Die Bonifatius-Kampagne

Du sollst keine anderen Weihnachtsmänner neben mir haben! Wie katholische Missionare in Kindergärten und Schulen das weltliche Gabenfest verunglimpfen
Christoph Horst

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Ob sie im schwarzen Paderborn schon mal an einen Scheiterhaufen für den Weihnachtsmann gedacht haben? Nikolaus-Bastelbogen des Bonifatiuswerks
Foto: bonifatiuswerk

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Ein Wesenskern des Katholizismus ist seit jeher die Kontrolle des Individuums durch Gängelung und Verbote. In dieser Tradition geht eine Gruppe von Missionaren des Bonifatiuswerks in Paderborn und Umgebung seit Jahren massiv gegen den Weihnachtsmann vor. Laut Vereinssatzung ist ihr Werk »die Seelsorge in den Diasporabereichen«. Ja, sind die Katholiken denn mittlerweile schon in Paderborn in der Diaspora? Ausführungen dieser Adepten des »Apostels der Deutschen« lassen das möglich erscheinen: Man habe sich zu kümmern um Glaubensbrüder, die »inmitten von Menschen leben, die zwar der katholischen Kirche angehören, den Glauben aber längst aus ihrem Leben verdrängt haben«. An dieser Stelle kommt wohl der Weihnachtsmann ins Spiel.

Obwohl das Weihnachtsfest keine christlichen Ursprünge hat, sondern aus Elementen vorchristlicher Feste zusammengeschustert wurde, tat die Kirche immer irgendwie so, als gehörten ihr die Weihnachtsfeiertage. Und weil der von Kindern als großzügig und superschnell bewunderte Weihnachtsmann konfessionell eben nicht gebunden ist, geriet er ins Visier der Bonfatiuswerker. Entschlossen starteten sie 2002 die Kampagne »Weihnachtsmannfreie Zone«, deren Logo sein durchgestrichenes Konterfei zeigt.

Mit Broschüren, Bastelbögen, Aufklebern und Schokoladenfiguren bewaffnet, suchen die Missionare seither in der Adventszeit öffentliche Kindergärten heim. In vielen hat die Kirche die Gesinnungshoheit. Auch an Grundschulen ist ihr Einfluss kaum zu überschätzen; immerhin jede dritte in Nordrhein-Westfalen ist eine Bekenntnisgrundschule. Hier erfolgt die Missionierung also auf Länderkosten.

Den größeren Kindern wird der Weihnachtsmann im Unterricht ausgeredet, den kleineren in Stuhlkreisen, aber die Kampagne richtet sich auch an Erwachsene. So wurde etwa das Paderborner Heinz-Nixdorf-Forum, ein eng mit der Uni des Städtchens kooperierendes Computermuseum, zur »weihnachtsmannfreien Zone« erklärt. Neben Details zur Informationstechnik wird den Besucher dort nun also verklickert, dass »der Weihnachtsmann ein No-Name (ist), der Bäuche und Kassen zu füllen hat«, wie es ein Fürsprecher der Aktion beispielhaft formuliert, denn fundamentalistischer Glaube ist ja allemal wichtiger als ein voller Bauch.

Den Weihnachtsmann gibt es also gar nicht? Kann sein, aber nichts läge den Bonifatiussen ferner als die ersatzlose Streichung. Neben dem »heiligen Nikolaus« propagieren sie an seiner Statt das unbefleckt empfangene Christkind. Auch nicht schlecht, nur dass sie das für bare Münze nehmen, um dem Weihnachtsmann im selben Atemzug vorzuhalten, er sei von Coca-Cola erfunden worden. Abgesehen von der Frage, warum die Kreation eines Getränkemultis schlechter sein soll als die einer Kirche, ist der Vorwurf schlicht falsch. Das lässt sich leicht überprüfen. Jeder kennt das Lied »Morgen kommt der Weihnachtsmann« von Hoffmann von Fallersleben. Geschrieben wurde es 1835. Die Coca-Cola-Company wurde 1892 gegründet.

Aber gut, den Missionaren geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um höhere Wahrheiten. Ihre Verachtung des Weihnachtsmanns hat tiefere Gründe. Die hat der französische Ethnologe Claude Lévi-Strauss näher untersucht. »Indem wir unsere Kinder in dem Glauben lassen, dass ihr Spielzeug aus dem Jenseits kommt«, stellen wir, verkürzt gesagt, das Monopol der Kirche in Frage. Und nicht nur wir: In beinahe allen vor-und außerchristlichen Kulturen gab und gibt es Fantasiegestalten mit Weihnachtsmann-Mentalität. Lévi-Strauss erwähnt etwa die südamerikanischen Katchinas, die ihren Kindern über fiktive Dritte Geschenke zukommen ließen. Und das Jesus-Wiegenfest steigt ja auch nicht zufällig Ende Dezember. Es wurde in Konkurrenz zu den römischen Saturnalien etabliert. Dieser römisch-heidnische Brauch zu Ehren Saturns ist einer der vielen Ursprünge des Weihnachtsfests.

Zu den namhaften Unterstützern der Bonifatius-Kampagne zählen ZDF-Moderator Peter Hahne, der nie zurücksteht, wenn das Christentum gegen die Zivilisation verteidigt werden muss, und Manfred Lütz, Sohn von Mechthildis Freiin von Quernheim, Gatte von Isabella Prinzessin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg und Bestsellerautor. Aktuell aus seiner Feder: »Wie Sie unvermeidlich glücklich werden« (Gütersloh, 2015). Ein begnadeter Moralist, der in höheren Kreisen für der Weisheit letzten Schluss zuständig ist: »Es widerspricht der Menschenwürde, bedauernswerte Menschen dazu zu nötigen, als rot-weiße Weihnachtstrottel durch die Gegend zu laufen.«

Ungezwungenes Feiern ohne Gottesfurcht ist solchen Herrschaften suspekt. Man ist durch ihre Feindseligkeit versucht, den Weihnachtsmann zu einer Figur der Aufklärung aufzuwerten. Das kann man aber auch lassen und mit Lévi-Strauss fragen: »Schlummert tief in uns nicht noch immer der Wunsch, ein klein wenig an die Großzügigkeit ohne Kontrolle zu glauben, an eine Liebenswürdigkeit ohne Hintergedanken, an eine kurze Zeitspanne, in der alle Furcht, aller Neid und alle Bitterkeit aufgehoben sind?« Der Ethnologe schrieb sein Essay »Der gemarterte Weihnachtsmann« 1952 als Reaktion auf die Verbrennung einer Weihnachtsmannpuppe durch katholische Jugendverbände. Ob sie im schwarzen Paderborn schon mal an einen solchen Scheiterhaufen gedacht haben? Dürften sie noch verbrennen, sie täten es.

(Aus: Weihnachten, Beilage der jW vom 24.12.2015)