Imagepflege und Verdrängung

Hoyerswerda: 20 Jahre nach dem rassistischen Pogrom wollen viele nichts mehr davon wissen
Von Lothar Bassermann

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Rund 250 meist junge Leute demonstrierten am Sonnabend in Hoyerswerda

Mehrere hundert Menschen haben am Samstag in Hoyerswerda an das rassistische Pogrom erinnert, mit dem die sächsische Stadt vor genau 20 Jahren traurige Berühmtheit erlangte. Befeuert von Hunderten Sympathisanten hatte im September 1991 ein rechter Mob eine Hatz auf ehemalige Vertragsarbeiter und Asylsuchende veranstaltet, hatte deren Unterkünfte mit Brandsätzen, Steinen und Flaschen attackiert. Etwa 30 Menschen wurden unter den Augen der zumeist untätigen Polizei zum Teil schwer verletzt. Nachdem die Attacken auch nach einer Woche nicht abflauten, entschieden sich die Behörden zur Evakuierung der Betroffenen aus der Stadt – unter dem Jubel des rechten Mobs. Die Ereignisse in Hoyerswerda und spätere ähnliche in anderen deutschen Städten führten Ende 1992 zur faktischen Abschaffung des Asylrechts durch CDU/CSU, FDP und SPD.

Rund 250 zumeist junge Leute folgten am Samstag nachmittag einem Aufruf »Ereignisse beim Namen nennen!« der linken Initiative »Pogrom91«. Sie zogen vom Hauptbahnhof zum Wohnblock in der Albert-Schweitzer-Straße, in dem sich damals das Vertragsarbeiterwohnheim befand. An einer zeitgleich stattfindenden Gedenkkundgebung am Lausitzer Platz, zu der die Stadtverwaltung und Hoyerswerdas Oberbürgermeister Stefan Skora (CDU) aufgerufen hatten, beteiligten sich knapp 100 Menschen. Dabei wurden Kerzen entzündet und kurzzeitig eine Stele im Gedenken an die Opfer aufgestellt. Einen Ort, der dauerhaft an die Geschehnisse im Jahr 1991 erinnert, gibt es im öffentlichen Straßenland bis heute nicht.

Redner der antifaschistischen Demonstration kritisierten den Umgang der Stadt mit den Ereignissen im September 1991. Es werde vielfach der Eindruck erweckt, es seien lediglich junge Neonazis an den Überfällen beteiligt gewesen. Die Mitwirkung eines »rechten Bürgermobs« werde verschwiegen. »An Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten« sei es, daß die Stadt am Samstag 20 Jahre nach dem Pogrom dem revanchistischen »Bund der Vertriebenen« die Lausitzhalle für deren »Tag der Heimat« zur Verfügung gestellt habe.

Statt einer ernstgemeinten Aufarbeitung werde nur Imagepflege betrieben, wurde moniert. Ähnlich äußerte sich auch die Hoyerswerdaer Bundestagsabgeordnete Caren Lay (Die Linke) in einer Erklärung vom Wochenende: »Es waren Kollegen und Nachbarn, die die Wohnheime tagelang belagerten und ihre Bewohner angriffen. Es wird Zeit, daß die Perspektive der Opfer berücksichtigt wird.« Lay unterstützte ebenso die Forderung ehemaliger Vertragsarbeiter nach einem Denkmal für diejenigen, »die aus rassistischen Motiven und mit massiver Gewalt aus der Stadt gejagt wurden«. Ein Entwurf für ein solches Mahnmal wurde am Samstag am Rande der Antifademo vorgestellt. Es zeigt eine auf einem Sockel angebrachte Vitrine, in der sich ein Pflasterstein und eine Flaschenscherbe sowie der auf einer Glasscheibe angebrachte Spruch »In Erinnerung an das rassistische Pogrom von Hoyerswerda« befindet.

Wie aktuell das alles ist, zeigte ein Vorfall am Rande: Rund 25 vorwiegend betrunkene Neonazis störten mit rechten Parolen eine Schweigeminute für Mike Zerna und Waltraud Scheffler, die Anfang der 1990er Jahre durch rechte Jugendliche nahe Hoyerswerda umgebracht worden waren. Die Polizei duldete die unangemeldete Versammlung der Rechten und schritt auch nicht ein, als ein Teilnehmer den Hitler-Gruß zeigte.