Eine antifaschistische Tat

Zum Tode von Walter Nowojski
Von Kurt Pätzold

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Walter Nowojski 1961

Woher er die Kraft beziehe, die Arbeit weiterzuführen, und ob sie ihn nicht manchmal verließe, ist der 80jährige im Mai 2012 bei einer Veranstaltung in dem seinem Lebensort Eichwalde benachbarten Wildau gefragt worden, wo er sich im Volkshaus dem Gespräch mit einem halben Hundert Zuhörer stellte. Wenn er es nicht zu Ende bringe, sei seine Antwort gewesen, werde es nach ihm niemand mehr machen. Und darauf gefragt, wieviel Jahre ihn diese Kärrnerarbeit, die er vor mehr als einem Vierteljahrhundert begonnen hatte, noch ausfüllen werde, gab er vier an. Die sind ihm nicht geblieben. Am 9. November ist er verstorben.

Die Rede ist von Walter Nowojski. Fällt sein Name, ist sogleich auch der eines anderen aufgerufen, nämlich der des Romanisten, Hochschullehrers, geschundenen Juden und Antifaschisten Victor Klemperer. Begegnet sind sich die beiden zum ersten Mal im Jahr 1947. Noch nicht persönlich. Doch Walter, der sich damals, er war 16 Jahre, auf den Arbeiterkindern durch die demokratische Bildungsreform in der sowjetischen Besatzungszone eröffneten Weg des Lernens machte, kam ein Band in die Hände, der auf dem damals schmalen Büchermarkt erschienen war. Seinem merkwürdigen Titel »LTI«, einer Abkürzung für Lingua Tertii Imperii« war erläuternd hinzugefügt: »Notizbuch eines Philologen«. Das Buch, dessen 24. Auflage im Jahr 2010 erschienen ist, wurde so etwas wie die unverordnete Pflichtlektüre des Teiles der in Ostdeutschland Heranwachsenden, einer Minderheit freilich, die an Schulen und Hochschulen oder in einer Berufsausbildung den begonnenen Weg in neue gesellschaftliche Zustände mitgestalten wollte und sich auf ihm auch mit Antworten auf Fragen rüstete, die aus Eindrücken und Erlebnissen ihrer frühen Kindheit und Jugend herrührten, als über Deutschland die Hakenkreuzfahnen geweht hatten.

Kärrnerarbeit

Dann ist Walter Nowojski, der die Arbeiter- und Bauernfakultät in Berlin absolvierte und ein Studium der Philologie begann, dem Autor in Persona begegnet. Klemperer, der in Dresden, Halle und Berlin Vorlesungen hielt, wurde einer seiner Lehrer. Da war noch nicht ausgemacht, welchen Platz dessen Vorleben und Arbeit in der Biographie Nowojskis einst einnehmen würde. Die Arbeitsstätten des Hochschulabsolventen wurden zunächst ein Verlag, dann Rundfunk und Fernsehen und im Jahre 1975 der Platz des Chefredakteurs der vom Schriftstellerverband der DDR herausgegebenen Zeitschrift Neue Deutsche Literatur.

Was der Mann in diesen Jahren immer schon geleistet hatte, verblaßt hinter dem Verdienst, das er sich mit der Kärrnerarbeit erwarb, die er auf den Nachlaß des Victor Klemperer wandte, den die Landesbibliothek in Dresden verwahrt. Seinen Kern bilden Tagebücher, die der Romanist ohne Anzeichen von Ermüdung geschrieben hatte und für die Jahre von 1933 bis 1945 zudem mit dem Vorsatz, von einer Zeit zu berichten, deren Geheimnisse auf Jahre und Jahrzehnte hinaus Menschen noch beschäftigen mußten.

Editorische Meisterleistung

In den 1980er Jahren, noch im Nebenamt, begann Nowojski, unterstützt von Klemperers Witwe, das Hinterlassene zu entziffern – das erscheint angesichts der Handschrift des Autors und der Qualität der benutzten Papiere der angemessenere Ausdruck als der meist gebrauchte der Transkription. Nowojski begann mit den Aufzeichnungen der Jahre der Naziherrschaft. Die Frucht der Arbeit lag in zwei 1995 erschienenen Bänden vor. Sie erhielten als Titel ein Zitat aus dem Notierten, das den Antrieb des Schreibenden verrät, der nicht wußte, ob ihm am folgenden Tag noch eine Feder bleiben würde. »Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten«. Damit lag ein Blick in die Jahre vor, der ebenso durch die Genauigkeit verblüffte, mit der das Detail des Alltags wahrgenommen und geschildert worden war, wie mehr noch durch die Analyse, durch die Kommentare mit treffenden Urteilen, durch scharfsinnige Charakteristika von Ereignissen und Personen, aber auch mit den wiederkehrenden Zweifeln an der Allgemeingültigkeit des Gesehenen oder Gehörten.

Daß Nowojski diese Quelle historisch interessierten Lesern zugänglich gemacht hat, ist eine wissenschaftlich-editorische Meisterleistung, für die sich nur wenige Vergleiche finden dürften, der von der Arbeit eines Einzelnen zeugt, von der Einsamkeit eines Langstreckenläufers. Und es war diese Arbeit – auch im Selbstverständnis des Mannes, der sie verrichtete – eine antifaschistische Tat. Wer in Klemperers Aufzeichnungen las oder liest, wußte oder weiß besser als zuvor, was er in deutscher Geschichte nicht wiederkehren sehen will, und sah oder sieht sich durch die Frage herausgefordert, wie das erreicht und gesichert werden könnte.

Die beiden Bände von 1995 waren erst der Start. Es folgten die Tagebücher aus den Jahren 1918 bis 1932 unter dem ebenfalls Klemperer zitierenden Titel »Leben sammeln, nicht fragen, wozu und warum« und 1999 die aus den Jahren 1945 bis 1959 (dem Jahr vor Klemperers Tod), denen sein Urteil als Titel voranstand: »So sitze ich denn zwischen allen Stühlen.« Das muß nicht wörtlich und nicht als Dauerzustand verstanden werden. Klemperer saß nicht nur auf romanistischen Lehrstühlen mehrerer ostdeutscher Universitäten, auf dem eines Mitglieds der Volkskammer in der Fraktion des Kulturbundes und auch auf Sitzgelegenheiten in Versammlungen der Sozialistischen Einheitspartei, deren Mitglied er war.

Dank von vielen

Als die Tagebücher gedruckt vorlagen, dazu erneut der gegen Ende der DDR schon herausgegebene Band mit Klemperers Erinnerungen an die Kaiserzeit, dazu eine gekürzte Ausgabe der Notizen der Jahre 1933 bis 1945 für junge Leser, hätte es Nowojski genug sein lassen können. Nur war da sein Wissen, daß er das Ganze wegen seines Umfangs nicht hatte zugänglich machen können. Er schuftete weiter. 2007 erschien das schon Gedruckte mit allen Kürzungen in einer digitalisierten Fassung und das in vorbildlich aufgeschlossener Form bis hin zu weitläufig recherchierten Biographien von Personen, die Klemperer erwähnt hatte, Ermordeten und Überlebenden des Holocaust zumeist. Dazu Erklärungen zu nicht entschlüsselten Ereignissen, sowie eine Chronik der Judenverfolgungen in Dresden.

Zu alledem hat Nowojski eine Kurzbiographie Victor Klemperers geschrieben und sich eines weiteren Nachlasses angenommen, dem des ihm befreundeten Rudolf Hirsch. Dessen Bekanntheitsgrad vom Erzgebirge bis nach Usedom war durch seine sozialkritischen Gerichtsreportagen entstanden, gedruckt in der Wochenpost, der Zeitschrift mit der Spitzenauflage unter allen Erscheinungen dieser Art in der DDR. Hirsch, der aus einer westdeutschen jüdischen Familie stammende Kommunist, der aus Deutschland fliehen mußte, auf abenteuerlichem Weg nach Palästina gelangte, später in die DDR kam, hatte unvollendete Lebenserinnerungen hinterlassen, Nowojski hat sie zu Ende geschrieben.

Dem nun Verstorbenen haben viele Dank zu sagen. Niemand mehr als die Historiker, und unter ihnen wieder die Spezialisten der Erforschung der Geschichte des deutschen Faschismus. Um wieviel ärmer wären unsere Vorstellungen, namentlich die der Nachgeborenen von jenen längst vergangenen Jahren ohne die Zeugnisse Klemperers. Das Material für sein Denkmal hat der Gelehrte selbst angehäuft, Nowojski hat es ihm errichtet und sich selbst darauf auch einen Platz verdient und nicht auf dessen Sockel.