Kameradenkammer: Hessischer Landtag

Eine bewährte Elite läßt sich ungern austauschen. Zumal dann, wenn sie über Flexibilität verfügt: Wer gestern noch als Faschist plündernd, brennend, mordend in ganz Europa unterwegs war, stellte sich nach Kriegsende unversehens als Musterdemokrat in neues Licht. Der Neuanfang in der BRD erfolgte von Anfang an erdverbunden, mithin tiefbraun.

Nun kommt heraus, er war noch erdverbundener, noch tiefer braun, als bisher angenommen. Zumindest in Hessen. Dort gilt nach einer vom Landesparlament in Auftrag gegebenen Studie der Befund, daß von 403 ehemaligen Abgeordneten der Jahrgänge 1928 und älter mindestens 92 Mitglieder der NSDAP waren. Davon wiederum 13 hauptamtlich Beschäftigte oder Parteifunktionäre. 26 spätere Mandatsträger gehörten der SA, zwölf der SS oder Waffen-SS an. Dabei stieg der Anteil alter Nazis im Landtag »signifikant« an, um in der 5. Legislaturperiode von 1962 bis 1966 seinen Höhepunkt zu erreichen. 34 Prozent der Abgeordneten waren ehemalige Kameraden.

Hessens »Treueste der Treuen«: Der FDP-Abgeordnete Rolf Metz war zu »Führers« Zeiten »Oberführer« in der SS und gehörte deren Totenkopfverbänden an, die auch zur Bewachung von Konzentrationslagern eingesetzt wurden. Die Abgeordneten Wilhelm Saure und Fritz Walter, beide ebenfalls FDP, waren über längere Zeit im SS-Rasse- und Siedlungshauptamt tätig. Erich Mix, auch er Mitglied der Freien Demokraten, verdingte sich als SS-Standartenführer und bekleidete ab 1954 das Amt des Oberbürgermeisters von Wiesbaden. Das war er, ein Leuchtturm der Kontinuität, in der Nazizeit schon einmal.

Auch für andere Landtage sind derartige Untersuchungen vorgesehen. Überraschend wäre einzig, wenn deren Ergebnisse signifikant vom hessischen nach unten abwichen. Braune Elitenkontinuität, parlamentarische in Sonderheit, ist kein Spezifikum des Landes zwischen Odenwald und Kassel.