Sylter Gedenken

Tafel am Rathaus von Westerland benennt Opfer und Täter des Warschauer Aufstandes vom 1. August 1944. SS-Offizier war langjähriger Bürgermeister des Ortes
Von Hans Daniel

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»Henker von Warschau«: Heinz Reinefarth (Mitte) war für den Tod Hundert­tausender mitverantwortlich – nach 1945 machte er in der BRD Karriere
Foto: picture alliance/dpa-Zentralbild

Es ist schon ein bemerkenswertes Ereignis im einstmals als »brauner Naturschutzpark« verschrieenen Schleswig-Holstein: Zur Erinnerung an den 70. Jahrestag des Beginns des Warschauer Aufstandes am 1. August 1944 gegen die faschistischen Okkupanten wird am Rathaus des Städtchens Westerland auf der Nordseeinsel Sylt eine Gedenktafel angebracht. Das haben am 19. Juni alle Fraktionen des Gemeinderats beschossen. Der Anstoß zu diesem Gedenken an den Aufstand kam von einem polnischen Besucher, wie Inselpastor Christoph Bornemann im Gespräch mit junge Welt erklärte. Der Gast wollte von ihm wissen, wie die Insel und im Besonderen die Gemeinde Westerland mit der Vergangenheit ihres langjährigen Bürgermeisters Heinz Reinefarth (1903–1979) umgehe. Fragen, die auch immer wieder von anderen Sylt-Besuchern gestellt würden.

Reinefarth war, bevor er von Dezember 1951 bis 1964 ins Inselrathaus einzog und 1958 in den Kieler Landtag gewählt wurde, SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS und Polizei sowie Kommandeur der »Kampfbrigade Reinefarth«. Die hatte herausragenden Anteil an der blutigen Niederschlagung des Warschauer Aufstandes und war mitverantwortlich für den Tod von mehr als 150000 Kindern, Frauen und Männern. Das war für Pastor Bornemann Anlaß, im Namen der Westerländer Kirchengemeinde in einem Schreiben an den Gemeinderat den Vorschlag zu unterbreiten, auf dem Rathausvorplatz einen Gedenkstein zur Erinnerung und Mahnung aufzustellen. Nach vielen Diskussionen wurde Einigkeit darüber erzielt, daß man dabei die Person des einstigen Bürgermeisters nicht unerwähnt lassen könne.

Eine »tiefergehende und öffentliche Auseinandersetzung mit den Taten Reinefarths« hatte die Historikerin Silke von Bremen angemahnt. Es gehe um viel mehr als um eine Stele oder einen Gedenkstein. Es gehe um eine Auseinandersetzung der Westerländer mit ihrer Geschichte und auch um die gescheiterte Entnazifizierung im Schleswig-Holstein der 1950er Jahre. Darum sei es zwingend notwendig, den Namen des ehemaligen Bürgermeisters zu nennen.

Der Fall des in den Akten der polnischen Behörden zur Verfolgung von Kriegsverbrechen als »Henker von Warschau« aufgeführten Heinz Reinefarth ist ein Musterbeispiel für den »zurückhaltenden« Umgang mit den willigen Vollstreckern faschistischer Ausrottungspolitik. Der Kieler Historiker Karl Heinrich Pohl hatte bereits im Jahr 2006 in einer Rede konstatiert: »Im Norden Deutschlands« habe »sich relativ schnell und wirkungsvoll ein neues altes nationalsozialistisches Netzwerk« gebildet. Es habe »das Landessozialministerium, die Spitze der Landespolizei, wesentliche Teile der Landesjustiz und sogar den Chef der schleswig-holsteinischen Staatskanzlei, der für Personalfragen zuständig war«, umfaßt.

Weiter führt der Professor in seiner Rede zur »›Vergangenheitsbewältigung‹ nach 1945« an, daß im Oktober 1947 bereits 70 bis 80 Prozent der Richterstellen mit ehemaligen NSDAP-Mitgliedern besetzt gewesen seien. »Der weitaus überwiegende Teil der mit den Verbrechen im Dritten Reich belasteten Juristen« war laut Pohl »bereits 1948 nicht nur wohlbestallt im Landesdienst, sondern dominierte auch die schleswig-holsteinische Justiz – und damit wiederum die juristische Aufarbeitung der Nazizeit«. Eine Folge: Alle Ermittlungen – insgesamt fünf – zur Untersuchung der Untaten Reinefarths in Warschau wurden trotz Vorlage polnischer Akten eingestellt; eine Auslieferung an Polen lehnten die britischen Besatzungsbehörden aus »Sicherheitsgründen« ab. Auch die DDR klärte über den Nazikriegsverbrecher auf: 1957 brachte die DEFA den Dokumentarfilm »Archive sagen aus – Urlaub auf Sylt« von Annelie und Andrew Thorndike heraus.

Nun also soll auch auf Sylt die Vergangenheit Reinefarths durch die Anbringung einer Tafel am Rathaus aus dem Dunkel geholt werden. Nach jW-Informationen wird es darauf heißen: »Warschau, 1. August 1944: (…) Mehr als 150000 Menschen werden ermordet, unzählige Männer, Frauen und Kinder werden geschändet und verletzt. Heinz Reinefarth, von 1951 bis 1963 Bürgermeister von Westerland, war als Kommandeur einer Kampfgruppe mitverantwortlich für dieses Verbrechen. Beschämt verneigen wir uns vor den Opfern und hoffen auf Versöhnung.« So wird sich dank bürgerschaftlichen Engagements doch noch erfüllen, was, allerdings in einem anderen Sinn, als 1979 eine Inselzeitung zum Tode Reinefarths schrieb. Die hatte, dem verstorbenen »Henker von Warschau« nachgerufen: »Sein Wirken wird unvergessen bleiben.«