Verwurzelte braune Strukturen

Von Tomas Sager

Mit dem „Nationalen Widerstand Dortmund“ und der „Skinhead-Front“ Dorstfeld sind zwar die beiden Strömungen der militanten Neonazi-Szene in Dortmund verboten – zumindest deren harter Kern wird aber nicht in der Versenkung verschwinden.
In Dortmund hat sich die braune Szene mehr und mehr ausgebreitet;

Die Neonazi-Szene in Dortmund wuchs und gedieh über Jahrzehnte wie die in keiner anderen Stadt im Westen der Republik. Jetzt, nachdem vor zehn Jahren die breite demokratische Öffentlichkeit in der Ruhrgebietsmetropole auf das Problem aufmerksam wurde, nachdem vor fünf Jahren auch die Offiziellen der Stadt dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu schenken begannen und nachdem vor einem Dreivierteljahr auch die Polizei die Zügel anzog, muss sich erweisen, ob sich Fehler von mehr als 20 Jahren korrigieren lassen.

Vieles, wenn nicht alles, begann mit Siegfried Borchardt. Er führte von Dortmund aus die nordrhein-westfälische Filiale der „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP). Er baute die „Borussenfront“ auf, bereits in den 80er Jahren bundesweit Vorbild für neonazistische Organisationsversuche rund um Fußballstadien. Auf sein Konto geht die Entwicklung erster Kameradschaftsstrukturen in der Stadt. Heute ist er bestenfalls noch Maskottchen einer braunen Bewegung, die über die Borchardts längst hinweggegangen ist. Bei Julfeiern der Kameraden darf der knapp 59-Jährige noch von früher schwärmen.

Schon um die Jahrtausendwende, bei einer ersten Serie neonazistischer Demonstrationen in Dortmund, war es nicht Borchardt, der im Wesentlichen die Arbeit machte. Stattdessen bediente man sich des organisatorischen und juristischen Sachverstands von Christian Worch. Endgültig beendet war das Kapitel Borchardt, als er Mitte des vorigen Jahrzehnts wieder einmal in Haft saß und zunächst und vorübergehend zwei Frauen die braune Sache in die Hand nahmen.

Gewalt gehört zum Aktionsrepertoire

Das war nur ein Intermezzo. Kurz darauf war die Zeit der „Autonomen Nationalisten“ (AN) angebrochen. Deren regionaler Kopf Dennis Giemsch rückte, assistiert von einer Handvoll anderer Rechts-„Autonomer“, an die Spitze der Dortmunder Neonazis. Sie wurden zum Vorbild anderer AN-Gruppen in Westdeutschland. In Dortmund geht was, so der Eindruck. „Dortmund ist unsere Stadt“ wurde zum Leitspruch. Die Behauptung war schon damals zwar falsch. Doch richtig war, dass sich auch dank des Desinteresses der offiziellen Politik und der Hilflosigkeit zumal der Polizeispitze die Szene mehr und mehr ausbreiten konnte. Neonazis aus dem Umland und sogar aus anderen Bundesländern zogen nach Dortmund um, insbesondere in den Stadtteil Dorstfeld, wo sich die AN-Klientel sammelte und noch heute besonders dreist gebärdet, wenn es gegen Demokraten geht.

Zum Aktionsrepertoire der örtlichen Szene gehört seit den Zeiten Borchardts, der mehrfach wegen Körperverletzungsdelikten einfuhr, untrennbar die Gewalt. Erst unlängst wurde bekannt, dass Dortmund – gemeinsam mit Wuppertal – im ersten Halbjahr 2012 die nordrhein-westfälische Stadt mit den meisten rechtsextrem motivierten Gewaltdelikten war. Fünf Menschen wurden seit dem Jahr 2000 in der größten Stadt des Ruhrgebiets von Neonazis ums Leben gebracht: drei Polizeibeamte vor zwölf Jahren, ein Punker 2005 und ein türkischer Kioskbesitzer im Jahr darauf. Die Zahl der Körperverletzungen, begangen von Neonazis, lässt sich nicht konkretisieren. Ebenso wenig wie die Anzahl direkter Bedrohungen von Menschen, die nicht ins braune Weltbild passen. Bundesweit machte Dortmund Schlagzeilen, als es Neonazis gelang, eine Familie durch Psychoterror aus ihrer Stadt zu vertreiben.

AN stehen für Dreistigkeit und Psychoterror

Gemeinsam war und ist den Neonazis in der Stadt das – mal verklausulierte, mal offene – Bekenntnis zum Nationalsozialismus. Doch es gibt auch Unterschiede, vor allem zwischen den sich rechts-„autonom“ gebärdenden Personen rund um Giemsch und der „Skinhead-Front Dorstfeld“ (SFD).

Militant sind sie beide. Doch Dortmunds „Autonome Nationalisten“ stehen eher für Dreistigkeit und Psychoterror, der Demokraten einschüchtern und vertreiben soll, während SFD-Akteure immer wieder dadurch auffallen, dass sie – zumal unter dem Einfluss von Alkohol – blindwütig losschlagen. Unterschiede gab und gibt es zudem im strategischen Ansatz. Auch wenn sie sich von einem Vertreter des radikaleren NPD-Flügels unterstützen lassen, stehen die AN für die Ablehnung parteipolitischen Engagements. Vertreter der SFD hingegen füllten einst die Kandidatenreihen der personell schwach aufgestellten DVU. Bereits optisch unterscheiden sich beide Gruppen: die AN, die im Strom der Jugendkulturen von heute schwimmen wollen, auf der einen Seite, die SFD andererseits, die mit ihrem Outfit und kulturell eher an die Neonaziszene der späten 90er Jahre erinnert.

Das Herzstück brauner Logistik ist geschlossen

Verboten sind nun beide Strömungen. Die von NRW-Innenminister Ralf Jäger in der vorigen Woche erlassene Verfügung gegen den „Nationalen Widerstand Dortmund“ trifft nicht nur die AN-Strukturen, sondern auch die SFD. Logistisch wirft das Verbot die Szene erheblich zurück: Alte Telefonnummern sind nicht mehr erreichbar, weil die Handys einkassiert wurden. Der Twitterdienst der AN stellte zumindest vorläufig seinen Betrieb ein, ebenso der „Resistore“-Versand und die Internetseite „Infoportal Dortmund“. Der bei Demonstrationen häufig eingesetzte Bulli ist nun Landeseigentum, die Lautsprecheranlage ebenfalls. Das „Nationale Zentrum“ als Herzstück brauner Logistik in Dortmund ist geschlossen.

Zumindest der harte Kern Dortmunder Neonazis wird auch nach dem Verbot ihrer Organisationen nicht in der Versenkung verschwinden. Die Optionen sind aus ihrer Sicht allerdings nicht besonders verlockend. Der Neuaufbau einer lockeren Vernetzung, bei der feste Strukturen noch weniger zu erkennen sind als jetzt, wäre eine. Dortmunds Polizei erweckt freilich nicht den Eindruck, als würde sie den Aufbau solcher Ersatzorganisationen tolerieren.

Unter das Dach der NPD zu schlüpfen, wäre zumindest für einige Akteure eine andere Option. Mit dem Vorsitzenden des Nachbarkreisverbandes Unna/Hamm arbeiten die „Autonomen Nationalisten“ schließlich schon länger eng zusammen. Doch ein solches Modell würde den Anspruch von Parteichef Holger Apfel konterkarieren, der seine Partei als „seriös-radikal“ präsentieren mochte, was eine so offensichtliche Anbandelei mit militant neonazistischen Kräften eigentlich ausschließen sollte.

„Mit ganzer Kraft Aktionen gegen staatliche Repressionen“

Aus anderen Teilen der Republik und aus der Nachbarschaft gibt es einige Vorschläge. „Was hat sich verändert? Die Rebellen werden neue Bündnisse schmieden, noch konspirativer vorgehen, sich noch mehr vor Verrätern und Schwächlingen hüten und noch verbissener und mit noch ausgefeilteren Kampfmethoden vorgehen“, heißt es auf der Neonazi-Seite „Besseres Hannover“. Und die in der vorigen Woche ebenfalls verbotene „Kameradschaft Hamm“ konstatiert, es müssten und neue Mittel und Wege gefunden werden: „Trotz zahlreicher Organisationsverbote in den letzten Jahrzehnten hat die nationale Bewegung gezeigt, dass sie sich von keiner Repression des Regimes klein kriegen lässt. Sollte in Zukunft also jeder Aktivist auf eigene Faust handeln müssen, wäre dies ein Faktor, der für das Regime vollkommen unberechenbar sein würde.“

Solche Fragen scheinen in der Dortmunder Szene selbst erst einmal vertagt zu sein. Zunächst steht der 1. September auf dem Kalender, der Tag, an dem die Szene zum „Nationalen Antikriegstag“ auf die Straße gehen wollte. Bislang ist die Demonstration untersagt. Bleibt das Verbot vor Gericht bestehen, droht eine „Aktionsgruppe 129-86a-130“ schon einmal unter der Überschrift „Verboten? Jetzt erst recht!“ mit nicht angemeldeten Aktionen bundesweit: „Sollte der Antikriegstag 2012 also bis zum Schluss verboten bleiben, wird es am 1. September mit ganzer Kraft zu Aktionen gegen staatliche Repressionen kommen. So werden allein in Dortmund durch Aktivisten aus ganz Deutschland unvermeidbar eine Vielzahl kreativer Aktionen durchgeführt, um den Kampf gegen das unterdrückerische Regime stärker denn je auffachen zu lassen.“ (Fehler im Original)