoren und ihre italienischen, ungarischen und bulgarischen Vasallen zusammen mit kroatischen Faschisten in dem größten Balkanland eines der grausamsten Okkupationsregime während des Zweiten Weltkrieges. Man wollte Jugoslawien nicht einfach besetzen, sondern, wie Hitler am 27. März 1941 befohlen hatte, »mit unerbittlicher Härte« zerschlagen. Der jugoslawische Staat sollte für immer ausgelöscht werden. Das Land wurde wie kein anderer von deutschen Truppen unterworfener Staat territorial zerstückelt. Die Okkupanten gliederten Jugoslawien in zehn Teile mit unterschiedlichem Rechtsstatus. Über 35 Prozent der Gesamtfläche wurden von Deutschland, Italien, Ungarn und Bulgarien annektiert. Das übrige Gebiet teilten die Okkupanten und ihre jugoslawischen Helfer unter sich auf, wobei sich die deutschen Aggressoren die Ausbeutung der wirtschaftlichen Reichtümer auch in den anderen Mächten übergebenen Zonen sicherten. Immerhin konnte Jugoslawien den Bedarf der deutschen Kriegswirtschaft bei rüstungssensiblen Metallen wie Kupfer, Blei, Zink, Antimon, Chrom und Bauxit (dem für die Luftrüstung wichtigen Aluminiumvorstoff) zu etwa 25 Prozent decken. Außerdem produzierte das Land in erheblichem Maße Lebensmittel, Tabak und einiges an Rohöl. Die neuen Herren gingen zügig daran, die erlangten Gebiete mit Brachialgewalt national und religiös zu »vereinheitlichen«.

Völkermord

http://www.jungewelt.de/serveImage.php?id=33486&type=o
Freibrief für Kriegsverbrechen: Befehl des OKW zur Aufstandsbekämpfung in Jugoslawien vom 16. September 1941

Sehr früh begannen die deutschen Eroberer die Beseitigung »fremden Volkstums« in der Nordhälfte Sloweniens. Das Gebiet war zur Annexion durch Deutschland und zur »Germanisierung« vorgesehen. Am 9. April 1941, also noch vor der Kapitulation der jugoslawischen Armee, wurde festgelegt, alle »deutschfeindlichen Elemente zu beseitigen«, die zirka 770000 Einwohner slowenischer und serbischer Volkszugehörigkeit »grundsätzlich als Staatsfeinde« zu behandeln und sie in riesigen Deportationswellen »abzuschieben«. Die zu Deportierenden seien zu enteignen. Ihr Vermögen war den meist aus anderen Teilen Jugoslawiens stammenden deutschen Ansiedlern in Slowenien zur Verfügung zu stellen. Gewerbliche Unternehmen sowie landwirtschaftliche Betriebe, die Slowenen gehörten, wurden einer Treuhandgesellschaft unterstellt, um sie in »deutsche Hände« zu überführen. Die slowenische Bevölkerung sollte für Zwangsarbeit zur Verfügung stehen.

Außerdem wurde festgelegt, »den deutschen Charakter« des zu annektierenden Gebietes herzustellen. »Ortsnamen, Straßenschilder, Geschäftsschilder usw. sind sofort auf die deutsche Sprache umzustellen«, heißt es in der Verfügung. Noch im Mai 1941 begannen die Massendeportationen.

Furchtbare Formen und Ausmaße nahm der Völkermord in Kroatien an. Die von den deutschen Eroberern als Staatsverwaltung eingesetzte klerikal-faschistische Ustascha-Bewegung ging sofort daran, den »Unabhängigen Staat« zu kroatisieren. Der Hauptstoß richtete sich gegen die fast zwei Millionen serbischen Einwohner. Hitler hatte den kroatischen »Staatsführer« Ante Pavelic aufgefordert, mit allen politischen und »völkischen« Gegnern nach dem Vorbild der deutschen Nazis zu verfahren und »50 Jahre lang eine national intolerante Politik« zu betreiben. Daraufhin nannte Pavelic als Ziel seiner »Regierung«, die Serben zu beseitigen. Sein Rezept: Ein Drittel von ihnen sollte vernichtet, ein weiteres Drittel deportiert und das letzte Drittel zum Katholizismus bekehrt und damit zu »Kroaten« gemacht werden.

Im Juni 1941 erreichte die massenhafte Tötung und Vertreibung der Serben einen ersten Höhepunkt. Nach Berichten deutscher Behörden wurden etwa 300000 Serben, »insbesondere wehrlose Greise, Frauen und Kinder in der bestialischsten Weise … mit den sadistischsten Methoden zu Tode gequält«. In einer Rede im Jahr 1943 rühmte sich Pavelic, durch seine Politik sei in kurzer Zeit der Anteil der Serben an der kroatischen Bevölkerung »durch die Verdrängung und Massakrierung« von 30 Prozent im April 1941 auf zwölf bis 15 Prozent Anfang 1943, d.h. von zwei Millionen auf rund eine Million Menschen zurückgegangen. Außerdem wurden etwa 28000 Roma und etwa ebenso viele Juden umgebracht.

Den Slowenen, den Serben in Kroatien und in den von Ungarn und Bulgarien annektierten Gebieten, allen Juden und Roma, das wurde sehr bald für die unterworfene Bevölkerung zur Gewißheit, drohte die Vernichtung als Ethnie und als Individuum.

Der deutschen Führung war klar, daß eine solche Politik zu Unruhen führen mußte. Sie war aber entschlossen, jeden Widerstand mit allen Mitteln schon im Keim zu ersticken. Der Oberbefehlshaber der in Jugoslawien eingefallenen 2.Armee, Maximilian von Weichs, befahl am 8.April 1941, gegen jede Auflehnung »mit den schärfsten Mitteln einzuschreiten«. Er forderte »rücksichtsloses Durchgreifen« und die »rechtzeitige und umfangreiche Festnahme von Geiseln, insbesondere der Intelligenz«. Als in Pancevo nahe Belgrad am 20. April 1941 Unbekannte einen SS-Mann getötet und einen weiteren verwundet hatten, wurden nach wahllosen Verhaftungen 18 Serben von der Wehrmacht erschossen und 18 andere auf sadistische Weise erhängt. Die Stadt war Ort des ersten Massakers der Deutschen an Jugoslawen im Zweiten Weltkrieg. 1999 kam wiederum großes Leid über die Stadt. Sie wurde im Aggressionskrieg der NATO gegen Serbien stark zerstört.

Angesichts der barbarischen Okkupationspolitik verstärkte die nur etwa 8000 Mitglieder zählende Kommunistische Partei Jugoslawiens die seit der Kapitulation im April 1941 unternommenen Bemühungen für einen bewaffneten Kampf gegen die Besatzer. Es wurden Waffen gesammelt, militärische Einheiten aufgestellt und auf allen Parteiebenen Militärkomitees gebildet.

Aufstand

http://www.jungewelt.de/serveImage.php?id=33487&type=o
Die zweite Zerstörung: Aufräumarbeiten in einer Montagehalle der Zastava-Autowerke in der serbischen Industriestadt Kragujevac nach den NATO-Luftangriffen vom 9. April 1999

Am 4. Juli 1941 rief die Kommunistische Partei zum bewaffneten Aufstand auf. Sie wies darauf hin, dies sei ein Akt nationaler Notwehr, um der durch Ausbeutung und Terror entstandenen existentiellen Bedrohung zu begegnen. Zum ersten Male im Zweiten Weltkrieg rief eine Untergrundorganisation zum Aufstand gegen die Okkupanten auf.

Die Lage schien günstig. Am 13. Juni hatte die kampfstarke 2. deutsche Armee Jugoslawien verlassen, um am Überfall auf die Sowjetunion teilzunehmen. In Jugoslawien verblieben vier Besatzungsdivisionen von geringem militärischen Wert. Darüber hinaus gab es nur noch Polizei- und SS-Kräfte, Landesschützenbataillone zu Bewachungszwecken sowie bewaffnete Einheiten der deutschen Minderheit. Durch den Krieg gegen die Sowjetunion hatten die Deutschen nur geringe Möglichkeiten, ihre Truppen in Jugoslawien zu verstärken.

Außerdem förderte der deutsche Überfall auf die UdSSR, wie in allen okkupierten Ländern, so auch in Jugoslawien die Kampfbereitschaft breiter Massen. Im Juli-Aufruf wird herausgestellt, daß man den Aufstand auch deshalb ausgerufen habe, um getreu dem proletarischen Internationalismus dem schwer ringenden Sowjetvolk beizustehen. Außerdem wies die Partei darauf hin, daß nur ein Sieg der Sowjetunion über den Faschismus auch den Jugoslawen die Freiheit bringen werde. Im Aufruf heißt es, die Sowjetunion kämpfe auch für die Befreiung Jugoslawiens. Im Rücken der Wehrmacht müsse ein Brandherd, eine zweite Front entstehen. Die ökonomischen Ressourcen und die Verkehrswege Jugoslawiens dürften, so die Partei, nicht den Faschisten zur Verfügung stehen.

Der Aufstand breitete sich wie ein Flächenbrand aus. Vor allem in Serbien errangen die Partisanen spektakuläre militärische Erfolge. Wichtige Städte und größere zusammenhängende Gebiete wurden befreit. Von besonderem Gewicht war die Befreiung von Uzice mit ihrer Rüstungsfabrik im September 1941. Zum ersten Male konnten die Aufständischen ausreichend mit Waffen versorgt werden.

Die Kommunistische Partei bildete als zentrales militärisches Stabs- und Kommandoorgan den »Hauptstab der Volksbefreiungs- und Partisaneneinheiten«.

Die Erfolge der Partisanen und ihr zunehmender Rückhalt in der Bevölkerung erklären sich vor allem aus dem klugen politischen Konzept der Kommunisten unter Josip Broz Tito (1892–1980) für den Befreiungskampf. Die Partei wandte sich an alle Jugoslawen, unabhängig von Nationalität und politischer Meinung. Mit einer umfassenden Einheitsfront wollte man das Land befreien und ein neues Jugoslawien aufbauen. Alle Völker sollten in einer föderalen Republik gleichberechtigt sein. Die Monarchie als Symbol und Instrument des zerstörerischen großserbischen Chauvinismus sollte ebenso abgeschafft werden wie die ungerechten sozialen Zustände, die nationale Zwietracht begünstigten.

Im Juli-Aufruf zum Aufstand wird das multiethnische Konzept der Partei deutlich. Es heißt dort: »Jugoslawen: Serben, Kroaten, Slovenen, Montenegriner, Mazedonier und alle anderen. (…) Erhebt euch alle wie ein Mann gegen die Besatzer, gegen ihre Diener in unserer Heimat, die Schlächter unseres Volkes.«

Die bürgerlich-nationalistischen Widerstandskräfte waren grundsätzlich nicht zu einer Zusammenarbeit mit den Kommunisten bereit. Sie wollten ihre Kräfte sammeln und für das Kriegsende aufbewahren, um die Nachkriegspolitik bestimmen zu können. Bis weit in den September hatten sie sich gegenüber den Okkupanten passiv verhalten. Erst wegen der kommunistischen Erfolge nahmen sie punktuell am Befreiungskampf, vereinzelt auch an der Seite der kommunistischen Partisanen, teil. Sehr bald suchten sie aber die Zusammenarbeit mit den Okkupanten gegen die Befreiungsfront.

Das traf besonders auf die größte der nationalistischen Gruppen unter dem Obersten der königlich-jugoslawischen Armee Draza Mihajlovic zu. Ab Mai 1941 hatte er mit Hilfe der Briten eine Partisanenorganisation weitgehend aus ehemaligen Militärs organisiert. Sie nannten sich in Anlehnung an die traditionellen serbischen Wehrscharen Tschetniks. Mihajlovic galt als der Vertreter der in London weilenden Exilregierung. Er selbst bezeichnete sich oft als der »Führer der Serben« und vertrat sozial reaktionäre und großserbische Positionen.

Die Erfolge der kommunistischen Partisanen, ihr gesamtjugoslawisches Staatskonzept und ihre Politik in den befreiten Gebieten bewirkten, daß sich zahlreiche Anhänger und Unterführer der Mihajlovic-Einheiten den Partisanen anschlossen. Um der Isolation zu entgehen, erlaubte Mihajlovic ab Mitte September Attacken auf die Okkupanten und ein punktuelles Zusammengehen mit den Tito-Partisanen. Die Periode der halbherzigen Kooperation beendete Mihajlovic abrupt Anfang November 1941. Am 2.11. griffen seine Einheiten das Hauptquartier der Tito-Bewegung in Uzice an, um, wie er am 9. November nach London funkte, »die Kommunisten sofort zu liquidieren«. Oft mit deutschen Waffen, führte Mihajlovic seitdem einen Bürgerkrieg mit schrecklich vielen Opfern.

Der Seitenwechsel der Tschetniks führte Ende 1941 zu einer Wende im Volksaufstand. Die Deutschen, die im Oktober kaum noch hofften, die »Schlacht um Serbien« bald zu gewinnen, erhielten Oberwasser. Es gelang ihnen, die Befreiungsbewegung erheblich zu schwächen und vorrübergehend aus Serbien weitgehend zu vertreiben. Die Tito-Bewegung verlegte den Schwerpunkt des Kampfes nach Kroatien. Dort nahm sie einen steilen Aufschwung. Die Mitgliederzahl der Kommunistischen Partei wuchs auf über 140000. Sie formierten die größte Partisanenarmee im Zweiten Weltkrieg. Im Sommer 1944 kehrte die Volksbefreiungsarmee nach Serbien zurück und verjagte im Bunde mit der Roten Armee die Okkupanten und ihre einheimischen Helfer.

»… durch ungewöhnliche Härte«

1941 waren die Deutschen lange Zeit der Auffassung, daß man der Unruhen mit verstärktem Polizeiterror Herr werden könnte. Ziemlich früh hatte man aber Klarheit darüber, wer die Initiatoren und Organisatoren des Aufstands waren. Der Befehlshaber Serbien meldete am 2. August: »Träger der Unruhen sind Kommunisten.« Man habe bis Ende August, so die Meldungen, über 1000 »Kommunisten und Juden« meist durch deutsche Polizei erschießen lassen. Doch noch im August mußten die vier Besatzungsdivisionen eingreifen. Auch sie konnten das Blatt nicht wenden. Von den verantwortlichen Trägern der deutschen Okkupationspolitik in Jugoslawien ergingen dramatische Appelle nach Berlin, Truppenverstärkungen zu schicken, da, so der Bevollmächtigte des Auswärtigen Amtes in Serbien am 29. August, »hiesige deutsche Militär- und- Polizeikräfte trotz … nicht unbedeutender Verluste zur Niederschlagung zunehmender kommunistischer Aktion nicht ausreichen«. Die deutsche Herrschaft vor allem in Serbien, der für den deutschen Imperialismus strategisch und wirtschaftlich wichtigsten Balkanregion, geriet ins Wanken.

Mitte September entsandte das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) zweieinhalb kampfstarke Divisionen mit einem besonderem Auftrag nach Serbien: Durch massenhafte Tötung von Zivilisten sollten sie den Aufstand im Blut ersticken. Dieses »Modell«, militärische Erfolge durch die massenhafte Tötung von Zivilisten zu erzielen, hatte die Wehrmacht zuvor auf Kreta erprobt. Um die kretische Partisanenbewegung zu unterwerfen, hatte General Kurt Student am 31. Mai 1941 in dem bis dahin furchtbarsten Befehl der deutschen Militärgeschichte angeordnet, Erschießungen bis zur »Ausrottung der männlichen Bevölkerung ganzer Gebiete« durchzuführen.

Grundlage des Vernichtungskrieges gegen die serbische Zivilbevölkerung war ein Befehl Hitlers vom 16. September 1941. In dem als »Weisung Nr. 31a für die Kriegführung« bezeichneten Dokument wird die Wehrmacht mit der »Niederschlagung der Aufstandsbewegung« beauftragt. Es komme darauf an, so die Weisung, »mit den schärfsten Mitteln die Ordnung wiederherzustellen«.

Am gleichen Tag erließ der Chef des OKW, Wilhelm Keitel, »Richtlinien« für die Durchführung des Hitlerbefehls. Darin heißt es: Durch den Aufstand entstehe eine »Gefahr für die deutsche Kriegführung (…) Die bisherigen Maßnahmen, um dieser allgemeinen Aufstandsbewegung zu begegnen, haben sich als unzureichend erwiesen (…) Um die Umtriebe im Keim zu ersticken, sind beim ersten Anlaß unverzüglich die schärfsten Mittel anzuwenden (…) Als Sühne für ein deutsches Soldatenleben muß (…) die Todesstrafe für 50–100 Kommunisten als angemessen gelten.« (Hervorheb. i. Original – M.S.) Weiter heißt es, daß »eine abschreckende Wirkung nur durch ungewöhnliche Härte erreicht werden kann.« Deshalb müsse die Hinrichtung so grausam wie möglich erfolgen. Keitel schrieb, »die Art der Vollstreckung muß die abschreckende Wirkung noch erhöhen«.

Der mit der Niederschlagung des Aufstandes in Serbien beauftragte General Franz Böhme ordnete an, die Grundsatzbefehle des OKW »in der schärfsten Form« durchzuführen. Für jeden getöteten Deutschen waren 100, für jeden verletzten Okkupanten 50 Geiseln zu ermorden. Weiter wurde befohlen: »Die bei Kampfhandlungen (…) gefangenen Kommunisten sind grundsätzlich am Tatort als abschreckendes Beispiel zu erhängen oder zu erschießen (…) Ortschaften, die im Kampf genommen werden müssen, sind niederzubrennen.« Um eine genügende Anzahl von Todeskandidaten verfügbar zu haben, wurden in großem Umfang unbeteiligte Zivilisten verhaftet und als Geiseln in Konzentrationslagern der Wehrmacht gefangengehalten.

Der maßlose, zum Exzeß getriebene Terror sollte vor allem vorbeugend wirken. Man wollte lähmendes Entsetzen erzeugen, um die Bevölkerung von Widerstand und von der Unterstützung der Partisanen abzuhalten. Im Befehl zur »Säuberung« der Stadt und des Gebietes Sabac vom 25. September 1941 wird die Grundlinie für den Vernichtungskrieg gegen die Zivilbevölkerung deutlich. Den Wehrmachtseinheiten wurde befohlen: »Es muß ein abschreckendes Beispiel für ganz Serbien geschaffen werden, das die gesamte Bevölkerung auf das Schwerste treffen muß.«

Annähernd im Wochentakt folgten gräßliche Massaker mit entsetzlich vielen Opfern. In Belgrad wurden bis zum 30. Oktober 1941 nach einem deutschen Bericht 4750 Zivilisten umgebracht. Die 717. Infanteriedivision meldete folgende »Ergebnisse im Oktober 1941«: 4300 Zivilisten seien »als Sühne für gefallene und verwundete (deutsche) Soldaten« getötet worden. Außerdem habe man 797 gefangene Partisanen erschossen und fünf erhängt. Am 17. Oktober wurden in Kraljewo 1755 Männer und Frauen ermordet. Zwei Tage später befahl man die Erschießung von 2200 »festgenommenen Serben« wegen einer Partisanenaktion in Valjevo. Die Wehrmacht hatte bis Ende 1941 allein in Serbien mindestens 30000 Zivilisten umgebracht.

Durch Nazis und NATO zerstört

Den Höhepunkt erreichte der Mordfeldzug deutscher Soldaten gegen jugoslawische Zivilisten mit Massakern in der Stadt Kragujevac und in deren Umgebung. Als Vergeltung für bei Gefechten mit Partisanen gefallene deutsche Soldaten wurden zwischen dem 18. und 21. Oktober annähernd 7000 Menschen umgebracht, davon mehr als 2300 am 21. Oktober in Kragujevac. Bereits seit dem 18.Oktober hatten an verschiedenen Stellen der Stadt, darunter in den Produktionshallen der heutigen Zastava-Autowerke, Erschießungen stattgefunden. Das größte Massaker erfolgte am 21. Oktober. Es dauerte mehr als sieben Stunden. Dabei wurden auch ganze Schulklassen, insgesamt etwa 300 Gymnasiasten, zusammen mit ihren 18 Lehrern erschossen. Die Morde in der Stadt geschahen, obwohl nach einem Bericht deutscher Stellen dort keine Partisanenaktion stattgefunden hatte. Außerdem wurden die nahegelegene Stadt Gornji Milanovac und, wie es in einem Bericht der Kreiskommandantur heißt, alle Dörfer an der Straße von Gornji Milanovac nach Kragujevac »vollkommen zerstört«. Üblich war, daß dabei alle Einwohner erschossen wurden.

Die Mordaktionen in Kragujevac gelten als Sinnbild deutscher Besatzungsherrschaft in Jugoslawien. Noch heute stehen in fast jeder Wohnung der 150000 Einwohner zählenden Stadt Bilder von Verwandten, die von deutschen Soldaten umgebracht worden waren.

Nach dem Krieg erlebte Kragujevac trotz schwerer Zerstörungen vor allem dank der dortigen Fahrzeugwerke »Zavodi Crvena Zastava« (Fabrik Rote Fahne) einen beachtlichen wirtschaftlichen Aufschwung. 50000 Menschen arbeiteten dort. Kragujevac galt als das Wolfsburg des Balkan. Die beliebten Klein- und Mittelklassewagen wurden in über 70 Länder exportiert. Sogar in den USA konnten zeitweise 150000 Fahrzeuge abgesetzt werden.

Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurde Zastava vom Bannstrahl imperialistischer Sanktionen getroffen. Auf diese Weise war es möglich, einen lästigen Konkurrenten deutscher und US-amerikanischer Fahrzeugproduktion zu schädigen. Dessen endgültiges Aus sollte 1999 herbeigeführt werden.

Im April 1999 – fast auf den Tag genau 58 Jahre nach dem Überfall der Wehrmacht – begann unter maßgeblicher Mitwirkung deutscher Kräfte ohne UN-Mandat ein Angriff der NATO auf Jugoslawien. Kragujevac war dabei ein besonderes Zielobjekt. Ab 9. April wurde die Stadt mit Flugzeugen und Marschflugkörpern angegriffen. Viele Einwohner wurden verletzt und Wohngebiete beschädigt. Auch der Gedenkstättenkomplex Sumarice, in dem täglich die Namen der Opfer deutscher Soldateska von 1941 verlesen werden, nahm Schaden. Vor allem aber legte die NATO unter dem Vorwand, die serbische Waffenproduktion zu unterbinden, die »Zastava«-Werke in Schutt und Asche. Eine große Zahl von Arbeitern wurde verletzt. Der materielle Schaden belief sich auf umgerechnet 850 Millionen Dollar. Kragujevac lebte von Zastava wie Wolfsburg von VW. Die Lebensgrundlage der Stadt war ausgelöscht. Das Werk und die Stadt haben sich von der dritten Aggression gegen Serbien in einem Jahrhundert, an der deutsche Soldaten beteiligt waren, bis heute nicht erholt.

Dr. Martin Seckendorf ist Historiker und Mitglied der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V.