Faschismus auf dem Vormarsch!

Gert Julius

Nachdem die Morde des NSU bekannt wurden, fragen sich nicht nur Antifaschistinnen und Antifaschisten nach den Ursachen. Ein Anlass, nicht nur über die Rolle des Verfassungsschutzes nachzudenken. Eine nicht unbedeutende Rolle spielt die breite Zustimmung in der Bevölkerung, die rechtsextremes Gedankengut seit Jahren finden, das vermutlich bis zu den Verantwortlichen in den Strafverfolgungsbehörden auszudehnen ist.
Die bisherigen Annahmen, dass der Faschismus in erster Linie in den neuen Bundesländern angesiedelt ist und es sich deshalb um ein randständiges Problem handelt ist genau wie die Aussage, dass sich Rechtsradikale nur unter gesellschaftlichen Außenseitern breit machen, ein Irrtum. Nach neuesten Daten zum Wahlverhalten wird die NPD in den neuen Bundesländern häufiger gewählt als in den alten. Die Unterschiede sind aber nicht so gravierend wie gern behauptet wird. In den neuen Bundesländern liegt die NPD bei den Landtagswahlen durchschnittlich
bei drei bis vier Prozent. In den alten Bundesländern bei ca. zwei Prozent. In Berlin erhielt die NPD mehr Stimmen als die FDP. Das Scheinargument zur DDR-Diskriminierung „“wer einmal in einem >>totalitären System< < gelebt hat, neigt eher dazu, sich anderen totalitären Ideologien zuzuwenden, ist falsch und erklärt auch nicht, warum die NPD gerade bei jungen Menschen der neuen Bundesländer Widerhall findet.

Jeder zehnte Deutsche wünscht sich einen Führer

Dass die Zustimmung zu rechtsextremem Gedankengut kein randständiges Problem ist belegt unter anderem die von der Friedrich-Ebert-Stiftung (SPD) in Auftrag gegebene und viel beachtete Studie „Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010“. Gut jeder vierte Deutsche befürwortet danach eine „starke Partei“, die „die >>Volksgemeinschaft< < insgesamt verkörpert. Mehr als jeder Zehnte wünscht sich einen „Führer, der Deutschland zum Wohle aller mit harter Hand regiert“. Jeder zehnte Bundesbürger hält die Diktatur für die bessere Staatsform. Fremdenfeindlichkeit wird durch Aussagen, wie z.B. „Ausländer kommen, um den Sozialstaat auszunutzen“ und: „Bei knappen Arbeitsplätzen sollte man Ausländer wieder in ihre Heimat schicken“ von mehr als 30 Prozent der Deutschen kritiklos übernommen.. Im Schlusswort der Studie heißt es deshalb: „Der Wunsch nach Diktatur und die Zunahme von Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit und Sozialdarwinismus gefährden die Demokratie.“ Die Resultate der Ebert-Studie gehen mit den Ergebnissen der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ des Bielefelder Gewaltforschers Wilhelm Heitmeyer konform. Jeder Zehnte stimmt darin dem Satz zu „durch Anwendung von Gewalt können klare Verhältnisse geschaffen werden“. Jeder Fünfte meint, „wenn sich andere bei uns breit machen, muss man ihnen unter Umständen unter Anwendung von Gewalt zeigen, wer Herr im Hause ist“. Rechtspopulistische Einstellungen nehmen bei Menschen ganz unterschiedlicher politischer Einstellung zu.

Das wesentliche Merkmal des Faschismus und des Terrorismus ist die Gewalt. Gewalt wird in psychischer und physischer Form sichtbar. Weil häufig körperliche und seelische Gewalt in den Familien vorkommt, wird verständlich, warum auch in der Politik Gewalt angewendet wird. Die Frage, ob in der Kindheit der Terroristen und Faschisten Gewalt eine Rolle gespielt hat, ist anhand untersuchter Lebensläufe zu bejahen und auch bei anderen Faschisten und Terroristen zu vermuten. Gewalt in der Kindheit kommt in verschiedenen Erscheinungsformen vor. Der Psychoanalytiker Stierlin spricht von Familienterrorismus, von Diktatur in Familien und von familiärer Bindungsgewalt. Unter Bindungsgewalt ist die Macht und Kraft zu verstehen, mit der Eltern Kinder an sich binden.

Die Grundlagen für Faschismus

Wer dem „Familienterror“ ausgesetzt ist und der Familie nicht entweichen kann,, zieht sich häufig in der Pubertät oder später abrupt von der Familie zurück. Er empfindet tiefe Einsamkeit und Gefühle der Verlassenheit, des Unverstandenseins und des Ungeborgenseins. Feindbilder aus der Tiefe seines Unbewussten bauen sich in ihm auf. Zugefügtes Unrecht fördert Kränkung, Wut und zunehmenden Rachedurst. Die Anlässe sind ein Vorwand, um dem unstillbaren Drang nach Zerstörung Folge zu leisten. Ein erhöhtes Bedürfnis nach Rache und Gerechtigkeit führt zusammen mit der elementaren Wut, die sich gegen elterliche Gewalt und das „Familiengefängnis“ richtet, in ideologisches Denken und fanatisches Handeln. Nicht selten suchen Fanatiker den Märtyrertod, der durch auf sich selbst gerichtete Aggressionen herbeigeführt wird. Retter- und Erlöserphantasien spiegeln sich in vielen Religionen. Terroristen und Faschisten als Fanatiker fühlen sich dazu auserkoren und auserwählt, das Volk zu befreien, mit dem sie sich als Opfer einer bösen Macht identifizieren. Typische Merkmale von Fanatikern sind:

· erhöhte Kränkbarkeit und Verletzbarkeit durch Abwertung ihrer Person,
· Rachebedürfnis und das Ausleben eines hohen Hasspotentials,
· Hang zur Selbstjustiz,
· Retter- und Erlöserphantasien und Neigung zu Märtyrern,
· Streben nach Macht
· Forderung nach absoluter Treue und Opferwilligkeit und Realitätsverlust

Antifaschistische Bündnisse als Gegenmittel

Der Charakter antifaschistischer Bündnisse darf sich nicht sektiererisch allein als eine ultralinke, antikapitalistische, revolutionäre Bewegung begreifen, da jede Antifaschistin und jeder Antifaschist Ansprechpartner sein kann. Faschismus ist expansiv und friedensgefährdend. Er ist frauenfeindlich, da er die Frauen wahlweise zu Kanonenfutter produzierenden Gebär-Maschinen oder zu billigem Arbeitskräftereservoir erniedrigt. Faschismus ist jugendfeindlich, da er junge Menschen zu Befehlsempfängern macht, die vor der Obrigkeit in Kadavergehorsam erstarren und sich dafür durch hemmungslose Brutalität gegenüber Schwächeren schadlos halten. Der Faschismus ist ein Schlag ins Gesicht aller Menschen, die ihre Orientierung im Christentum finden.

Der Faschismus bedient die Interessen der Monopole, so dass auch beruflich Selbstständige Veranlassung hätten, sich in den antifaschistischen Kampf einzuschalten. Zur Bekämpfung des Faschismus bedarf es des Zusammenschlusses aller nicht kapitalistischen und antimonopolistischen Strömungen. Insoweit bleibt die Orientierung des VII. Weltkongresses der Kommunistischen Internationale von 1935 aktuell, der die Abgrenzung gegenüber Sozialdemokraten und bürgerlichen Gegnern des Hitler-Faschismus zugunsten des „Volksfront“ genannten breiten Bündnisses aller antifaschistischen Kräfte aufgegeben hat. Die heutige Verwirklichung eines breiten antifaschistischen Bündnisses gleicht der Quadratur des Kreises. Es muss untersucht werden, weshalb die Vertreter der vorgenannten der Parteien in vielen Fällen gegen die Interessen ihrer Wähler handeln und die von den Faschisten angebotenen Scheinlösungen manchmal ungewollt übernehmen. Hier ist Aufklärung die beste Waffe gegen den Unverstand der Massen. Sicher ist, dass das Kapital sich bei Gefahr seines eigenen Untergangs des Faschismus bedienen wird. Wer gegen den Faschismus kämpft darf vom Kapitalismus nicht schweigen.