„Hitler von Köln“ als Verräter?

Von Tomas Sager

Die Neonazi-Szene in Westdeutschland verliert offenbar einen ihrer „Führungskameraden“: Axel Reitz sei „aus der Bewegung ausgeschieden“, teilten „Freie Kräfte im Rheinland“ heute mit.

Veröffentlicht wurde der Hinweis auf Reitz’ angeblichen Rauswurf respektive Abschied aus der Szene zunächst auf der Homepage der NPD Düsseldorf/Mettmann. Andere Neonazis – darunter „Altermedia“ – zogen später auf ihren Internetseiten nach. Die „Freien Kräfte im Rheinland“ werfen Reitz vor, im Ermittlungsverfahren gegen das „Aktionsbüro Mittelrhein“ habe er „umfangreiche belastende Aussagen gemacht“.

Den Angaben jener Neonazis zufolge hat die Staatsanwaltschaft Koblenz in den letzten Tagen eine angeblich 900 Seiten starke Anklageschrift gegen Mitglieder und Unterstützer des „Aktionsbüros“ fertig gestellt. Sie behandele neben dem Vorwurf, bei der braunen Truppe mit Schwerpunkt im nördlichen Rheinland-Pfalz und im südwestlichen Nordrhein-Westfalen handele es sich um eine kriminelle Vereinigung, auch einen Landfriedensbruch in Dresden im Jahr 2011. Mit dem Beginn einer langen Hauptverhandlung werde für den Herbst gerechnet.

Bei einer Razzia gegen Mitglieder und Unterstützer des „Aktionsbüros“ waren Mitte März 24 Neonazis in Haft genommen worden, darunter auch Reitz. (bnr.de berichtete) 21 von ihnen sitzen derzeit noch ein. Im Mai soll ein weiterer „Kamerad“ in Haft genommen worden sein. „Die Kameraden halten bis auf sehr wenige Ausnahmen in Treue fest gegen die haltlosen Beschuldigungen“, resümieren die „Freien Kräfte im Rheinland“.
Spekulationen über einen „Deal“ mit den Ermittlern

Für Reitz gilt das offenbar nicht. Er war bereits am 10. Mai aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Dies hatte auch in der Szene selbst für Überraschung gesorgt, handelte es sich bei dem 29-Jährigen aus Pulheim bei Köln doch um den „prominentesten“ Beschuldigten. Landauf, landab ist er bereits Demonstrationen und Saalveranstaltungen der Szene in den letzten Jahren als Redner aufgetreten. Medien titulierten ihn gar als „Hitler von Köln“.

Erkennbar wurde das Misstrauen, das nach der Haftentlassung in seinen Kreisen gegen Reitz gehegt wurde, spätestens Ende Mai, als Neonazis in Mönchengladbach demonstrierten. (bnr.de berichtete) Die Teilnehmerzahl hielt sich in Grenzen. Offenbar waren einige Neonazis gar nicht erst erschienen, weil sie vermuteten, bei der „Mahnwache“ handele es sich um eine von Reitz gesteuerte Aktion. „Wir hatten schon über 10 Leute mobilisiert, aber nachdem die Nachricht kam, dass der Verräter da die Finger im Spiel hat, haben wir unsere Teilnahme abgeblasen“, schrieb ein Kommentator „NW Duisburg“ bei „Altermedia“. Spekuliert wurde seinerzeit, Reitz könne einen „Deal“ mit den Ermittlern geschlossen haben und so zum „Verräter“ geworden sein. Verstärkt wurden diese Spekulationen, da Reitz weder direkt noch indirekt – etwa über seinen Rechtsanwalt – zum Ermittlungsverfahren und zu seiner Rolle darin szeneöffentlich Stellung nahm.