Missbrauchter Mord

Nach dem Attentat auf Jo Cox versucht das rechte Lager den politischen Hintergrund herunterzuspielen. Expremier Blair macht EU-Werbung
Von Christian Bunke, Manchester

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Wahlkampf vor Trauer: »Wählt Bleiben« steht auf dem Blumenstrauß vor dem Porträt von Jo Cox am Samstag in London
Foto: REUTERS/Neil Hall

Am Donnerstag ist Helen ­Joanne »Jo« Cox ermordet worden. Die 41jährige ist das erste britische Parlamentsmitglied, das seit 1990 einem Attentat zum Opfer fiel. Der mutmaßliche Täter, Thomas Mair, wurde am Samstag in London angeklagt. Als er seinen Namen angeben sollte, sagte er der Richterin: »Mein Name ist Tod allen Verrätern, Freiheit für Großbritannien.«

Mair ist ein psychisch kranker arbeitsloser Gärtner aus einer Kleinstadt in der nordostenglischen Grafschaft Yorkshire. Er ist außerdem seit den 1980er Jahren Abonnent diverser extrem rechter und faschistischer Zeitschriften. So ließ er sich aus den USA Publikationen der National Alliance mit Anleitungen zum Bau von Feuerwaffen schicken. Außerdem las er regelmäßig einen rassistischen südafrikanischen Newsletter, der die Apartheid verherrlicht. Als Mair auf Cox schoss und anschließend auf sie einstach, rief er »Britain first« – Großbritannien zuerst. Das ist sowohl ein Slogan als auch der Name einer kleinen faschistischen Gruppierung, die in Yorkshire einige Mitglieder hat.

Jo Cox setzte sich als Abgeordnete für Flüchtlingsrechte ein. Außerdem war sie in der Kampagne für den Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union aktiv. Das machte sie zur Zielscheibe. Dennoch versucht vor allem die konservative britische Rechte den politischen Hintergrund des Attentats herunterzuspielen. Keine einzige Zeitung hat bislang den Terrorismusbegriff verwendet. Vor allem die psychischen Probleme des als »Einzelgänger« dargestellten Täters werden hervorgehoben. Die konservative Daily Mail schrieb am Samstag in einem Leitartikel, man solle mit dem Mord »nicht Politik spielen«. Leider habe das »einige Aktivisten der Kampagne für den Verbleib Großbri­tanniens in der EU nicht davon abgehalten, indirekt das EU-Austrittslager verantwortlich zu machen«.

Tatsächlich hat der Mord auf der gesamten Insel große Bestürzung ausgelöst. Für viele junge Menschen gilt er als Beleg für den rassistischen Charakter des EU-Austrittslager. Das ist kein Wunder: Nur wenige Stunden vor dem Mord enthüllte der Rechtspopulist Nigel Farage ein neues Werbeposter, auf dem ein Flüchtlingstreck zu sehen war. Darunter der Schriftzug »Breaking point« (Zerreißgrenze). Farage wollte damit seinen Standpunkt verdeutlichen, dass Großbritannien aus der EU austreten müsse, um die Kontrolle über die Grenzen zurückzugewinnen. Am 23. Mai veröffentlichte die Daily-Mail-Kolumnistin Katie Hopkins einen Kommentar, in dem sie sich positiv auf die Wahlerfolge verschiedener rechtspopulistischer Parteien einschließlich der österreichischen FPÖ bezog. »Who will put Britain first?« (Wer setzt Großbritannien an die erste Stelle?) war der Titel des Artikel.

Die britischen Konservativen haben viele Mitglieder, die sich in der AfD oder der FPÖ zu Hause fühlen würden. Dazu gehört auch Premierminister David Cameron, der seine politische Karriere auf der Hetze gegen Immigranten aufgebaut hat. Vor einigen Jahren verkündete er das »Scheitern« des »Multikulturalismus« und ließ Siedlungen von »Travellers«, dem fahrenden Volk, gewaltsam von der Polizei räumen.

Derselbe Premierminister fordert nun nach dem Mord an Cox »Toleranz« ein. Am Sonntag meldete sich der Kriegsverbrecher und Expremier Anthony Blair zu Wort, der als Mitunterzeichner eines offenen Briefes erklärte: »Wir haben als Land jetzt die Wahl, Spaltungen, Isolationismus und Beschuldigungen zurückzuweisen.« Während seiner Amtszeit war Blair für Gesetzesverschärfungen gegen Asylsuchende verantwortlich. Das wird ihn und andere nicht davon abhalten, den Mord an Cox als Werbung für ein positives EU-Referendum am kommenden Donnerstag zu missbrauchen. Es wird knapp. Nach jüngsten Umfragen sprechen sich 46 Prozent der Wahlberechtigten für einen Austritt Großbritanniens aus, 44 Prozent sind für den Verbleib in der EU.