Vergessene Verschwörer

Die angeblich auf die Männer des 20. Juli 1944 verpflichtete Bundeswehr ­offenbart in ihrer Traditionspflege Lücken
Von Peter Rau

Die alljährlich zelebrierte Ehrung des militärischen Widerstandes gegen Hitler und das Naziregime gehört zweifellos zum Selbstverständnis der Bundesrepublik und somit auch der Bundeswehr. Allerdings nur, soweit es jene Verschwörung betraf, die in dem letztlich fehlgeschlagenen Attentat auf den Diktator Adolf Hitler mündete. Andere Formen des – nicht zuletzt ebenfalls militärisch organisierten – Widerstandes werden ausgeblendet.

Sei es drum. Selbst der Versuch war aller Ehren wert, wie es Generalmajor Henning von Tresckow, einer der führenden Protagonisten und wichtigsten Mitstreiter des Obersten Claus Schenk Graf von Stauffenberg, einmal, zum Beginn des Sommers 1944, formulierte: »Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte (koste es, was es wolle; jW). Sollte es nicht gelingen, so muß trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.«

Dabei hatte es in der frühen Bundesrepublik, sowohl in der Truppe wie in der gesamten Gesellschaft, wenigstens bis in die 1950er, 60er Jahre hinein erhebliche Widerstände gegen eine Anerkennung respektive Ehrung der vielfach als »Nestbeschmutzer« oder gar »Vaterlandsverräter« gescholtenen Männer des 20. Juli gegeben. Was die 1955 gegründete Bundeswehr betraf, war dies auch kaum verwunderlich. Denn deren Führungspersonal rekrutierte sich fast ausschließlich aus jenen Offizieren und Generälen, die bis zuletzt in der Wehrmacht den Durchhalteparolen gefolgt waren. Zum Jahresende 1956 waren immerhin 31 der 38 Generale der Bundeswehr ähnlich ranghohe Offiziere in Hitlers Wehrmacht gewesen. Dank des Rachefeldzugs von Hitler, Himmler und Co. gab es schließlich kaum Überlebende der Meuterei im Offizierskorps.

Das Dilemma mit der Tradition

Fakten wie diese brachten für die (geistige) Aufrüstung der neuen Streitmacht ein gewisses Dilemma mit sich. Auf der einen Seite galt es, in der Truppe Prinzipien wie Befehl und Gehorsam durchzusetzen, auf der anderen Seite sollte der »Staatsbürger in Uniform« sich selbst ein Bild vom Geschehen im Land und in der Welt machen (können) und sein Handeln danach ausrichten. Allerdings findet sich sogar in dem noch heute gültigen Traditionserlaß für die Truppe aus dem Jahr 1982 im Schwall der vielen hehren Worte kein dezidierter Hinweis auf die Tat vom 20. Juli, die doch laut Verteidigungsministerium eine der Säulen der Bundeswehr-Traditionspflege darstellen soll. Das geht wenigstens aus einem 2003 verfaßten, junge Welt vorliegenden ministeriellen Schreiben hervor. In dem war aber auch begründet worden, warum der Widerstandskampf des 1943 in der Sowjetunion gegründeten, ohne Zweifel kommunistisch inspirierten Nationalkomitees »Freies Deutschland« (NKFD) und des »Bundes Deutscher Offiziere« (BDO) – als »Auflehnung aus der Kriegsgefangenschaft heraus« und somit »in Abhängigkeit vom Kriegsgegner bzw. unter dessen Schutz« – in der Traditionspflege der Bundeswehr nichts zu suchen habe.

Statt dessen orientiere sich die Bundeswehr an, vermeintlich, zeitlosen soldatischen Werten. Das führte etwa dazu, daß noch 1989 über 100 Kasernen Namen von Angehörigen der Wehrmacht bzw. des kaiserlichen Heeres trugen. Dagegen sind nahezu zeitgleich mit der Abwicklung der Nationalen Volksarmee der DDR ausnahmslos alle ihrer 299 Traditionsnamen, die längst nicht nur antifaschistisch motiviert waren, getilgt worden. Bei Gründung der Bundeswehr waren dagegen wenigstens 70 der 200 von Hitler eingeführten Kasernennamen übernommen worden. Noch für 1995 notierte der westdeutsche Historiker Jakob Knab in seinem Buch »Falsche Glorie. Das Traditionsverständnis der Bundeswehr« 51 nach »Helden des Ersten Weltkrieges« sowie 33 nach »Persönlichkeiten der Wehrmacht« benannte Kasernen. Lediglich ein knappes Dutzend der mehr als 250 ausgewiesenen Traditionsnamen war »Männern des 20. Juli« vorbehalten, von denen gut die Hälfte aus dem Militär stammte. Dazu zählten natürlich Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg sowie der ehemalige General­stabschef des Heeres, Generaloberst Ludwig Beck, der nach dem Umsturz als Staatschef vorgesehen war. Auch die Generäle Henning von Tresckow und Friedrich Olbricht sowie Erich Fellgiebel und Erich Hoepner gehörten dazu, wobei der Name des Letztgenannten aufgrund inzwischen erwiesener Beteiligung an Kriegsverbrechen vor einigen Jahren wieder eliminiert werden mußte.

Wo aber wird an all die anderen mitverschworenen Offiziere erinnert, derer zwar hier oder da im öffentlichen Raum – mit Straßennamen, Erinnerungstafeln an Wohnhäusern oder Schulen sowie hergerichteten Grabstätten – gedacht wird, die aber in der Traditionspflege der Bundeswehr keinen gebührenden Platz, etwa durch Standortbenennungen, gefunden haben?

Erwin von Witzleben

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Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben (4.12.1881–8.8.1944)
Foto: Bundesarchiv; Bild 146-1971-069-87 / CC-BY-SA

An erster Stelle sei hier Generalfeldmarschall Erwin von Witzleben genannt. Nicht nur seinem hohen militärischen Rang nach gehört der zum engeren Kreis der Eingeweihten zählende langjährige Heerführer an die Spitze. Schließlich war er nach erfolgreichem Attentat für die Nachfolge Hitlers als Oberster Befehlshaber der Wehrmacht vorgesehen.

Der 1881 geborene Sproß einer aus dem Thüringischen stammenden Adelsfamilie hatte, wie sein Vater zuvor, um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert den Offiziersberuf gewählt, sich als Bataillonskommandeur im Ersten Weltkrieg erste Meriten erworben und es in der Reichswehr als Oberst bis zum Regimentskommandeur gebracht. Obwohl von Witzleben noch im ersten Jahr der Nazidiktatur zum General ernannt worden war, gehörte er schon 1934, nach dem sogenannten Röhm-Putsch, zu den erklärten, wenn auch insgeheim wirkenden Opponenten gegen Hitler und dessen Regime. 1937/1938 bereits stand er an der Spitze einer Verschwörung, die wegen der massiv betriebenen Aufrüstung und Kriegsvorbereitung gegen die Tschechoslowakei auf den Sturz des Diktators hinarbeitete. Die Befriedungspolitik gegenüber Hitler durch das Einlenken von Paris und London im Münchner Abkommen machte diese frühen Umsturzpläne indes zunichte. Als Befehlshaber einer Armee im siegreichen Feldzug gegen Frankreich hatte sich der inzwischen zum Generaloberst avancierte Witzleben in den Augen des »Führers« hinreichend rehabilitiert und bewährt. So wurde ihm im Sommer 1940 gemeinsam mit elf weiteren Generälen der Marschallstab verliehen. 1941 noch als Oberbefehlshaber West berufen, wurde der inzwischen 60jährige im Jahr darauf allerdings in die sogenannte Führerreserve versetzt – angeblich aus gesundheitlichen Gründen, tatsächlich aber wegen des Verdachts, Teil einer militärischen Verschwörung zu sein.

Entsprechende Pläne hatte der Generalfeldmarschall in der Tat weiter verfolgt. Auch in der »Reserve« suchte von Witzleben den Kontakt zu Gleichgesinnten und hielt die Verbindung mit ihnen aufrecht. Botschafter a.D. Ulrich von Hassell, einer der Mitverschwörer, notierte am 19. September 1943 in seinem Tagebuch, sich dabei auf den Generalmajor Hans Oster berufend, er »sei absolut auf der Höhe und tatenlustig«. Wenige Wochen später unterzeichnete er bereits den Grundbefehl, der von ihm selbst als Oberbefehlshaber der Wehrmacht nach dem Attentat auf Hitler verkündet werden sollte. An jenem 20. Juli hatte von Witzleben sich selbst im Zentrum der Verschwörung in der Bendlerstraße in Berlin-Tiergarten aufgehalten.

Am Tag darauf verhaftet, wurde er aus der Wehrmacht ausgestoßen und damit dem berüchtigten »Volksgerichtshof« übergeben. Der verurteilte ihn unter dem Vorsitz seines Präsidenten Roland Freisler im ersten Prozeß im Zusammenhang mit dem 20. Juli gemeinsam mit sieben weiteren Angeklagten am 8. August 1944 zum Tode.

Fritz Lindemann

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General der Artillerie Fritz Lindemann (11.4.1894–22.9.1944)
Foto: wikimedia.org/ CC BY-SA 3.0

Anders als von Witzleben war Fritz Lindemann in den ersten Jahren ähnlich wie Stauffenberg der Nazibewegung gegenüber durchaus wohlgesonnen. Er absolvierte eine Generalstabsausbildung und unterrichtete an der Kriegsakademie. Nach dem vorübergehenden Ausscheiden aus dem Militärdienst war der 1894 in Berlin geborene Offizier der kaiserlichen Armee bzw. der Reichswehr 1938 sogar Mitglied der NSDAP geworden. Danach hatte er sich als militärpolitischer Kommentator verschiedener norddeutscher Zeitungen einen Namen gemacht. Vor Beginn des Überfalls auf Polen reaktiviert, nahm er als Oberst und Kommandeur eines Artillerieregiments dann auch am Feldzug gegen Frankreich teil. Ein grundsätzliches Umdenken begann erst im Verlauf des gegen die Sowjetunion geführten Vernichtungskrieges, in dem Lindemann, im Januar 1942 zum Generalmajor ernannt, als Divisionskommandeur unter anderem auf der Krim an der Eroberung der Festung Sewastopol beteiligt war. Im Oktober 1943 übernahm er die Führung des Artilleriestabes beim Oberkommando des Heeres (OKH); zwei Monate später wurde er in den dritthöchsten militärischen Rang der Wehrmacht, zum General einer Waffengattung, der Artillerie, befördert. Im OKH ergaben sich schließlich erste unmittelbare Kontakte zum Widerstand, namentlich zu von Tresckow und von Stauffenberg, aber auch zu Friedrich Olbricht, den Lindemann bereits 1934 während seiner Zeit im Reichswehrministerium kennengelernt hatte.

In der Folgezeit wirkte der General aktiv an den Vorbereitungen des Staatsstreichs mit. Er stellte Verbindungen zu weiteren Regimekritikern nicht nur in der Wehrmacht her und gehörte bald zum engsten Kreis der Verschwörer. Unter anderem soll er auch den Sprengstoff für das Attentat im Führerhauptquartier »Wolfsschanze« besorgt haben. Zudem war er als Sprecher der neu eingesetzten Regierung vorgesehen und sollte deren Aufrufe im Rundfunk verlesen. Dazu kam es jedoch nicht mehr. So setzte er sich am 21. Juli 1944 aus dem Sitz des OKH in Zossen ab und tauchte zunächst bei Verwandten in Dresden und später bei Freunden in Berlin unter. Die Gestapo fahndete nach dem am 4. August aus der Wehrmacht Ausgestoßenen. Für seine Ergreifung war eine Kopfprämie von 500000 Reichsmark ausgesetzt worden. Eine Denunziation brachte die Verfolger Anfang September auf Lindemanns Spur, der noch im selben Monat im Berliner Polizeikrankenhaus den bei seiner Festnahme erlittenen Schußverletzungen erlag, ohne den Vernehmern sein Wissen preisgegeben zu haben.

Hans Oster

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Generalmajor Hans Oster (9.8.1887–9.4.1945)
Foto: Bundesarchiv; Bild 146-2004-0007 / CC-BY-SA

Im Unterschied zu Stauffenberg oder eben auch Lindemann gehörte Hans Oster schon früh und trotz – oder gerade wegen – seiner Tätigkeit in der Abteilung Abwehr des Reichswehrministeriums zu den erklärten Gegnern der Naziherrschaft und SS-Diktatur. Bereits in den 30er Jahren sammelte der gebürtige Dresdner vom Jahrgang 1887 für einen später anzustrengenden Prozeß umfangreiches Material über deren verbrecherisches Regime. Als Abteilungsleiter unter Admiral Wilhelm Canaris, seinem Chef, knüpfte er vielfältige Kontakte zu Nazigegnern in den verschiedensten Behörden und Verwaltungen des Staates. Als gelernter Berufsoffizier mit Fronterfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg war Oster zuvor auch in der Reichswehr, am Ende als Generalstäbler, ein gefragter Mann. Nähere Bekanntschaften mit Witzleben, Beck, Olbricht und weiteren späteren Mitverschwörern waren die zwangsläufige Folge.

1938 gehörte der drei Jahre zuvor zum Oberstleutnant beförderte Oster zu jenen Männern, die im Zusammenhang mit der sogenannten Sudetenkrise einen Staatsstreich zur Absetzung Hitlers vorbereiteten, weil der von Hitler geplante Krieg mit der Niederlage Deutschlands enden würde. Nach dem Münchner Abkommen lehnte er einen Sprengstoffanschlag gegen den »Führer« ab, weil ein solches Attentat ohne politischen Umsturz das System nicht beseitigen würde. Zwei Jahre später übermittelte Oster als erklärter Kriegsgegner über den niederländischen Militärattaché in Berlin, den er seit den Olympischen Spielen von 1936 kannte, den geplanten und wiederholt verschobenen Angriffstermin auf Frankreich bzw. die Benelux-Staaten. Das wurde ihm noch lange nach 1945 als Landesverrat ausgelegt und zum Vorwurf gemacht. Auch 1943 gehörte Oster, seit 1939 Oberst und seit 1942 Generalmajor, zu jenen, die im Hintergrund die Fäden spannen, als von Tresckow im Stab der Heeresgruppe Mitte ein Attentat auf Hitler vorbereitete, nach dessen Gelingen das Ersatzheer die Macht in Berlin übernehmen sollte. Der Anschlag vom 15. März 1943 mißlang jedoch, und der Staatsstreich blieb erneut aus. Statt dessen wurde Oster vom Dienst suspendiert und unter Hausarrest gestellt. Einen Tag nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 wurde auch er verhaftet und – einen Monat vor der bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 – nach einem Standgerichtsurteil im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz u.a. gemeinsam mit seinem Chef Canaris und dem Theologen Dietrich Bonhoeffer, die beide als Mitwisser galten, hingerichtet.

Caesar von Hofacker


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Oberstleutnant Caesar von Hofacker (11.3.1896–20.12.1944)

Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Oberstleutnant Caesar von Hofacker galt als Stauffenbergs wichtigster Vertrauensmann im Westen. Als Stabsoffizier und engster Mitstreiter des ebenfalls in die Umsturzpläne eingeweihten Militärbefehlshabers in Frankreich, General Carl-Heinrich von Stülpnagel, war er einer der entschiedensten Kritiker der Unmenschlichkeit des dort seit 1940 errichteten deutschen Okkupationsregimes. Und: Durch seine Verwandtschaft mit Stauffenberg, der mütterlicherseits sein Vetter war, gehörte er zudem seit Herbst 1943 zum Kreis der Verschwörer.

1896 in einer Generalsfamilie geboren, hatte er sich 1914 nach dem Abitur als Kriegsfreiwilliger an die Front gemeldet. Nach mehreren Einsätzen in einer Feldfliegereinheit wurde er 1917 zur deutschen Militärmission in der Türkei abkommandiert. Dort geriet der junge Oberleutnant im folgenden Jahr in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1920 entlassen wurde. Im selben Jahr nahm er ein Studium der Rechtswissenschaft auf, promovierte 1925 zum Dr. jur. und begann 1927 eine Tätigkeit in der Verwaltung der Vereinigten Stahlwerke in Berlin, zuletzt war er dort Prokurist. 1939 als Reserveoffizier zur Wehrmacht einberufen, wurde ihm nach der Besetzung Frankreichs die Leitung des Referats »Eisen und Stahl« bei der Militärverwaltung in Paris übertragen.

Obwohl er noch in den 1930er Jahren zu den Sympathisanten Hitlers zählte und 1937 auch in die NSDAP eintrat, verurteilte er nach 1938 mehr und mehr die Außenpolitik des Diktators. Hofacker sah die Gefahr eines Weltkrieges mit unabsehbaren Folgen für Deutschland. Insbesondere die Kritik an der Judenverfolgung führte ihn mit einem Freundeskreis von Hitlergegnern aus dem zivilen Umfeld zusammen. Hinzu kamen seine eigenen Erfahrungen und Erlebnisse in Frankreich, die ihn zunehmend in Opposition gegen das Naziregime trieben. Bei einem späteren Berlin-Besuch im Jahr 1943 wurde ihm von seinem Freund Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg Näheres über die Pläne der Widerständler um den früheren Generalstabschef Ludwig Beck, über die auch General Stülpnagel informiert war, mitgeteilt. Weitere Einzelheiten über den geplanten Sturz Hitlers erfuhr er im Oktober bei einem Treffen mit seinem Cousin, der ihn aufforderte, seine Dienststellung in Paris entsprechend zu nutzen.

Über Stauffenberg lernte Hofacker weitere Mitverschwörer kennen und begann, in Paris ein illegales Netz zu knüpfen, das auch Kontakte zur französischen Widerstandsbewegung und zum »Komitee ›Freies Deutschland‹ für den Westen« einschloß. Am 16. Juli 1944, wenige Tage vor dem Attentat, nahm er noch an einer letzten Beratung der Verschwörer in Berlin teil. Seine klare politische Konzeption führte denn auch am 20. Juli, unmittelbar nach Erhalt des Stichwortes »Walküre«, anders als in Berlin zum sofortigen entschlossenen Handeln der Patrioten. So ordnete der Oberstleutnant die Besetzung aller wichtigen Gebäude in der französischen Hauptstadt an. Einheiten der Wehrmacht setzten mehr als 1200 Angehörige der SS, des Sicherheitsdienstes und der Gestapo fest. Als die Nachrichten vom Überleben Hitlers publik wurde, verhinderte allein die wortbrüchige Weigerung des in die Pläne eingeweihten Oberbefehlshabers West, Generalfeldmarschall Günther von Kluge, die Kampfhandlungen an der Westfront umgehend einzustellen, einen Erfolg des in Paris begonnenen Umsturzes.

Caesar von Hofacker wollte sich daraufhin nach Deutschland durchschlagen, um dort die verbliebenen oppositionellen Kräfte zu sammeln, fiel allerdings am 26. Juli in die Hände der Gestapo. Der von den Nazis fieberhaft gesuchte »Kopf des Putsches in Frankreich« wurde am 30. August vom »Volksgerichtshof« des Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 20. Dezember 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Seine letzten Wort vor dem Urteilsspruch waren: »Sie schweigen jetzt, Herr Freisler! Denn heute geht es um meinen Kopf. In einem Jahr um Ihren!«

Ritter Mertz von Quirnheim


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Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim (25.3.1905–21.7.1944)

Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Zu guter Letzt seien zwei weitere Männer erwähnt, die zweifelsfrei zum engsten Kreis der Mitwisser und Verschwörer gehörten, denen eine Ehrung seitens der Bundeswehr indes verwehrt geblieben ist. Dabei rangieren sowohl Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim als auch Oberleutnant Werner von Haeften ganz oben auf der Liste der im Zusammenhang mit dem 20. Juli Ermordeten. Beide wurden gleich Stauffenberg und Olbricht noch in der Nacht zum 21. Juli 1944 im Hof des Bendlerblocks standrechtlich erschossen.

Der 1905 geborene Mertz von Quirnheim begann nach dem Abitur am Potsdamer Victoria-Gymnasium 1923 seine militärische Laufbahn in der Reichswehr. Dort begann auch seine Bekannt- und spätere Freundschaft mit von Stauffenberg. Wie dieser war er zunächst den Nazis gegenüber durchaus loyal eingestellt, ging aber mit den Jahren mehr und mehr auf Distanz zu deren Regime. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges in der Organisationsabteilung des Generalstabes tätig, geriet er wiederholt wegen der inhumanen Behandlung der Zivilbevölkerung in Konflikt mit Vorgesetzten. Im Jahr 1942 sind erste Kontakte zum Widerstand nachgewiesen. Spätestens 1943 teilte er die Auffassung seines Freundes Stauffenberg, mit dem gemeinsam er zwischen 1936 und 1938 die Kriegsakademie absolviert hatte, daß der Krieg verloren sei sowie Hitler und dessen ganzes System beseitigt werden müßten.

Seit November 1942 als Stabschef eines Panzerkorps in der Sowjetunion eingesetzt, wurde er 1943 zum Oberst befördert. Nachdem ihm im selben Jahr noch die Funktion als Chef des Generalstabes eines Armeekorps übertragen wurde, holte Stauffenberg, der zum Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres ernannt worden war, im Frühjahr 1944 von Quirnheim nach Berlin. Hier übernahm er von seinem Freund dessen bisherige Aufgabe als Stabschef des von Olbricht geführten Allgemeinen Heeresamtes und gehörte somit zu den wichtigsten Kampfgefährten bei der Vorbereitung und Durchführung des geplanten Staatsstreichs.

Werner von Haeften

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Stauffenbergs Adjutant Werner von Haeften (9.10.1908–21.7.1944)
Foto: Bundesarchiv; Bild 146III-347 / CC-BY-SA

Ähnliches läßt sich auch von Werner von Haeften sagen. Der 1908 in Berlin geborene studierte Jurist war bis zum Krieg als Syndikus einer Hamburger Bank tätig. Er war Reserveoffizier und Zugführer und diente nach einer im Winter 1942 in der Sowjetunion erlittenen schweren Verwundung im Generalstab des Ersatzheeres als Adjutant von Stauffenberg. Dabei begleitete der Oberleutnant der Reserve den Grafen auch am 20. Juli 1944 bei seiner gefährlichen Mission in das Führerhauptquartier. Dort hatte er den schwerbeschädigten Oberst, der während des Krieges ein Auge und die rechte Hand eingebüßt hatte, bei der Präparierung des Sprengsatzes tatkräftig unterstützt. Wieder zurück im Berliner Bendlerblock, trug er zur umgehenden Ingangsetzung der Geheimoperation »Walküre« zur Mobilisierung der Hitlergegner bei.

Vorwurf: Kontakt zu Kommunisten

Warum die hier vorgestellten – sie stehen stellvertretend auch für viele andere an der Verschwörung beteiligte – Militärs bisher keine gebührende Ehrung durch die Bundeswehr erfahren haben und in deren Traditionspflege, wenigstens, was die Verleihung von Kasernennamen betrifft, erkennbar ein Schattendasein führen, sei dahingestellt. Allerdings ist es kaum abwegig, dahinter eine mehr oder weniger bewußte Ausgrenzung zu vermuten. Immerhin könnten sie, von Witzleben bis Quirnheim, der Komplizenschaft mit dem »Kriegsgegner«, wie es das Bundesverteidigungsministerium vor gut zehn Jahren formuliert hatte, verdächtigt werden.

So etwa hat Erwin von Witzleben seit 1943 wiederholt erkennen lassen, daß er die Auffassungen des ihm gut bekannten Generals Walther von Seydlitz, der an der Spitze des im September 1943 bei Moskau gegründeten »Bundes Deutscher Offiziere« (BDO) stand und Vizepräsident des kurz zuvor entstandenen Nationalkomitees »Freies Deutschland« (NKFD) war, über den notwendigen Sturz Hitlers teile. Unter anderem hatte von Witzleben die Einflußnahme des »Seydlitz-Komitees« auf Generalität, Offizierskorps und Truppe begrüßt.

Auch General Lindemann, der am 20. Juli im Oberkommando des Heeres in Zossen gewissermaßen »Gewehr bei Fuß« stand, hatte im März 1944 gegenüber seinem Sohn ausdrücklich von der Möglichkeit eines durch NKFD bzw. BDO vermittelten Kompromißfriedens gesprochen. Zudem plante der auf der Flucht befindliche Mitverschwörer im August 1944, mit Hilfe gefälschter Papiere an die Ostfront zu gelangen, dort überzulaufen und sich General Seydlitz, den er ebenfalls von früher kannte, zur Verfügung zu stellen.

Eine noch unmittelbarere Verbindung zu der in der Sowjetunion wirkenden Widerstandsbewegung war im Fall Mertz von Quirnheims gegeben: Dessen Schwager Otto Korfes war als Generalmajor und Divisionskommandeur in Stalingrad in Gefangenschaft geraten und hatte zu den Mitbegründern des Offiziersbundes gehört. Von Quirnheim hatte seiner Schwester Gudrun, der Frau von Korfes, gegenüber erklärt: »Wenn auch jetzt Dein Mann als Vaterlandsverräter und Kriegsverbrecher diffamiert wird, so wird die spätere Geschichte ihm und allen Mitgliedern des NKFD recht geben. Wir versuchen seit langer Zeit, Verbindung mit dem Nationalkomitee aufzunehmen. (…) Wir müssen zu Frieden und Verhandlungen kommen, um Deutschland vor dem Untergang zu retten.«

In Paris ging Caesar von Hofacker schließlich noch über solche Absichtserklärungen hinaus. Nach einer ersten Begegnung mit führenden Vertretern des im Herbst 1943 gegründeten NKFD-Ablegers »Komitee ›Freies Deutschland‹ für den Westen« (KFDW) erklärte der Oberstleutnant bei einem zweiten Treffen im Mai 1944 seinen Beitritt zu diesem Komitee. Leider kam es nach der Landung der Westalliierten in der Normandie zu keiner weiteren Zusammenkunft, in der eine Koordinierung der Kräfte von KFDW, französischer Résistance und den Widerständlern im Stab des Militärbefehlshabers hätte erfolgen können.

So bleibt festzuhalten: Mit der augenscheinlichen Verweigerung einer militärischen Ehrung für Männer wie die hier genannten knüpft die Bundeswehr relativ nahtlos an jenes Verdikt an, das schon Hitler seinen Generälen einst mit auf den Weg gegeben hat: »Kommunisten sind keine Kameraden!«