Kreuz mit Haken

Am 28. März 1933 machte die katholische Kirche in Deutschland mit der Erklärung der Fuldaer Bischofskonferenz ihren Frieden mit dem Naziregime
Von Kurt Pätzold

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Katholischer Segen: Der Bischof von Berlin, Nikolaus Bares, der päpstliche Botschafter im Deutschen Reich, Cesare Orsenigo, und »Schwabenbischof« Augustin Pacha vom Bistum Timisoara in Rumänien (v.l.n.r.) bei der Papstkrönungsfeier 1934 im Berliner Sportpalast

Die erste Institution, die sich zu ihrer Rolle in den Jahren der faschistischen Diktatur in Deutschland umfassend äußerte, war die katholische Kirche, genauer ihre bayerische Abteilung. Sie gab schon 1946 einen Band unter dem Titel »Kreuz und Hakenkreuz. Der Kampf des Nationalsozialismus gegen die katholische Kirche und der kirchliche Widerstand« im Eigenverlag des Bistums heraus. Ihr Autor war der Priester Johann Neuhäusler, der zum engen Mitarbeiterstab des Kardinals und Münchner Erzbischofs Michael von Faulhaber gehörte und seit 1933 beauftragt gewesen war, sich um die kirchenpolitischen Fragen zu kümmern, was bedeutete, sich bei den staatlichen Behörden für die Wahrung der äußeren Bedingungen des Wirkens der Kirche im Lande einzusetzen. Dabei hatte Neuhäusler das diplomatische Vorgehen bevorzugt. Verhandeln oder auch Protestieren erschien ihm erfolgversprechender. Diese Rolle hatte im Februar 1941 mit seiner Verhaftung durch die Gestapo ein Ende. Nach Gefangenschaft im Hausgefängnis der Gestapo-Zentrale in Berlin und in Sachsenhausen wurde er noch im gleichen Jahr als Sonderhäftling in das Konzentrationslager Dachau gebracht. Dort überlebte er. In den ersten Maitagen 1945, mit einem Transport dieser Häftlingsgruppe in die österreichischen Alpen gebracht, befreiten ihn und seine Leidensgefährten dort US-amerikanische Truppen.

Gleichzeitig mit Johann Neuhäuslers Buch erschienen 1946 auf dem damals schmalen deutschen Buchmarkt weitere Veröffentlichungen zum Thema, die das Interesse des Episkopats bezeugten, mit den Interpretationen der eigenen Rolle durch eigene Publikationen denen aus anderen Quellen voraus zu sein. In Berlin wurden Dokumente aus dem Kampf der katholischen Kirche im Bistum Berlin gegen den Nationalsozialismus veröffentlicht. Im Erzbischöflichen Sitz in Freiburg im Breisgau druckte der Herder Verlag »Mit brennender Sorge. Das päpstliche Rundschreiben gegen den Nationalsozialismus und seine Folgen in Deutschland«. Im Jahr darauf erschienen wiederum in Freiburg »Hirtenbriefe des Erzbischofs Gröber in die Zeit« und am gleichen Ort »Schlaglichter. Belege und Bilder aus dem Kampf gegen die Kirche«.

Neuhäuslers Buch erlebte Auflage um Auflage. Daß ein Mann mit dieser Biographie berufen war, sich zu einem Thema kompetent zu äußern, mit dem sich die verschiedensten politischen, kulturellen und eben auch religiös-kirchlichen Körperschaften und Organisationen konfrontiert sahen, stand außer Zweifel. Nur war er im biblischen Sinne (Matthäus 22, 14) nicht gerade auserwählt, namentlich nicht für eine kritische Sicht auf das Ganze. So handelten sich jene, die das Verhältnis der katholischen Kirche zum Naziregime ernster und tiefer analysierten und die Sonde der Kritik benutzten, von Neuhäusler, der seine Arbeit im Erzbistum München-Freising wieder aufnahm und zum Weihbischof erhoben wurde, Ermahnungen und Belehrungen ein. Die Kernthese, mit der das Handeln der Kirche, also vornehmlich ihrer Obrigkeit, gerechtfertigt und – mehr noch – gelobt wurde, besagte, daß sie das Mögliche an Widerstand geleistet habe. Wer das nicht sehe und schätze, verstünde die eben vergangenen Zeiten nicht.

Mit dieser Kernthese standen die Tatsachen zu stark in Widerspruch, als daß es dabei hätte bleiben können. Und die Tatsachen stammten nicht erst aus der Zeit des Krieges und des »Kampfes gegen den gottlosen Bolschewismus«, sondern schon aus der Frühzeit des Naziregimes. Nur davon wird im Folgenden die Rede sein.

Treue zur Obrigkeit

Fünf Tage nach der Annahme des Ermächtigungsgesetzes in der Sitzung des Reichstages, man schrieb den 28. März 1933, erhielten die Gläubigen der katholischen Kirche von ihren Oberhirten, den in der Fuldaer Bischofskonferenz zusammengeschlossenen höchsten Würdenträgern, eine neue Weisung in Form eines Hirtenbriefes. Die Passage, die eine Wende in der Haltung des Episkopats gegenüber dem nun an die Staatsmacht gelangten Faschismus anzeigte, lautete darin so: »Ohne die in unseren früheren Maßnahmen liegenden Verurteilungen bestimmter religiös-sittlicher Irrtümer aufzugeben, glaubt daher der Episkopat das Vertrauen hegen zu können, daß die vorbezeichneten allgemeinen Verbote und Warnungen nicht mehr als notwendig betrachtet zu werden brauchen. Für die katholischen Christen, denen die Stimme ihrer Kirche heilig ist, bedarf es auch im gegenwärtigen Zeitpunkt keiner besonderen Mahnung zur Treue gegenüber der rechtmäßigen Obrigkeit und zur gewissenhaften Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten unter grundsätzlicher Ablehnung alles rechtswidrigen und umstürzlerischen Verhaltens.«

Damit war den Gläubigen ein Wechsel in der Haltung der Kirchenobrigkeit zur Nazipartei bekanntgegeben und ihnen die Erlaubnis erteilt, sich der Partei Hitlers und deren Organisationen anzuschließen. Mit einer nicht ausdrücklich benannten, aber dem Text doch zu entnehmenden Ausnahme: den sogenannten Schutzstaffeln, der SS, deren Mitglieder auf die Ablehnung des christlichen Glaubens und der Kirche sowie auf das Bekenntnis zur pseudo-religiös aufgeputzten Rassenideologie verpflichtet waren. Die schwarz­uniformierten Faschisten fielen unter die Träger der »religiös-sittlichen Irrtümer«, die weiter gemieden und verurteilt werden müßten. Ansonsten glaubten die Bischöfe, der Regierung einen Vertrauensvorschuß zubilligen zu können, was nach dem Bild des Hirten und der Herde einer an die Laien gerichteten Forderung gleichkam, sich ebenso zu verhalten.

Damit nicht genug. Dieser Text entbehrte nicht der Heuchelei, wenn konstatiert wurde, daß es nicht nötig sei, Katholiken einzuprägen, daß sie auch unter den veränderten Zuständen sich an das von Jesus verkündete Prinzip (Markus 12, 17) zu halten hätten, dem Kaiser (und der hieß alsbald »der Führer«) zu geben, was des Kaisers sei. Doch genau diese Aufforderung enthielt die Verlautbarung, wenn von ihnen verlangt wurde, die »staatsbürgerlichen Pflichten« zu erfüllen. Natürlich wußten auch die Bischöfe, daß die nicht ein für alle Mal gegeben seien, sondern von den jeweils Herrschenden definiert und als die allein moralischen ausgegeben wurden. Mehr noch: am Schluß wird von den Gläubigen gefordert, sich von jeglichem Bestreben fernzuhalten, diese Macht zu bekämpfen.

Festung gegen rot und braun

Diese Erklärung samt ihren direkten Folgen war ein Beitrag zur Befestigung eines Regimes, das schon in den ersten Wochen seiner Herrschaft verbrecherisch hervorgetreten war. Der Terrorfeldzug charakterisierte die innenpolitischen Ereignisse im Laufe des März, und in Dachau war soeben das erste Konzentrationslager eingerichtet worden. Die Neuorientierung der Bischofskonferenz stellte eine Wendung um 180 Grad dar. Welchen Umbruch sie für die kirchentreuen Katholiken, ihr Denken und Verhalten darstellen mußte, macht ein Vergleich mit einer zwei Jahre vorher, am 10. März 1931, von den Bischöfen der Paderborner Kirchenprovinz – das waren die von Paderborn, Fulda und Hildesheim – verabschiedeten Erklärung deutlich. In ihr hieß es, daß für katholische Christen die Zugehörigkeit zur NSDAP unerlaubt sei, »solange und soweit sie kulturpolitische Auffassungen kundgibt, die mit der katholischen Lehre unvereinbar sind«. Ähnliche Verlautbarungen hatten deren Kollegen an anderen Sitzen herausgegeben. Ein treuer Katholik hatte im Deutschen Reich zur Zentrumspartei, im Lande Bayern zur Bayerischen Volkspartei zu halten und sie selbstverständlich zu wählen. Daran wurden die Kirchgänger, meist in verklausulierten, sich von den politischen Plakaten abhebenden, aber den Besuchern der Gottesdienste doch verständlichen Worten auch an Kirchenpforten erinnert, wenn ein Tag nahe war, an dem sie wieder einmal in Staatsdingen ihre Stimme abzugeben hatten.

Es war diese Beihilfe, die der Zentrumspartei in allen Jahren der Republik eine relativ stabile Anhängerschaft gesichert und sie in Gebieten mit vorwiegend katholischer Bevölkerung zur wählerstärksten politischen Partei gemacht hatte, so daß in der Propaganda auch das Bild vom Zentrumsturm umlief. Das benutzte sie auf Wahlplakaten, auf denen gegen diese Festung sowohl die braune wie die rote Flut vergeblich anbrandeten. Während der meisten Jahre der Republik hatte sie den Reichskanzler gestellt. Sie war bis zur Entlassung Heinrich Brünings 1932 in nahezu allen Reichsregierungen mit Ministern vertreten. In Zahlen hatte ihr Stimmanteil zwischen 1920 und 1932 zwischen 11,1 und 13,6 Prozent der Wählerstimmen gelegen und die Stärke ihrer Reichstagsfraktion zwischen 64 und 75 Mitgliedern. Selbst bei den Wahlen am 5. März 1933 hatte sie kaum wesentliche Verluste erlitten und noch einmal 73 Abgeordnetensitze erreicht. Die Bayerische Volkspartei konnte bei Landtagswahlen zwischen 1919 und 1932 gar zwischen 30 und 40 Prozent der Wählerstimmen mobilisieren und sich jedes Mal als die anhängerstärkste Kraft ausweisen.

Wie keine zweite Partei der Republik boten Zentrum und Bayerische Volkspartei ein sozial buntes und konträres Bild. Zu ihren Mitgliedern, Sympathisanten und Wählern gehörten Großgrundbesitzer ebenso wie deren Gutsarbeiter, Werkseigner ebenso wie die Arbeiter in deren Betrieben, Kleinbürger aller Couleur, Staats- und Privatangestellte. Keine Frage, wer in diesem sozialen Gemisch auf die Parteilinie den meisten Einfluß auszuüben suchte und wem das auch gelang. In der Zentrumspartei existierte seit ihrer Neuformierung nach dem Ende des Kaiserreiches eine konservative, deutschnationale, im Wesen republikfeindliche Gruppierung, die gegen jede parlamentarische und regierende Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten, gleichgültig ob in der sogenannten Weimarer oder in der Großen Koalition, opponierte. Ein Exponent dieses Kurses war der Politiker Franz von Papen. Als der sich freilich 1932 entschloß, den nach der Entlassung seines Parteikollegen Heinrich Brüning freigewordenen Platz des Reichskanzlers einzunehmen, blieb ihm nichts, als durch einen Parteiaustritt seinem Ausschluß zuvorzukommen.

Ob sich aber nicht doch mit den am weitesten rechts stehenden Kräften im politischen Parteienspektrum zusammengehen ließe, blieb eine Option, über die in Führungskreisen der Zentrumspartei weiter Erörterungen angestellt wurden. Und ebenso auch von Ideologen der katholischen Kirche, wie etwa im theoretischen Organ des deutschen Zweigs des Jesuitenordens, in dem 1932 gefragt wurde, ob ein solches Zusammengehen von Zentrum und faschistischer Partei nicht womöglich doch auch in Gottes Plan liegen könnte, woran allerdings die Bedingung geknüpft wurde, daß Hitler die Sache noch einmal durchdenken und sich und seine Partei von allen widerchristlichen Thesen verabschieden müsse. An den Verhandlungen indes, die im Januar auf höchster Ebene zwischen den Deutschnationalen und der Naziführungsgruppe unter maßgeblicher Beteiligung Papens zustande kamen und erfolgreich waren, wurde die Zentrumsparteispitze nicht beteiligt. Nach dem 30. Januar 1933 und mehr noch nach dem Wahlergebnis des 5. März 1933 mußten die Führer der beiden katholischen Parteien erkennen, daß sie auf der Regierungsbank nicht gebraucht wurden. Verlangt wurde ihr Mittun dann doch, da sich das Hitlerkabinett zu einem pseudolegalen Weg der Machtbefestigung entschloß: Als Stimmvieh im Reichstag zur Annahme des Ermächtigungsgesetzes, des Totenscheins der Republik. Der war nur mit der erforderlichen Zweidrittelmehrheit auszustellen. Die Abgeordneten von Zentrum und Bayerischer Volkspartei taten geschlossen, was von ihnen erwartet wurde. Das bedeutete die Mithilfe bei der Etablierung der Diktatur, die sich auf diese Weise ihren pseudolegalen Segen verschaffen konnte. Der war nicht notwendig, aber hilfreich, innen- wie außenpolitisch.

Schielen aufs Konkordat

So die Situation, als die Bischöfe der Fuldaer Konferenz auf Initiative ihres Vorsitzenden, des Breslauer Kardinals Adolf Bertram, sich rasch auf postalischem Wege auf jene Erklärung verständigten, die das Datum des 28. März 1933 trägt. Aus einer speziellen Perspektive ließe sich sagen, die Oberhirten vollzogen den Schritt nach, den die katholischen Reichstagsabgeordneten fünf Tage zuvor gegangen waren: Sie suchten und machten ihren Frieden mit der Diktatur unter dem Hakenkreuz. Diesem Schritt war der Vorsitzende der Sondergruppe der bayerischen Bischöfe schon vier Tage vorher vorausgegangen. Er hatte auf die Annahme des Ermächtigungsgesetzes tags darauf mit der Instruktion an seine Kollegen reagiert, die ebenfalls widerrief und besagte: »Nun aber hat der Reichskanzler in seiner gestrigen programmatischen Rede ein Bekenntnis abgelegt, das eine neue Situation schafft, mit den Worten: ›Die Reichsregierung erblickt im Christentum die unerschütterliche Grundlage unseres Volkslebens und wird darum bereit sein, freundschaftliche Beziehungen zum Heiligen Stuhl weiter zu pflegen und auszugestalten.‹« Wie Bertram behauptete auch der Münchner Erzbischof Faulhaber eine veränderte Lage, als deren Beweis sie nichts anderes vorzuweisen hatten, als Absichtserklärungen des Reichskanzlers, der natürlich gewußt hatte, daß die Stimmen der katholischen Parteien ihren Preis haben würden, und der war niedrig genug bemessen. Das schielende Auge der konservativen Bischöfe richtete sich auf ein Konkordat zwischen Vatikan und der Hitler-Regierung, das die Rechte und Pflichten beider gegeneinander vertraglich fixierte. Wie die Kirchenfürsten freilich glauben konnten, daß gerade diese Regierung sich an papierne Abmachungen gebunden fühlen werde, konnten sie und ihre Nachfolger bis zum heutigen Tage überzeugend nicht erklären.

Die Bischöfe, allen voran Kardinal Bertram, haben sich augenblicklich an die einmal bezogene Position gehalten. Als die Erklärung vom 28. März 1933 öffentlich bekanntgemacht wurde, kamen gerade die Vorbereitungen der Naziorganisationen und namentlich der Sturmabteilungen (SA) in Gang, die erste reichsweite Aktion gegen die jüdischen Deutschen in Szene zu setzen. Daß Judenverfolgungen zum Aktionsprogramm der Faschisten gehörten, konnte am wenigsten dem Breslauer Erzbischof verborgen geblieben sein oder ihn auch nur überraschen. Unfern seines eigenen Sitzes hatten Nazistudenten im Gebäude der Breslauer Universität bereits den Boykott von Veranstaltungen jüdischer Professoren begonnen und gleiches war in Gerichtsgebäuden der Stadt dort tätigen Juristen geschehen. Nun wurde an Adolf Kardinal Bertram angesichts der für den 1. April angesetzten Aktionen gegen jüdische Geschäftsinhaber, Ärzte und Rechtsanwälte der Gedanke herangetragen, sich mit den Bedrängten solidarisch zu zeigen. Seine ablehnende Reaktion las sich so: »Meine Bedenken beziehen sich 1. darauf, daß es sich um einen wirtschaftlichen Kampf in einem uns in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessentenkreis handelt; 2. daß der Schritt als Einmischung in eine Angelegenheit erscheint, die das Aufgabengebiet des Episkopats weniger berührt, der Episkopat aber triftigen Grund hat, sich auf sein eigenes Arbeitsgebiet zu beschränken«. Dem wurde hinzugefügt: »Daß die überwiegend in jüdischen Händen befindliche Presse gegenüber den Katholikenverfolgungen in verschiedenen Ländern durchweg Schweigen beobachtet hat, sei nur nebenbei berührt.« Das läßt sich, wenngleich kein Meisterwerk, einen Ausfluß von Demagogie nennen. Die Begründung der terroristischen Aktion von Seiten der Nazis lag gerade nicht in erster Linie auf wirtschaftlicher Ebene, wiewohl »arische« Geschäftsleute an der Schädigung ihrer Konkurrenz durchaus interessiert waren. Sie stellte vielmehr einen Erpressungsversuch wider das Ausland dar, denn die deutschen Juden wurden gleichsam in eine Geiselhaft dafür genommen, daß jenseits der deutschen Grenzen über das Wüten der Gewalt im Reich berichtet wurde. Und daß die Juden nach Auffassung des Kardinals zu »einem uns in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessentenkreis« gehörten, bezeugte das Fortleben des Antijudaismus und in diesem Kontext eine eigene Interpretation biblischer Gebote und ließ angesichts der absehbaren Eskalation der Judenverfolgungen Schlimmes ahnen.

Wider die Beschönigung

Daher nein: Es konnte bei Neuhäuslers Bild von den Beziehungen der katholischen Kirche und dem faschistischen Regime zueinander nicht bleiben. Die Tatsachen, die der Beschönigung entgegenstanden, waren zu hart. Aber es dauerte. Den point of no return gab erst Rolf Hochhuths Drama »Der Stellvertreter«. Es wurde am 20. Februar 1963 in Berlin (West) im Theaterhaus der Freien Volksbühne unter Regie Erwin Piscators uraufgeführt und löste, wie nicht anders zu erwarten, augenblicklich eine Kontroverse aus, die sich solcherart, wie bei keinem zweiten Schauspiel entwickelte, dessen Handlung in die Geschichte des deutschen Faschismus führt. Ein Jahr darauf erschien dann Guenter Lewys quellenkritische Analyse »Die Katholische Kirche und das Dritte Reich« als Übersetzung aus dem Amerikanischen, ein Werk, das bis heute seinesgleichen, nicht nur für die katholische Kirche sucht.

Die Kontroverse um die Rolle der katholischen Kirche im Faschismus, nicht nur in Deutschland und Italien, sondern auch in den okkupierten Ländern und den mit den »Achsenmächten« verbündeten Staaten hält indessen an. Sie hat sich längst internationalisiert. Die in der Kirche dominierenden Kräfte sind weiter daran interessiert, die Institution als Zentrum des Widerstands und als Gegenstand andauernder schwerer Verfolgungen darzustellen. Ihre Methode besteht darin, den Teil für das Ganze, das Verhalten der Minderheit für das der Mehrheit auszugeben. So ist vielfach auf anderen Feldern auch vorgegangen worden. In der Bundesrepublik haben sich die beschönigenden Bilder von der deutschen Wehrmacht am längsten erhalten. Erbittert wurden sie gegen die Tatsachen verteidigt. Erst 1995 hat eine Ausstellung sie erledigt und das gründlich.

Die Auseinandersetzungen über die Rolle der katholischen Kirche sind, nachdem auch die deutschen Regierungsorgane Ministerium für Ministerium entschleiert und die braunen Kerne bloßgelegt wurden, die letzten, die eine ­Institution von vergleichbarem Gewicht betreffen. Nicht, daß fehlende Quellen die Urteile behindern würden, obwohl der Vatikan den Zugang zur archivalischen Hinterlassenschaft nicht gerade weit geöffnet hat. Schließlich geschah, was die Kirche tat und unterließ, am hellichten Tage.

Von Kurt Pätzold erscheint Ende April im Kölner PapyRossa Verlag der Band »Kein Streit um des Führers Bart: Kontroversen um Deutschlands ›dunkle Jahre‹ 1933 bis 1945«. Der Band (ca. 400 Seiten, brosch., ca. 19,90 Euro, dann auch im jW-Shop erhältlich)