»Die Stadt will Sperrgebiet für Nazis schaffen«

Am Samstag wollen Neofaschisten in Münster aufmarschieren. Dazu werden Tausende Gegendemonstranten erwartet. Ein Gespräch mit Hannes Draeger
Interview: Peter Wolter

Unser Gesprächspartner:

Hannes Draeger aus Münster ist der nordrhein-westfälische Landessprecher von [’solid] , dem Jugendverband der Linkspartei

Für Samstag haben Neonazis in Münster eine Demonstration angemeldet – welchen Rückhalt haben sie eigentlich in der Bevölkerung? Bisher sind die Braunen in Münster kaum in Erscheinung getreten.

Der Naziaufmarsch ist in der Stadt ein riesengroßes Thema, die Lokalzeitungen sind voll davon. Man merkt in Gesprächen, bei Veranstaltungen und beim Verteilen von Flugblättern, daß es sehr vielen Leuten nicht paßt, daß die Neonazis demonstrativ durch Münster marschieren wollen.

Was sagt die Stadtverwaltung dazu? Es gibt doch unterschiedlichste Begründungen, mit denen solche Aufmärsche verboten werden können.

Sie hat in keinem Moment versucht, ein Verbot zu prüfen, obwohl verschiedene Gruppen genau das immer wieder gefordert hatten. Ihre Strategie besteht darin, Neonazis und Antifaschisten auseinanderzuhalten, indem sie ein »Sperrgebiet für Nazis« schaffen will.

Münster hat den wohl einzigen Polizeipräsidenten in Deutschland, der der Partei Bündnis90/Die Grünen angehört. Wäre nicht von ihm eher Unterstützung zu erwarten, diesen Aufmarsch zu unterbinden?

Das hatten wir auch gedacht. Leider zeichnete sich aber schnell ab, daß auch der grüne Polizeipräsident nicht von der üblichen Einschüchterungstaktik lassen will. So versucht auch er, friedliche Sitzblockaden zu kriminalisieren. Insofern verhält er sich wie andere Polizeibehörden auch: gewaltloser und friedlicher Widerstand wird in die linksextremistische Ecke gestellt und als Straftat diffamiert.

Gegen den Neonaziaufmarsch hat sich ein breites Bündnis gebildet: Gewerkschaften, Die Linke, die DKP, die VVN/BdA etc. – die üblichen Verdächtigen also. Wie steht die eher bedächtige Münsteraner Bevölkerung dazu?

Es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen dabei, sondern auch Organisationen wie der AStA und Fachschaften der Universität oder kirchliche Gruppen. Unser Bündnis ist mittlerweile auf über 130 Organisationen gewachsen! Das Spektrum ist also sehr breit, es ist ein Gesamtbild der Münsteraner Bevölkerung. Das Interesse an uns ist riesig, wir haben bisher pro Woche mehrere hundert Anfragen von Leuten bekommen, die Infomaterial bestellen wollen.

Am Sonntag z.B. gab es im Stadtteil Rumphorst eine beeindruckende Versammlung von rund 300 Anwohnern, die nicht bereit sind, den Naziaufmarsch vor ihrer Haustür zu tolerieren. Da wurden sehr interessante Ideen entwickelt: Ein Grillfest auf der Straße etwa oder Sitzblockaden der Nachbarschaft. An vielen Hausfassaden in diesem Stadtteil hängen auch Plakate gegen diese Provokation.

Das überrascht ein wenig, die Münsteraner gelten doch eher als konservativ, katholisch und stocktaub gegenüber linken Argumenten …

In diesem Stadtteil wohnen ganz normale Bürger, Intellektuelle sind darunter, Arbeiter, Beamte, Angestellte – ein Querschnitt der Gesellschaft also. Eines der Protestzentren ist die katholische Thomas-Morus-Kirche, die schon am Abend davor zum »politischen Nachtgebet« unter dem Motto »Keinen Meter den Nazis« einlädt.

War nicht auch ein CDU-Ratsherr in dem Bündnis?

Das war Richard Halberstadt, der friedenspolitische Sprecher seiner Ratsfraktion. Leider hat er sich dann zurückgezogen, nachdem der Polizeipräsident versucht hatte, unseren Protest zu kriminalisieren. Ich vermute mal, daß ihn die lokalen CDU-Größen unter Druck gesetzt haben.

Welche Relevanz haben Neonazis im Münsterland? Haben sie lokale Schwerpunkte oder wollen sie jetzt einen solchen in Münster schaffen?

In einigen Städten südlich von Münster – in Ahlen etwa oder in Hamm – versuchen die »autonomen Nationalisten«, so etwas wie Schwerpunkte zu schaffen. Sie haben jetzt auf ihrer Website angekündigt, die »rote Hochburg« Münster stürmen zu wollen ….

Wer ist denn damit gemeint? Die CDU sitzt in Münster fest im Sattel.

Sie meinen wohl die vielfältige linke Szene, die es hier gibt. Wir rechnen damit, daß am Samstag bis zu 200 Neonazis kommen – und erwarten, daß sich einige tausend Bürgerinnen und Bürger ihnen entgegenstellen werden.

* Die Gegenkundgebungen beginnen am Samstag um 9.00 Uhr, Einzelheiten, auch über Aktivitäten der Kirchengemeinde, unter:www.keinenmeter.de.ms