Die dümmste Terrorgruppe

Anschlagspläne am Telefon
Prozess gegen »dümmste Terrorgruppe Deutschlands« in München eröffnet

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»Präsident« Andreas H. (2. v. l.) mit seinen Anwälten im Gerichtsaal am ersten Prozesstag
Foto: REUTERS/Michaela Rehle

Am Mittwoch hat die Hauptverhandlung gegen vier Führungsmitglieder der »Oldschool Society« (OSS) vor dem Oberlandesgericht München begonnen. Die Bundesanwaltschaft stuft die Neonazigruppe als terroristische Vereinigung ein. Laut Anklage war sie darauf ausgerichtet, ihre Ideologie »unter Einsatz von Schusswaffen, Brandsätzen oder Sprengmitteln« durchzusetzen. Als Anschlagsziele wurden Geflüchtete und Antifaschisten genannt. Weil OSS-Mitglieder am Telefon offen darüber gesprochen hatten, verballhornte das Vice-Magazin sie als »dümmste Terrorgruppe Deutschlands«.
Andreas H. galt als ihr »Präsident«. Er postete, so Oberstaatsanwalt Jörn Hauschild, »häufig Bilder aus dem Internet von Waffen, welche seiner Ansicht nach geeignet wären, um solche Anschläge mit ihnen zu begehen, und vermittelte den Eindruck von Fachwissen über den Bau und die Wirkung von Rohrbomben«. Am Telefon bekundete H. seine Zustimmung dazu, eine Nagelbombe in eine Unterkunft für Asylsuchende zu werfen: »Tät’ mir schon gefallen, wär’ schon so nach meinem Geschmack«. Bei diesem Zitat nickte der 57jährige Augsburger auf der Anklagebank. Er habe »im wesentlichen die Geschicke der Gruppe« gelenkt, zusammen mit Markus W. Dieser sei zunächst »Chief of Security« gewesen, habe »beträchtlichen Einfluss« und ein »enges Vertrauensverhältnis« zum »Präsidenten« gehabt. Er sei in »alle strategischen Entscheidungen« einbezogen worden und im September 2014 zum »Vizepräsidenten« aufgestiegen.

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Bei dem „Vizepräsidenten“ Markus Wilms aus Borna (links) handelt es sich um kein unbeschriebens Blatt im Kontext der bundesweiten Neonaziszene. Als Aktivist der im Jahr 2012 verbotenen Neonazigruppierung „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) trat er bereits hinreichend in Erscheinung. Hier bei einem Neonaziaufmarsch im April 2009 im nordrhein-westfälischen Stolberg.

Geboren wurde W. 1972 in Düren. Er schmiss nach eigenen Worten eine Ausbildung zum Dachdecker hin, um »herumlungern« zu können – bis er zum Jagdbombergeschwader der Bundeswehr kam. Danach: Erwerbslosigkeit und Hilfsjobs. Einen verlor er wegen zu vieler Vorstrafen. 2010 zog es ihn nach Sachsen, wo er einen schweren Arbeitsunfall erlitten habe. Ab 2014 habe er ein eigenes Sicherheitsgewerbe betrieben. Die Radikalisierung der OSS trieb W. laut Anklage maßgeblich voran. Sein Ziel sei »eine kampfbereite Gruppe« gewesen. Zusammen mit Denise Vanessa G. habe er Sprengstoff besorgt. Er war es auch, der seinem »Präsidenten« telefonisch die Nagelbombe vorschlug: »… hier, so ein Cobra 11, hier, weißt du, hier Dachpappenstifte draufmachen mit Sekundenkleber ringsrum, draufkleben und dann so ein Ding im Asyl … so ein Ding im Asylcenter, im Asylheim so, weißt du, Fenster eingeschmissen und dann das Ding hinterhergejagt«. Denise Vanessa G. war während des Telefonats anwesend. Im Hintergrund erklärte sie, dass man aufgrund der Sprengkraft die Zündschnüre verlängern müsse. Die 23jährige sei eine der treibenden Kräfte gewesen. Die »Schriftführerin« setzte sich laut Anklage »vehement dafür ein, dass im Jahr 2015 in kleineren Gruppen Anschläge verübt werden«, und wollte dies »notfalls auch selbst in die Hand nehmen«. Bei ihrem Bruder soll sie sich über die Herstellung und Wirkung von Sprengstoff schlau gemacht haben. Der vierte Angeklagte Olaf O. sei von ihr angeworben worden. Als »Pressesprecher« betreute er den Auftritt der OSS in »sozialen Netzwerken«. Nach kurzer Zeit sei er Mitglied ihres »Geheimrats« geworden und habe den Führungszirkel komplettiert. Geboren wurde O. 1968 in Gelsenkirchen. Nach eigener Aussage wuchs er »behütet« auf. Nach einer Ausbildung zum Kfz-Mechaniker in Bochum-Wattenscheid wurde er 1990 zur Bundeswehr in Ahlen eingezogen. Wegen psychischer Probleme ausgemustert, begann er bei Opel zu arbeiten. Er heiratete 1992. Wegen eines 2006 diagnostizierten Hirntumors ging es mit ihm sozial und beruflich abwärts. Er wurde arbeitslos, trennte sich von seiner Frau und verlor seine Freunde. Im Internet fand er neue – darunter die Kameraden der OSS. Durch seine Befürwortung von Gewalt habe O. erheblich zur Radikalisierung beigetragen. Das »mögliche Ziel«, so zitiert ihn die Bundesanwaltschaft: »Asylantenheim, Antifaquartier oder Ölaugen umschuppen«.
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Am 9. Mai sollen sich Denise Vanessa G. und der »Präsident« zu ihren Lebensläufen äußern. Am Folgetag ist mit Einlassungen zur Sache zu rechnen.