Oktoberfestattentat:

Hinter dem Faschismus steht das Kapital

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MÜNCHEN AM 26. SEPTEMBER 1980

Aus der Infobroschüre der SDAJ München zum sogenannten NSU als Teil des faschistischen Terrors (Hinter dem Faschismus steht das Kapital):

Am 26. September 1980 explodierte um 22:19 Uhr eine selbstgebaute Rohrbombe in einem Papierkorb. Diese bestand aus mit TNT gefüllten Mörsergranaten, Schrauben und Nägeln, welche durch einen Feuerlöscher getarnt waren. Die zerstörerische Wirkung des Sprengstoffes schleuderte die Einzelteile mit gewaltiger Wucht durch die Gegend. Insgesamt starben 13 Menschen, 211 weitere wurden verletzt, 68 davon schwer, sodass Amputationen vorgenommen werden mussten und viele Opfer bis heute mit Behinderungen zu kämpfen haben. Da der Anschlag am Rande des Münchner Oktoberfestes stattfand, wird er allgemein als „Oktoberfestattentat“ bezeichnet. Es ist der größte terroristische Vorfall in der Geschichte der Bundesrepublik.

Einen Tag später, am 27. September setzte der CDU/CSU Kanzlerkandidat Franz-Josef Strauß auf Angriff: In einem Interview in der BILD-Zeitung kritisierte Strauß die damalige SPD-FDP-Regierung: Diese stünde für angeblich zu lockere Vorgaben im Bezug auf die Sicherheitsdienste. Strauß, bekannt für seine Freundschaft zu dem faschistischen Diktator Pinochet und seinen guten Beziehungen zu ehemaligen Waffen-SS Mitgliedern, ging noch weiter: Ohne irgendwelche Ansatzpunkte behauptete er medienöffentlich, es handele sich um einen Anschlag der RAF.

Im September 1980 befand sich der Bundestagswahlkampf in seiner heißen Phase und der Anschlag wurde genutzt um Angst vor einer „linken Bedrohung“ zu schüren und Propaganda für den CDU/CSU-Kandidaten Strauß zu machen. Für Strauß stand der Feind links. Für den Bundestagswahlkampf blieb dies nicht ohne Folgen. Die Umfrageergebnisse für die CDU/CSU stiegen rasant an, zwar konnte sich die Regierung SPD/FDP halten, aber das Ergebnis fiel für die CDU/CSU deutlich besser aus als erwartet. Das „Oktoberfestattentat“ hatte also eine enorme politische Bedeutung für den Wahlkampf.

Doch die offiziellen Ermittlungen der Bundesanwaltschaft und des bayerischen Kriminalamts kamen zu dem Ergebnis, dass ein gewisser Gundolf Köhler, ein Rechtsradikaler, als sozial isolierter Einzeltäter den Anschlag ausgeführt hatte. Das Märchen vom angeblichen RAF-Anschlag war widerlegt. Der angebliche Einzeltäter Gundolf Köhler starb bei der Explosion, 1982 wurden die Ermittlungen eingestellt, denn es war ja ein Schuldiger gefunden und dieser war nun dummerweise nicht mehr in der Lage auszusagen. Frank Lauterjung bekräftigte als Hauptzeuge die Einzeltäterthese und starb kurz nach seinen Aussagen an Herzversagen, der Fall war für die Behörden abgeschlossen.

Zweifel am offiziellen Ermittlungsergebnis

Doch die Einzeltäterthese sollte nicht unkommentiert bleiben. ZeugInnen berichteten von mehreren verdächtigen Personen. Aussagen zufolge soll Köhler sich kurz vor dem Attentat mit 2 Männern in unmittelbarer Nähe des Zielorts unterhalten haben. Frank Lauterjung (der Hauptzeuge) war, wie sich später herausstellte ein Rechtsradikaler, der vermutlich für den Verfassungsschutz gearbeitet hatte. Außerdem hatte Gundolf Köhler Freunde, wie Raymund Hörnle und Sibylle Vorderbrügge aus der Vereinigung „Deutsche Aktionsgruppen“ und Freunde aus der „Wehrsportgruppe Hoffmann“, einer paramilitärischen faschistischen Kampfgruppe (Diese war kurz zuvor verboten worden, der ehemalige Ministerpräsident Strauß kritisierte dieses Verbot jedoch öffentlich).

Die Aufklärung des „Oktoberfestattentats“ wurde gekonnt unter den Teppich gekehrt, doch Angehörige, JournalistInnen und andere wollen sich damit nicht zufrieden geben. Neue Erkenntnisse liefern Informationen, wie zum Beispiel, dass bereits 22 Stunden vor dem Anschlag die gesamte verbotene Wehrsportgruppe Hoffmann von insgesamt 3 Verfassungsschutzämtern, aus Bayern, Baden Württemberg und Hessen unter ständige Beobachtung gestellt wurde. Auf Nachfrage im Bundestag 2009, ob diese Beobachtung mit Wissen über den geplanten Anschlag verbunden gewesen ist, wurde von der Bundesregierung ausweichend geantwortet.

Desweiteren sagten Raymund Hörnle und Sibylle Vorderbrügge bereits einen Tag nach dem Anschlag aus, dass ein gewisser Heinz Lembke ihnen Waffen und Sprengstoff angeboten hatte, die Staatsanwaltschaft ging diesem Umstand aber erst nach, als ein Jahr später riesige Waffendepots entdeckt worden sind. Lembke verriet schließlich die Standpunkte von insgesamt 33 solcher Depots. Man fand diverse automatische Waffen, 14.000 Schuss Munition, 50 Panzerfäuste, 156 kg Sprengstoff, 230 Sprengkörper und 258 Handgranaten. Einen Tag vor seiner Vernehmung am 1. November 1981 beging Lembke Suizid in seiner Zelle. Die Ermittlungen, die ihn betrafen wurden auch hier eingestellt.

Trotz seiner freundschaftlichen Beziehungen zur Wehrsportgruppe Hoffmann gab es keine offiziellen Zweifel an der Einzeltäterthese. Sowohl die Anzahl als auch die Qualität der Waffen lassen an dieser These zweifeln. Merkwürdig ist auch, dass drei der gefundenen Waffenexemplare ausgerechnet von einer Firma stammen, welche die Bundeswehr und die NATO beliefert.

Die Einzeltäterthese nutzte Franz Joseph Strauß

Es liegt auf der Hand, dass der Anschlag von Franz Josef Strauß, der CSU und ihrem extrem-rechten Spektrum politisch genutzt wurde. Der Anschlag passierte zur richtigen Zeit, genau in der Wahlkampfphase, er ließ den Verdacht auf das gesamte linke Umfeld lenken und er legitimierte Forderungen nach verstärkten Sicherheitsvorkehrungen.

Es lässt sich klar erkennen, dass die Wehrsportgruppe Hoffmann entweder indirekt oder direkt am Anschlag mitwirkte und auch die guten Kontakte des Täters zu den „Deutschen Aktionsgruppen“ und deren Kontakte zu Lembke nicht einfach ignoriert werden können. Die Zeugenaussagen von Lauterjung, welche beinahe komplett zur Fundierung des Ermittlungsergebnisses dienten, sind unglaubwürdig, da dieser aktiver Rechtsradikaler und vermutlich Mitarbeiter des Verfassungsschutzes war. Das staatliche Ermittlungsergebnis ist nicht unsauber, sondern trieft geradezu vor Schmutz.

Gladio, Verfassungsschutz und terroristische Vereinigungen

Dass in den 33 Waffendepots von Heinz Lembke militärische Ausrüstung lagerte, welche aus deutscher Produktion stammte, lässt Zweifel daran aufkommen, ob das wirklich „private Waffendepots“ waren. Um das zu verstehen reicht ein kurzer Blick in die westeuropäische Nachkriegsgeschichte: Die Organsiation Gladio besteht seit ungefähr 1950 (sie wurde angeblich nach dem kalten Krieg aufgelöst) und war eine paramilitärische Geheimorganisation der NATO, des CIA und des britischen MI6. Offizielles Ziel war es, im Fall einer sowjetischen Invasion den jeweils betroffenen Staat schnellst möglichst zu übernehmen und nicht-loyale PolitikerInnen, Organisationen oder Parteien sofort auszuschalten. So gab es in Deutschland beispielsweise Listen mit hochrangigen SPD-Politikern welche nicht als zuverlässig antikommunistisch galten und im Notfall sofort zu eliminieren gewesen seien.

Der Gladio war aber auch dazu gedacht im Falle von erstarkender progressiver Protestbewegungen, diesen Kräften mit allen Mitteln entgegenzuwirken und sie zu zerschlagen. Fortwährende Beschäftigung war es linke Gruppen durch Attentaten und gewalttätige Aktionen indirekt oder direkt zu schwächen und zu diskreditieren, so die Ermordung wichtiger Personen oder „false-flag“-Aktionen, bei denen die Schuld an einem Anschlag linken Kräften zugeschrieben wurde.

Im Zuge der Operation Gladio wurden große Waffendepots angelegt und speziell ausgewählte Personen zu Agenten ausgebildet, die in der Lage waren Sabotageaktionen und Attentate auszuführen. Insgesamt agierte der Gladio in diversen europäischen Ländern. Auf sein Konto gehen die Ermordung zahlreicher Personen sowohl im politischen wie auch im zivilen Umfeld. Der Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof in Bologna 1980, welcher allein 85 Tote und 200 Verletzte forderte, auch der Putsch in Griechenland im Jahr 1967 und die Etablierung einer Militärdiktatur, auch der Militärputsch in der Türkei 1980 wurden vom Gladio ausgeführt oder maßgeblich unterstützt und im Vorfeld geplant.

Die Agenten des Gladio rekrutierten sich vor allem aus dem faschistischen Umfeld. Der Großteil der Gruppen bestand aus diversen rechtsradikalen und faschistisch gesinnten Personen. Der italienische Gladio beispielsweise sammelte alte Anhänger Mussolinis, in der Türkei waren es Mitglieder der Grauen Wölfe u.a., welche den Gladio dort leiteten. In Deutschland bestanden die ersten Gruppen aus ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS und Wehrmacht. Bessere Antikommunisten konnten sich nicht finden. Auch die staatlichen Geheimdienste unterstützten den Gladio sowohl indirekt als auch direkt. So arbeiteten die italienischen Geheimdienste direkt mit den Gruppen des Gladio zusammen um die Kommunistische Partei Italiens zu unterwandern oder zu schwächen und in Deutschland gab es eine rege Zusammenarbeit zwischen Gladio, Staat und rechten TerroristInnen.

Terror um das System zu stabilisieren

Um das Jahr 1990 sickerten Informationen über das Geheimnetzwerk an die Öffentlichkeit. Anhand der heutigen Informationslage über den Gladio, erscheint u.a. das Oktoberfestattentat in einem ganz anderen Licht. Denken wir noch einmal an Heinz Lembke: Dieser hatte also vermutlich seine 33 Waffendepots nicht einfach selbst angelegt (wie auch?). Lembke bot Raymund Hörnle und Sibylle Vorderbrügge ja nicht nur Waffen, sondern auch eine militärische Ausbildung an. Das passt eher in eine NATO-Strategie der paramilitärischen Unruhe, als zu einem faschistischen Einzeltäter. Lembke beging einen Tag vor seiner Vernehmung Suizid, er war nicht mehr in der Lage auszusagen.

Das Beispiel des „Oktoberfestattentats“ weißt an nicht wenigen Stellen Parallelen zur Mordserie des NSU auf. Seien es die Ermittlungspannen, die staatliche Unterstützung durch Waffen und Vertuschung, als auch die mediale Berichterstattung. In beiden Fällen wird rechter Terror zum Alibi reaktionärer Politik.

Die Broschüre der SDAJ zum Oktoberfestattentat kann hier heruntergeladen werden:Die Broschüre als PDF downloaden