Goldhandel

»Zurück zu den Wurzeln«
Degussa wirbt für den Kauf von Gold und verweist auf eine große Tradition. Die AfD kooperiert mit dem »Großanbieter«, der einst mit dem Raub von »Judengold« reich geworden war

Hans Daniel

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Da zuckt der kundige Leser doch erst einmal zurück – »Degussa kehrt zurück zu den Wurzeln«. List eines Redakteurs der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die mit dieser Überschrift – illustriert mit sieben übereinander gepackten Goldbarren – im Hochsommer das Neueste aus dem Hause Degussa vermeldete? Sollte das ein versteckter Hinweis darauf sein, dass dort einstmals Wurzeln eine gewisse, gewinnbringende Rolle gespielt haben? Blutige Wurzeln gar? Waren es diese »Wurzeln« vielleicht auch, die die rechtslastige »Alternative für Deutschland« (AfD) bei ihrem dubiosen Internetgoldhandel bei Bedarf »auf den Großanbieter Degussa« ausweichen lassen, wie der Spiegel zu Monatsbeginn berichtete? Seit Wochen sorgt die AfD mit ihrem virtuellen Edelmetallgeschäft für Schlagzeilen, die Verbindung zum »Großanbieter« wird nicht problematisiert.

»Tradition verbindet, heißt es so schön. Das dachte sich wohl auch die Degussa«, war bei der FAZ am 12. August zu lesen. »Nun kehrt sie zu ihren Wurzeln zurück.« Durch die Übernahme des Unternehmens Schellhorn & Roth könne man nun selbst Barren herstellen und sei damit »Marktführer im Handelsbereich«.

Doch zurück zu den »Wurzeln« und der Degussa-Tradition: Die »Deutsche Gold- und Silberscheideanstalt« war bei der Gründung 1873 ein, im Rahmen der Zeit, durchaus seriöses Unternehmen. 1933 begannen die »dunklen Jahre«, wie das Ende des vorbarbarischen Kapitels der Degussa-Geschichte so schön umschrieben wird. Das Unternehmen war schnell rein »arisch«, also »judenfrei« und damit standen ihm auch bald alle Türen offen. 1939, als sich die Kolonnen der faschistischen Wehrmacht auf den Marsch zur Eroberung des Kontinents machten und in den Konzentrationslagern die Vernichtung der »jüdisch-bolschewistischen Untermenschen« begann, eröffneten sich für Degussa ganz neu Horizonte.

Vor diesem Hintergrund ist die Berufung auf die »Erfahrungen« des Hauses, wie sie heute von der »Degussa Goldhandel GmbH« betrieben wird, schon recht anrüchig. In Anzeigen wird etwa ein 100 Gramm Feingoldbarren (999,9) mit dem Markenzeichen von Degussa abgebildet. »Gold hat Tradition. Degussa auch.« ist zu lesen und: »Profitieren Sie von unseren Erfahrungen und unserem Know-how (…). Gold von Degussa – setzen Sie auf Tradition, die sich rechnet.«

Und wie sich das »gerechnet« hat! Besonders in jenen Jahren, die man so gerne die »dunklen« in der deutschen Geschichte nennt. Diesen Abschnitt hat der britische Historiker Peter Hayes, Professor für Geschichte und Holocaust-Studien an der Northwestern University in Evanston im US-Bundesstaat Illinois, in der 2005 im Verlag C. H. Beck erschienenen Untersuchung »Die Degussa im Dritten Reich. Von der Zusammenarbeit zur Mittäterschaft« umfassend dargestellt. Der Name dieses Unternehmens ist, konstatiert Hayes in der Einführung seines Buches, »mit einigen besonders dramatischen – und in manchen Fällen verbrecherischen – Aspekten der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 verbunden« (siehe Spalte).

In diese Kategorie gehört die auf den Spuren der Wehrmacht erfolgte Einverleibung (»Arisierung«) artähnlicher Unternehmen in den »Feindländern«. Dazu gehört auch die Ausbeutung der Zwangsarbeiter bei Degussa schon im Sommer 1939. Die wurden »zu der unangenehmsten Arbeit im Betrieb herangezogen und von einem zuverlässigen arischen Arbeitskameraden beaufsichtigt«.

Segensreich für Degussa war das Geschäft mit dem »Judengold«. Das betrifft nicht nur das den verfolgten und in die Konzentrationslager deportierten Juden geraubte Vermögen. Verarbeitet wurden auch, wie Hayes schreibt, »Metalle, die Leichen aus dem Mund gebrochen worden waren«. Auch daran hatte Degussa eine Aktie. Wie mit den qualvoll Ermordeten verfahren wurde, lässt sich an der von Hayes angeführten Aussage einer Praktikantin ablesen, die im Schmelzbetrieb Berlin-Reinickendorf beschäftigt war. »In die Schmelze kamen auch kistenweise Goldzähne, die, wie man später wußte, wahrscheinlich aus Konzentrationslagern waren.« In einem Fernsehinterview hatte sie 1998 die grausamen Details präzisiert: »(…) die Kronen und Brücken waren ja die, wo Zähne noch drin waren (…) Die Zähne waren noch drin und zum Teil war es noch blutig, und Fleischreste waren auch noch dran.«

Heutiger Herr über Degussa ist August von Finck. Der Nachkomme des Bankiers Wilhelm von Finck, einst strammer Parteigänger des faschistischen Regimes, verzehrt unter anderem auf Schloss Weinfelden im Schweizer Kanton Thurgau sein im Jahre 2010 auf rund 8,4 Milliarden Dollar geschätztes Vermögen. Sein Ahn hatte als Profiteur der »Arisierung«, sprich Einverleibung jüdischer Bankhäuser wie Dreyfus und Co. und Rothschild in sein Bankhaus, sein Vermögen beträchtlich ausbauen können.

Mit seinen in einem erbittert geführten Familienstreit errungenen Pfunden hat Finck jun., wie es die Bibel aufträgt, gut gewuchert und nach allerlei Transaktionen die Namensrechte an Degussa erworben. Das Edelmetall wird über das eigene Vertriebsnetz »Degussa Goldhandel« unter die Leute gebracht. Außer Gold, Silber, Palladium und Platin sind neuerdings auch »Schoggibarren« im Angebot. Diese Ein-Gramm-Goldstücke lassen sich, erklärt ein Degussa-Mann, wie eine Tafel Schokolade, abbrechen und beispielsweise als kleines Geschenk oder auch als Zahlungsmittel verwenden.

»Setzen Sie auf Tradition, die sich rechnet«, bewirbt von Finck seinen Versandhandel für die Besserverdienenden. »AfD ist Gold wert«, behauptet die Truppe von Parteichef Bernd Lucke. Das Edelmetallgeschäft der Partei brummt, wie der Spiegel zu berichten weiß. Mit dem ganzen »Mut zur Wahrheit« wird die blutige Geschichte der Liaison totgeschwiegen.

(Artikel und Foto aus Junge Welt vom 26.November 2014)

Hintergrund:

https://www.jungewelt.de/schwerpunkt/heimt%C3%BCckisch-und-grausam
https://www.jungewelt.de/schwerpunkt/die-tradition-von-degussa