Vernichtungskrieg

Vor 75 Jahren überfiel die faschistische Wehrmacht die Sowjetunion. Nicht der Angriff überraschte Stalin und die Generäle der Roten Armee, sondern das zunächst rasche Vordringen der deutschen Verbände
Von Geoffrey Roberts

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Verbrecherischer Überfall mit großer Wucht. Die Wehrmacht erlangte in den ersten Tagen des »Unternehmens Barbarossa« große Geländegewinne (Deutsche Bomber und motorisierte Einheiten, Ende Juni 1941)
Foto: picture alliance/Everett Collection

Vor siebzig Jahren setzte Adolf Hitler den größten und verheerendsten Kriegsfeldzug in der Geschichte in Gang, als er drei Millionen deutsche Soldaten und Truppen verbündeter Staaten auf einer 1.600 Kilometer breiten Front in die Sowjetunion einmarschieren ließ.
Das »Unternehmen Barbarossa«, wie der Codename für den Überfall auf Russland lautete, war kein gewöhnlicher Feldzug: Dies war ein ideologischer und rassistischer Krieg der Zerstörung mit dem Ziel, die Juden auszulöschen, die sowjetischen Völker zu versklaven und den Kommunismus zu vernichten. Ein Krieg, in dem 25 Millionen sowjetische Zivilisten starben, darunter eine Million Juden, die von der SS und anderen Verbänden zwischen 1941 und 1942 exekutiert wurden – als Vorlage für den Holocaust an den europäischen Juden durch die Nazis. Bei ihrem Einmarsch verwüstete die deutsche Wehrmacht den europäischen Teil der Sowjetunion. Zerstört wurden 70.000 Kleinstädte und Dörfer, 98.000 genossenschaftliche Kolchosen, Zehntausende Fabriken und Abertausende Kilometer Straßen und Eisenbahngleise. Durch den Krieg verlor die UdSSR 15 Prozent ihrer Bevölkerung und 30 Prozent ihres Volksvermögens.

Der Angriff auf die Sowjetunion war der Höhepunkt in Hitlers Versuch, Deutschland als dominante Weltmacht zu etablieren. Am Anfang stand der Einmarsch in Polen im September 1939, es folgte die Eroberung Frankreichs im Juni 1940. Bis 1941 hatte die deutsche Kriegsmaschinerie die meisten Länder Europas unterworfen, das jeweilige Land entweder überfallen oder gezwungen, sich Hitlers Achsenmächten anzuschließen.
Im Westen trotzte dieser Entwicklung nur Großbritannien, das durch den Ärmelkanal und die Stärke der Royal Navy und der Air Force geschützt war und deshalb unbesiegt blieb. Im Osten war allein die Sowjetunion übrig geblieben, die durch ihren Widerstand verhindern konnte, dass Deutschland vollständig die Vorherrschaft in Europa errang.

Schlagkraft falsch eingeschätzt

Im August 1939 hatte Stalin mit Hitler einen Nichtangriffspakt geschlossen, dem ein »geheimes Zusatzprotokoll« angefügt war, mit dem Polen und das Baltikum in deutsche und sowjetische Interessensphären aufgeteilt wurden. Dieses Abkommen geriet im Sommer 1940 nach der Niederlage Frankreichs und der sowjetischen Besetzung der baltischen Staaten ins Wanken. Im November 1940 schickte Stalin seinen Außenminister Wjatscheslaw Molotow nach Berlin, um den »Hitler-Stalin-Pakt« neu zu verhandeln. Stalin lehnte jedoch Hitlers Angebot einer Juniorpartnerschaft in einer weltweiten Koalition gegen Großbritannien und die Vereinigten Staaten ab. Kurz nach Molotows Berlin-Besuch gab Hitler dem Oberkommando der Wehrmacht die Weisung, das »Unternehmen Barbarossa« einzuleiten.

Das Ziel von »Barbarossa« war die Eroberung Russlands durch einen »Blitzkrieg«. Hitler und sein Generalstab dachten, es wären nur ein paar Monate erforderlich, um die Rote Armee zu zerschlagen, Leningrad und Moskau einzunehmen und auf der Linie von Archangelsk bis Astrachan die westliche Hälfte der Sowjetunion zu besetzen. »Die Welt wird den Atem anhalten«, sagte Hitler, als er den Generälen versicherte, dass sie nur die Tür einzutreten hätten, und die ganze »verrottete Struktur« des sowjetischen Kommunismus würde zusammenbrechen. Diese ideologische Voreingenommenheit gegen das Sowjetsystem wurde bestärkt durch das schlechte Bild, das die Rote Armee im Winterkrieg mit Finnland in den Jahren 1939 und 1940 abgegeben hatte.

Auslöser für diesen Krieg war Finnlands Weigerung, der Abtretung eines Gebiets zuzustimmen, das die Sowjets als entscheidend für die Gewährleistung der Sicherheit Leningrads ansahen. Moskau erwartete einen leichten Sieg, aber der erste sowjetische Angriff auf Finnland im Dezember 1939 scheiterte komplett, und die UdSSR hatte Zehntausende Gefallene zu beklagen. Nachdem sich die Rote Armee neu formiert hatte, zwang sie Finnland in einer zweiten Offensive dazu, im März 1940 einen Friedensvertrag nach Moskaus Konditionen zu akzeptieren.
Das deutsche Oberkommando zog daraus den falschen Schluss, dass die Rote Armee ein leichter Gegner für die Wehrmacht würde. Was die Deutschen nicht wahrnahmen, war die Tatsache, dass die Rote Armee nach dem Krieg gegen Finnland eine weitreichende Analyse ihres Kriegseinsatzes vorgenommen hatte. Das Ergebnis war eine Reihe von Militärreformen, einschließlich der Wiedereinstellung Tausender »verdächtiger« Offiziere, die in den 1930er Jahren im Zuge der »Säuberungen« Stalins kaltgestellt worden waren. Als Hitler den Befehl zum Angriff auf die Sowjetunion gab, sah er sich deshalb mit einer erfahreneren und stärkeren Militärmacht konfrontiert, als er es erwartet hatte.

Mythos Präventivkrieg

An dem Tag, an dem der Einmarsch begann – am 22. Juni 1941 – behauptete Hitler, die Invasion sei eine Antwort auf das Handeln und die Provokationen Russlands. Die Nazipropaganda stellte das »Unternehmen Barbarossa« als einen Präventivschlag gegen einen bevorstehenden Angriff der Sowjetunion dar. Durch den Überfall schützte Deutschland angeblich das »christliche Europa« vor den »barbarischen asiatischen Horden« aus dem Osten.

Der Mythos, das Deutsche Reich führe einen Verteidigungskrieg gegen die UdSSR, hält sich in ultrarechten politischen Kreisen bis heute, aber es gibt keinen Beweis dafür, dass Stalin erwogen hatte, Deutschland im Sommer 1941 anzugreifen. Im Gegenteil versuchte Stalin fieberhaft, eine militärische Auseinandersetzung zu verhindern, um möglichst viel Zeit für den Abschluss der sowjetischen Verteidigungsvorbereitungen zu gewinnen. Während einige Generäle der Roten Armee geneigt waren, dem erwarteten deutschen Angriff zuvorzukommen, hielt Stalin das für völlig abenteuerlich, weil er den Krieg fürchtete, nicht zuletzt wegen seines Verdachts, die Briten könnten sich insgeheim Richtung Deutschland umorientieren und sich an einer antibolschewistischen Kampagne gegen die UdSSR beteiligen. Dieser Verdacht wurde durch den mysteriösen Flug von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß im Mai 1941 nach London bestärkt, der für Stalin Indiz war, dass möglicherweise Verhandlungen über eine britisch-deutsche Allianz stattfanden.

Durch ihre Führungs- und Einsatzgrundsätze sowie ihre Traditionen war die Rote Armee durchaus offensiv orientiert, und sie plante für den Fall, dass Hitler die UdSSR angreifen würde, sich gegenüber Deutschland auch entsprechend zu verhalten. Im Zentrum der sowjetischen Kriegsvorbereitungen standen Pläne für eine Gegenoffensive, mit der die Rote Armee einen Angriff der deutschen Wehrmacht abfangen würde, um dann selbst in das feindliche Territorium einzumarschieren. Es gibt aber keinen Hinweis darauf, dass diese Pläne im Sommer 1941 zu einer aggressiveren Strategie weiterentwickelt worden waren. In ihren Kriegsvorbereitungen vor dem 22. Juni 1941 nahm die Sowjetunion also eine defensive Haltung ein.

Zunächst schien Hitlers Rechnung aufzugehen, als die deutschen Divisionen tief auf sowjetisches Gebiet vorstießen, alles zerstörten, was sich ihnen entgegenstellte, und Millionen von gegnerischen Soldaten einkesselten und gefangennahmen. Schon am 3. Juli notierte Generaloberst Franz Halder, Chef des Generalstabes des Heeres, in sein Kriegstagebuch: »Es ist also wohl nicht zu viel gesagt, wenn ich behaupte, dass der Feldzug gegen Russland innerhalb [von] 14 Tagen gewonnen wurde.« Bis September hatte die Wehrmacht Kiew erobert, Leningrad eingekesselt, und sie war einsatzbereit, auf Moskau vorzustoßen.

Halders Euphorie war aber voreilig, und Anfang August beschlichen ihn Zweifel: »Wir haben bei Kriegsbeginn mit etwa 200 feindlichen Divisionen gerechnet. Jetzt zählen wir bereits 360 Divisionen. […] Und wenn ein Dutzend zerschlagen wird, dann stellt der Russe ein neues Dutzend hin.«

Offensivverteidigung

Aber es waren nicht nur die unerschöpflichen menschlichen Reserven, die einen schnellen und leichten Sieg der Deutschen vereitelten. Die sowjetischen Verteidigungslinien brachen nicht völlig zusammen. Nachdem die Rote Armee sich vom ersten Schock des deutschen Angriffs erholt hatte, schlug sie zurück und leistete hartnäckigen Widerstand.

In der Brester Festung im Grenzgebiet des von Deutschland besetzten Polen kämpften 3.000 sowjetische Soldaten fast bis zum letzten Mann. Odessa, der wichtigste sowjetische Marinehafen im Schwarzen Meer, hielt wochenlang stand gegen den Angriff der rumänischen 4. Armee, und der Schwesterhafen Sewastopol leistete noch ein weiteres Jahr Widerstand. Millionen sowjetischer Soldaten gerieten in Kriegsgefangenschaft, aber Zehntausenden gelang es auch, die Einkesselung der Wehrmacht zu durchbrechen und sich den Weg freizukämpfen.
Die Rote Armee verteidigte sich nicht nur passiv; gemäß ihrem Ethos einer offensiven Verteidigung führte sie zahlreiche Gegenangriffe durch, bei denen sie die Truppen der Wehrmacht oft zum Rückzug und zur Neuformierung zwang. Der Kampf um Kiew hielt den deutschen Vormarsch in die Ostukraine fast einen Monat lang auf. Leningrad wurde so entschlossen verteidigt, dass Hitler die Entscheidung fällte, die Stadt lieber zu belagern als sie durch einen Frontalangriff einzunehmen. In der Gegend von Smolensk kämpften deutsche und sowjetische Truppen wochenlang darum, die Zufahrtswege nach Moskau zu kontrollieren.

Hitlers letzte Chance, die Sowjetunion 1941 zu besiegen und einen kostspieligen Abnutzungskrieg zu vermeiden, kam im Herbst, als die Wehrmacht Moskau mit mehr als einer Million Mann angriff. Ende November konnten Vorauseinheiten der Wehrmacht schon die Turmspitzen des Kreml in Moskau sehen. Aber Anfang Dezember führte die Rote Armee einen Gegenangriff, der die deutschen Truppen zwang, sich 160 Kilometer zurückzuziehen. Zunächst hoffte Stalin, »Unternehmen Barbarossa« schon zu diesem Zeitpunkt vollständig zurückzuschlagen und die deutschen Truppen wieder verjagen zu können, aber es zeigte sich, dass dies die Kapazitäten der Roten Armee bei weitem überstieg. Erst durch ihren Sieg in Stalingrad Ende 1942 wendete sich das Blatt zu ihren Gunsten.

Völkermordstrategie

Dass es Hitler nicht gelang, Moskau einzunehmen, signalisierte das strategische Scheitern des »Unternehmens Barbarossa«. Anstelle eines schnellen Sieges war Deutschland mit einem langen Abnutzungskrieg an der Ostfront konfrontiert – mit einem Kampf, den die Wehrmacht nur noch verlieren konnte, nachdem sich die Sowjetunion mit Großbritannien und den Vereinigten Staaten verbündet hatte.
Beim Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion hatte der britische Premierminister Winston Churchill umgehend seine Solidarität erklärt, während US-Präsident Franklin D. Roosevelt Hilfen der USA für die UdSSR freigab.

Die USA griffen zunächst nicht offiziell in den Konflikt ein. Sie taten es erst, als Japan Pearl Harbor überfiel und Hitler den Vereinigten Staaten im Dezember 1941 den Krieg erklärte. Diese Entscheidung Hitlers erscheint aus der Rückschau irrational und verrückt. Zu diesem Zeitpunkt waren die USA aber de facto Londons Verbündete und schützten Konvois britischer Handelsschiffe, die US-Güter transportierten, auf ihren transatlantischen Routen. Im wesentlichen war Hitler immer noch vom Sieg an der »Ostfront« überzeugt. Die deutsche Wehrmacht war vor Moskau in Stellung gegangen, aber die volle Stärke der Roten Armee sollte sich erst noch zeigen.

Hitlers Entscheidung, den USA den Krieg zu erklären, hing auch eng mit der Radikalisierung der Nazipolitik in der Frage der Judenvernichtung zusammen. Die Massaker an sowjetischen Juden hatten schon begonnen, und vor dem Krieg hatte Hitler damit gedroht, dass »die Juden« im Falle eines weiteren internationalen Konflikts »alle untergehen« würden. Der Beginn des Pazifikkrieges lieferte ihm den Anlass, seine Drohung in die Tat umzusetzen. Der europäische Krieg wurde zum Weltkrieg ausgeweitet, in dem die Nazis ihre Völkermordpläne weiterverfolgen konnten. Auf der bald darauf im Januar 1942 von Reinhard Heydrich initiierten Wannsee-Konferenz wurde entschieden, die europäischen Juden »zusammenzutreiben«. Wer die körperlichen Voraussetzungen hatte, sollte sich in der deutschen Kriegswirtschaft zu Tode arbeiten, während alle anderen wie in der Sowjetunion ermordet würden.

»Mobilisierung ist Krieg«

Churchill und Roosevelt befürchteten beide, dass ein deutscher Einmarsch in der Sowjetunion nicht aufzuhalten sei. Es ist wichtig, sich zu erinnern, dass das schnelle Vordringen der Wehrmacht nicht überraschend kam, wenn man sich vor Augen hält, dass es sich um eine kampferprobte Armee handelte, die Polen und Frankreich im Handstreich eingenommen hatte. Es war gerade der Überraschungseffekt, der der Wehrmacht in die Hände arbeitete.

In seiner sogenannten Geheimrede vor dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion im Jahr 1956 kritisierte Nikita Chruschtschow, Stalins Nachfolger im Amt des Generalsekretärs der KPdSU, seinen Vorgänger. Er hielt ihm vor, die Lage falsch eingeschätzt und es zugelassen zu haben, dass die Rote Armee vom deutschen Angriff überrascht werden konnte – was Millionen Menschenleben gekostet und die Sowjetunion an den Rand einer Niederlage gebracht habe. So ähnlich ging jedenfalls Chruschtschows Argumentation.
Stalin war aber nicht wirklich überrascht vom deutschen Einmarsch. Es war offenkundig, dass der Angriff der deutschen Wehrmacht bevorstand. Was Stalin und seine Generäle allerdings überraschte, war die Wucht und die Effektivität des Angriffs.

Durch den Aufmarsch der deutschen Truppen entlang der sowjetischen Grenzen gab es schon seit Monaten deutliche Anzeichen für den bevorstehenden Überfall. Es ist reiner Mythos, dass Stalins Geheimdienstoffiziere ihm nur das berichtet hätten, was er hören wollte, das heißt, dass zu dem Zeitpunkt eine deutsche Invasion in Großbritannien bevorstand, während Hitler die Sowjetunion nicht vor 1942 angreifen würde. Meistens lieferten die Geheimdienstoffiziere objektive Berichte, die auf Aufklärungsmaßnahmen an den Grenzen beruhten. Diese Berichte waren des gleichen Inhalts wie die der politischen, diplomatischen und Spionagequellen – nämlich dass Deutschland sich darauf vorbereitete, die UdSSR anzugreifen, und zwar schon sehr bald.

Stalin war sich sehr wohl bewusst, dass die Rote Armee einige Verluste erleiden würde, wenn sie im Moment des Angriffs der deutschen Wehrmacht nicht in vollem Umfang mobilisiert wäre. Der wesentliche Punkt war, dass Stalin glaubte, es würde nichts ausmachen, wenn die Rote Armee vom deutschen Angriff überrascht würde, weil er darauf baute, dass die sowjetischen Verteidigungsmaßnahmen griffen und so genug Zeit zur Vorbereitung von Gegenangriffen bliebe.

Diese Sichtweise bleibt nachvollziehbar. Drei Millionen Soldaten bewachten die stark befestigten sowjetischen Außengrenzen. Die sowjetischen Vorbereitungen auf den Krieg waren nicht weniger intensiv als die der Deutschen, und diese Verteidigungsmaßnahmen gaben Stalin die Zuversicht, mit Hitler sein Spiel treiben zu können, um den Krieg hinauszuzögern, selbst angesichts der Tatsache wachsender nachrichtendienstlicher Informationen über einen bevorstehenden deutschen Angriff. Deswegen hielt Stalin die volle Mobilisierung der Roten Armee bis zum allerletzten Moment zurück.

»Mobilisierung bedeutet Krieg«, sagte Stalin zu seinem Generalstabschef, Marschall Georgi Schukow, und erinnerte ihn daran, dass die Generalmobilmachung der russischen Armee in der Julikrise durch Zar Nikolaus den Krieg mit dem deutschen Kaiserreich 1914 unvermeidlich gemacht hatte.

Stalins Illusionen bezüglich der sowjetischen Verteidigungsbereitschaft wurden von seinen Generälen geteilt, die der schnelle Vormarsch der Wehrmacht genauso entsetzte wie ihn. Schukows Bemühungen, in den Tagen nach dem 22. Juni Pläne eine Gegenoffensive zu starten, verschlimmerten die Situation, weil die Vorauseinheiten der Roten Armee Gefahr liefen, von den Deutschen eingekesselt zu werden. Die meisten Verluste der Sowjets in den ersten Wochen und Monaten des Krieges waren das Ergebnis massiver Einkesselungsoperationen der Deutschen, wie in Minsk im Juni 1941 und in Kiew im September 1941.

Bedeutend war, dass die Rote Armee nicht über spezielle Einsatzgrundsätze oder Training verfügte, um sich gegen Einkesselungen wehren zu können. Sowjetische Soldaten wussten nicht, ob sie besser vor Ort kämpfen oder einen Ausbruch aus der Einkesselung versuchen sollten. Es ist der Mangel an militärischer Ausbildung und Vorbereitung, der die Katastrophe erklärt, die über die Rote Armee am 22. Juni 1941 hereinbrach, und nicht der Faktor des Überraschungsangriffs. Zwar war es Stalins Fehler, aber auch die sowjetischen Generäle trugen dafür die Mitverantwortung – was sie später unter den Teppich zu kehren suchten, indem sie Stalin die Schuld für das Desaster gaben.

Aus Versäumnissen gelernt

Die Rote Armee lernte zwar, wie eine effektive Verteidigung zu organisieren ist, aber erst nachdem die Opferzahlen in astronomische Höhe gestiegen waren. Ende 1941 hatte die Rote Armee fast 200 Divisionen im Kampf verloren und die atemberaubende Zahl von 4,3 Millionen Todesopfern zu beklagen. Die von der Sowjetunion während zehnjähriger Mobilisierung aufgebaute Streitmacht war völlig vernichtet worden.
Auch die Wehrmacht erlitt große Verluste. Bis zum Jahresende 1941 starben in der Sowjetunion fast eine Million deutsche Soldaten. Das waren weitaus höhere Opferzahlen als in Polen und Frankreich. Wegen dieser Verluste war das »Unternehmen Barbarossa« die erste und letzte breit angelegte strategische Offensive der Wehrmacht gegen die UdSSR. Als die deutsche Armee die Offensive im Sommer 1942 wieder aufnahm, drehte sie sich nur um eine einzige strategische Achse – einen Feldzug im Süden zur Eroberung der Ölfelder in Baku, aus denen 90 Prozent des sowjetischen Öls stammten.

Hitlers Krieg für Öl führte zur wichtigsten Schlacht des Zweiten Weltkriegs – der Schlacht um Stalingrad im Herbst 1942. Die Niederlage dort besiegelte das Ende der Wehrmacht. Mit der Einkreisung und Vernichtung der 6. Armee in Stalingrad ergriff die Rote Armee die strategische Initiative und fügte der Wehrmacht danach eine Niederlage nach der anderen zu, bis zur Einnahme Berlins durch Schukow im Mai 1945.
An diesem 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wird Russland die Welt erneut daran erinnern, dass die Rote Armee nicht nur es selbst, sondern die europäische Zivilisation vor den Nazis gerettet hat. Es ist wahr, dass die Sowjetunion den Krieg nicht allein gewonnen hat, sondern im Bündnis mit Großbritannien, den USA und weiteren Alliierten. Wie man früher zu sagen pflegte: Die Briten gaben Zeit, die Amerikaner Geld und die Sowjets ihr Blut, um Hitler zu besiegen. Aber, wie Churchill sagte, es war die Rote Armee, die Hitlers Kriegsmaschine das Herz herausriss.

Im Verlauf des Krieges vernichtete die Rote Armee 600 feindliche Divisionen – finnische, rumänische, ungarische, spanische und italienische ebenso wie deutsche. Die Achsenmächte verloren 48.000 Panzer, 167.000 Artilleriegeschütze und 77.000 Flugzeuge. Deutschland hatte 10 Millionen gefallene Soldaten zu beklagen. 75 Prozent aller Verluste während des Zweiten Weltkriegs hatte Deutschland an der »Ostfront« hinzunehmen.

Kein Pyrrhussieg

Nach dem Krieg behaupteten überlebende deutsche Generäle, sie seien der Roten Armee unterlegen gewesen, weil diese mehr Soldaten und Ressourcen zur Verfügung hatte und besser an das Klima und die Gegebenheiten Russlands gewöhnt war. Hitler diente außerdem als bequemer Sündenbock dafür, dass eine angeblich barbarische und rückständige Nation Nazideutschland besiegt hatte. Seine Generäle erklärten Hitler zu einem schlechten Oberkommandierenden, dessen strategische Fehler den möglichen Sieg in eine Niederlage verwandelt hätten. Doch die Generäle vergaßen die schlechten Ratschläge, die sie Hitler erteilt hatten. Noch größere Erinnerungslücken wiesen sie bezüglich der Rolle auf, die die Wehrmacht im Holocaust gespielt hatte.

In Wahrheit unterlagen die von Deutschland geführten Streitkräfte einer Armee, die sowohl besser war als auch größer: einer Armee mit überlegenen Waffen und einer überlegenen Strategie und Führung. Zudem war Stalin ein weitaus besserer Oberkommandierender als Hitler. Der sowjetische Diktator versuchte nicht, seine Generäle zu bevormunden. Er folgte nicht immer ihren Ratschlägen, aber er lernte von ihrem militärischen Professionalismus und trachtete danach, ein kohärentes und effektives Oberkommando zu schaffen.

Stalin machte nicht weniger Fehler als Hitler, aber er lernte ebenso aus ihnen, wie es die Rote Armee in ihrer Gesamtheit tat. Im Verlauf des Krieges entwickelte sich die Rote Armee zu einer äußerst effizient lernenden Organisation. Die Erfahrungen und Lehren aus den Schlachten wurden gewissenhaft zusammengetragen, analysiert und allen militärischen Kadern zugänglich gemacht. Die Rote Armee überprüfte ständig ihre Kommandostrukturen, die Truppenorganisation und ihre Führungs- und Einsatzgrundsätze. Parallel dazu wurde die Militärtechnologie stetig verbessert, und man machte guten Gebrauch von den Tausenden Panzern, Flugzeugen und Lastwagen, die die westlichen Verbündeten lieferten.
Manchmal ist zu hören, der Sieg der Sowjetunion über Nazideutschland sei ein Pyrrhussieg gewesen – ein zu teuer erkaufter Sieg. Aber die Alternative wäre weitaus schlimmer gewesen: ein triumphierendes Nazireich in Europa, das sowohl die westliche Demokratie als auch den sowjetischen Sozialismus vernichtet und Hitlers Völkermord an den Juden vollendet hätte.

Geoffrey Roberts ist Professor für Geschichte am University College Cork in Irland. Er ist Autor von »Stalins Kriege. Vom Zweiten Weltkrieg zum Kalten Krieg« (2008) und »Stalin’s General: The Life of Georgy Zhukov« (2012)
Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Heiser
Lesen sie auch: »Barbarossa«. Raubkrieg im Osten. Mit Texten aus jW u. a. von Dietrich Eichholtz, Hannes Heer, Kurt Pätzold und Martin Seckendorf, Verlag 8. Mai, 5,80 Euro, im jW-Shop erhältlich.

Wieder gegen Russland
75 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion: Für die Bundesregierung hat das Gedenken keine große Bedeutung
Von Sevim Dagdelen

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22. Juni 2015: Gedenken am Grab des Unbekannten Soldaten in Moskau an die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges 1941–1945
Foto: EPA/SERGEI CHIRIKOV

Sevim Dagdelen ist Sprecherin für internationale Beziehungen der Linksfraktion und Mitglied im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages
Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen« – diese Grabinschrift auf dem Leningrader Piskarjow-Gedenkfriedhof erinnert an diejenigen, die während der Belagerung der Stadt im Zweiten Weltkrieg starben und dort in Massengräbern begraben sind. Für die Bundesregierung scheint das Wachhalten der Geschichte keine große Bedeutung zu haben, wie sich ihrer Antwort auf meine kleine Anfrage »Gedenken der Bundesregierung an 75 Jahre Überfall auf die Sowjetunion« entnehmen lässt.

Während sich auf der einen Seite seit Jahren geschichtsrevisionistische Angriffe mehren, die den Beitrag der damaligen Sowjetunion und der Roten Armee zur Befreiung Deutschlands und Europas vom Faschismus schmälern und relativieren wollen, verweigert die Bundesregierung schlicht ein würdiges Gedenken an jene, die Opfer des Überfalls des faschistischen Deutschlands am 22. Juni 1941 wurden. Mehr als 26 Millionen Menschen wurden im Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion getötet – zwei Drittel von ihnen waren Zivilisten. Städte, Dörfer und Fabriken in der Sowjetunion wurden von den deutschen Besatzern niedergebrannt und zerstört.

Der Umgang mit der deutschen Geschichte spiegelt das aktuelle politische Klima zwischen Ost und West wider. »Weder im Inland noch im Ausland« richtet die Bundesregierung in Erinnerung an den 75. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion eine Gedenkveranstaltung aus. Dies sei Aufgabe der »fachkundigen (…) Einrichtungen der politischen, historischen und kulturellen Bildung«, heißt es in der Antwort lapidar. Und so richtig die Feststellung des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier ist, dass der Frieden in Europa, der nun seit mehr als 70 Jahren zumindest ohne großen Krieg herrscht, das kostbarste Gut ist, das wir haben, und er dafür kämpfen werde, dass das nicht aufs Spiel gesetzt wird, und so richtig seine jüngste NATO-Kritik ist, seine Taten sprechen eine ganz andere Sprache.

Denn für die Politik der »Einkreisung« Russlands durch die NATO durch Aufnahme weiterer Mitglieder und die Aufstellung eines »Raketenabwehrsystems« stehen eben die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und auch Außenminister Steinmeier. Diese Gewaltpolitik erfährt durch Großmanöver des westlichen Militärpakts in unmittelbarer Nachbarschaft zu Russland und durch die Stationierung weiterer Truppen in Polen, Litauen, Lettland und Estland nunmehr eine konfliktverschärfende Fortsetzung. Wohl wissend, dass eine »dauerhafte Stationierung« von »substantiellen« Kampfverbänden gegen die NATO-Russland-Grundakte aus dem Jahr 1997 verstoßen würde, lässt man die vier multinationalen NATO-Bataillone mit je etwa 1.000 Mann rotieren. Deutschland kommt dabei 75 Jahre nach dem Überfall auf die Sowjetunion eine wichtige Rolle zu: Die Bundeswehr ist Teil der Aufmarschpolitik gegen Russland und soll in Litauen die Führung über das NATO-Kontingent übernehmen.

Die Bundesregierung setzt auf das Vergessen, was die Folgen einer Konfrontationspolitik sein können. Der neue Feind steht im Osten. Er heißt Russland. Gegen ihn scheint jedes Mittel recht: Sanktionen, Aufrüstung, Destabilisierungsmaßnahmen. Von Resultaten dieser verheerenden Aggressionspolitik aber will man nichts wissen. Dabei ist die Bundesregierung konsequent: Die Erinnerung an den Überfall auf die Sowjetunion soll ausgelöscht werden, um ungestört an Russlands Grenzen zu zündeln.


Vernichtungskrieg: „Kein Kommentar“

22.06.2016

(Bericht: german-foreign-policy) – Selbst 75 Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion will die Bundesregierung diesen nicht als Beginn eines rassistischen Vernichtungskrieges bezeichnen. Dies geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der Linksfraktion hervor. Demnach handelt es sich beim Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 nach offizieller Lesart „um einen unprovozierten Angriffskrieg des ‚Dritten Reiches‘“ – andere „rechts- oder geschichtswissenschaftliche Auffassungen“ werde man „nicht kommentieren“. Die Haltung Berlins ist umso skandalöser, als zahlreiche verbrecherische Befehle der NS-Führung überliefert sind, in denen unmissverständlich die „Ausrottung“ der „jüdisch-bolschewistischen Intelligenz“ in der UdSSR angeordnet wird. Gleichzeitig weigern sich die deutschen Regierungsparteien, die von der Naziwehrmacht internierten sowjetischen Kriegsgefangenen als Opfer des NS-Regimes anzuerkennen; über einen entsprechenden Antrag der Linksfraktion im Deutschen Bundestag wurde bis heute nicht entschieden. Mehr als drei Millionen gefangene Rotarmisten kamen im deutschen Gewahrsam ums Leben – sie starben an Hunger, vermeidbaren Krankheiten oder wurden gezielt ermordet. Insgesamt forderte der von Deutschland ausgehende Krieg auf sowjetischer Seite 27 Millionen Opfer, davon etwa 18 Millionen Zivilisten.

„Jüdisch-bolschewistische Intelligenz beseitigen“

Wie aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Deutschen Bundestag hervorgeht, weigert sich Berlin, den deutschen Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 als Beginn eines rassistischen Vernichtungsfeldzugs zu bezeichnen. Auf die Frage der Abgeordneten, ob die Bundesregierung die Auffassung teile, „dass der Überfall auf die Sowjetunion ein Angriffskrieg war, den Nazideutschland ‚ohne jede Not eröffnet‘ und von ‚vornherein als rassenideologischen Vernichtungskrieg‘ konzipiert hatte“, hieß es Ende Mai wörtlich: „Nach Einschätzung der Bundesregierung handelte es sich bei dem Überfall auf die Sowjetunion vom 22. Juni 1941 um einen unprovozierten Angriffskrieg des ‚Dritten Reiches‘. Im Übrigen ist es nicht Aufgabe der Bundesregierung, rechts- oder geschichtswissenschaftliche Auffassungen zu kommentieren.“[1] Die Haltung Berlins spricht den Ergebnissen der geschichtswissenschaftlichen Forschung Hohn, die immer wieder auf den verbrecherischen und eliminatorischen Charakter des deutschen Krieges gegen die UdSSR aufmerksam gemacht hat. So erklärte Hitler selbst schon Anfang März 1941, die „jüdisch-bolschewistische Intelligenz“ in der Sowjetunion müsse durch den kommenden Krieg „beseitigt werden“.[2]

„Sofort mit der Waffe erledigen“

Es folgte eine ganze Reihe von verbrecherischen Befehlen, die die Wehrmachtsführung noch vor dem von ihr als „Unternehmen Barbarossa“ bezeichneten Überfall auf die UdSSR erließ. Gemäß den auch als „Kommissarbefehl“ bezeichneten „Richtlinien für die Behandlung der politischen Kommissare“ vom 6. Juni 1941 waren die politischen Instrukteure der Roten Armee im Falle ihrer Ergreifung „sofort mit der Waffe zu erledigen“. Der „für die Kriegsgefangenen völkerrechtlich geltende Schutz“ finde auf sie „keine Anwendung“, hieß es.[3] Der „Erlass über die Ausübung der Kriegsgerichtsbarkeit im Gebiet Barbarossa“ vom 13. Mai 1941 verfügte, dass von Wehrmachtsangehörigen gegen Zivilisten begangene Straftaten „nicht unter Verfolgungszwang“ gestellt werden durften, und erklärte damit die sowjetische Bevölkerung de facto für vogelfrei.[4] Die „Richtlinien für das Verhalten der Truppe in Russland“ vom 19. Mai 1941 schließlich verpflichteten die deutschen Soldaten auf den „Kampf … gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure, Juden“.[5] Zusammen mit dem vorgenannten „Kriegsgerichtsbarkeitserlass“ führte der Befehl dazu, dass Hunderttausende Bürger der Sowjetunion ohne jeden Bezug zu Kampfhandlungen willkürlich ermordet wurden.

„Sonderaufgaben im Auftrag des Führers“

Durch die am 13. März 1941 erlassenen „Richtlinien auf Sondergebieten zur Weisung Barbarossa“ erhielt zudem der Reichsführer SS, Heinrich Himmler, besondere Vollmachten für „Sonderaufgaben im Auftrag des Führers, die sich aus dem endgültig auszutragenden Kampf zweier entgegengesetzter politischer Systeme ergeben“.[6] In der Folge stellte das Reichssicherheitshauptamt der SS vier „Einsatzgruppen“ aus Angehörigen des Sicherheitsdienstes der SS (SD), der Polizei und der Waffen-SS auf. Ihre Aufgabe bestand darin, unmittelbar hinter der vorrückenden Wehrmacht alle als „jüdisch-bolschewistische“ Feinde definierte Menschen umzubringen. Allein zwischen Ende Juni 1941 und April 1942 ermordeten die „Einsatzgruppen“ mehr als 500.000 sowjetische Bürger, zumeist Juden. Dabei kooperierten sie eng mit dem deutschen Militär, wie das Massaker in der Schlucht Babi Jar Ende September 1941 zeigt. Zunächst druckte die Propagandakompanie der 6. Armee 2.000 Plakate, auf denen die Juden der ukrainischen Hauptstadt Kiew aufgefordert wurden, sich zur „Umsiedlung“ einzufinden. Mehr als 33.000 Menschen leisteten dem Aufruf Folge; sie wurden in die Schlucht eskortiert und dort von der SS erschossen. Heerespioniere der 6. Armee sprengten danach die Wände der Schlucht ab, um die Leichenberge zu verdecken.

„Unnütze Esser“

Die Vernichtung der sowjetischen Juden war eingebettet in einen ausgeklügelten Hungerplan der deutschen Besatzer, den der Karlsruher Historiker Wigbert Benz präzise beschrieben hat (german-foreign-policy.com berichtete [7]). Demnach sollten die von der Wehrmacht okkupierten Gebiete der UdSSR „um Millionen ‚unnütze Esser‘ bereinigt werden, um Nahrungsmittel für deutsche Interessen frei zu machen“.[8] Schon Anfang Mai 1941 legten die Staatssekretäre aller wirtschafts- und sozialpolitisch relevanten Ressorts bei einer Besprechung mit dem Chef des Wirtschafts- und Rüstungsamtes im Oberkommando der Wehrmacht, General Georg Thomas, folgendes fest: „1. Der Krieg ist nur weiter zu führen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Russland ernährt wird. 2. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“[9] Dieser Strategie entsprach auch das Vorgehen der deutschen Armee in Bezug auf die sowjetischen Großstädte: Sie wurden nicht etwa erobert, sondern eingeschlossen und gezielt ausgehungert, was alleine etwa eine Million Leningrader das Leben kostete.[10] Oftmals gingen Hungerpolitik und Holocaust Hand in Hand, wie Benz am Beispiel Sewastopols ausführt: „Die Hungersituation wurde vom dortigen Wirtschaftskommando bereits Anfang Dezember 1941 zum Anlass genommen, die ’sofortige Lösung der Judenfrage‘ zu fordern – und prompt wandte sich daraufhin das Oberkommando der 11. Armee an die SS-Einsatzgruppe, die Durchführung der Judenmorde zu beschleunigen.“[11]

Zwangsarbeiter

Parallel dazu rekrutierten die Beauftragten des von Hitler 1942 ernannten „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“, Fritz Sauckel, Zwangsarbeiter in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Diese wurden ins Reichsgebiet deportiert; im Sommer 1944 belief sich ihre Zahl auf mehr als zwei Millionen. Oftmals kamen die sowjetischen Zwangsarbeiter in der deutschen Rüstungsindustrie zum Einsatz, wo man sie ausschließlich zu äußerst schweren und gesundheitsschädlichen Tätigkeiten heranzog. Die sogenannten Ostarbeiter erhielten weit geringere Nahrungsmittelrationen als nicht-sowjetische Zwangsarbeiter; hochwertige Lebensmittel wie Käse, Milch, Eier und Butter wurden ihnen grundsätzlich vorenthalten. Zudem waren sie dem systematischen Terror von Wachmannschaften und Firmenmitarbeitern ausgesetzt. So heißt es etwa in einem offiziellen deutschen Untersuchungsbericht über die Zustände in einem Zwangsarbeiterlager des Degussa-Konzerns: „Hungrige Ostarbeiter werden wegen einiger gestohlener Kartoffeln vor den versammelten Lagerinsassen auf die unmenschlichste Art und Weise hingerichtet.“[12]

Kriegsgefangene

Das schlimmste Schicksal traf allerdings die sowjetischen Kriegsgefangenen. Von 5,7 Millionen Rotarmisten in deutschem Gewahrsam kamen 3,3 Millionen ums Leben – sie starben an Hunger, vermeidbaren Krankheiten oder wurden gezielt ermordet. Wie der Historiker Dietrich Eichholtz urteilt, hegte das NS-Regime ihnen gegenüber eine „extreme politische Feindschaft, rassistischen Hass und eine oft unverhüllte Vernichtungsabsicht“, galten sie doch offiziell als „Untermenschen“.[13] Ihre Situation unterschied sich nicht wesentlich von der der KZ-Häftlinge; das Massenvernichtungsmittel Zyklon B, mit dem die SS allein in Auschwitz mehr als eine Million Menschen ermordete, wurde zuerst an ihnen „ausprobiert“.

Nur symbolisch

Dessen ungeachtet weigert sich die Bundesregierung, die sowjetischen Kriegsgefangenen als NS-Opfer anzuerkennen. Über eine entsprechende Forderung der Linksfraktion im Deutschen Bundestag wurde bist heute nicht entschieden; die zugehörige parlamentarische Aussprache am 2. Juni dieses Jahres endete mit der „Überweisung“ des Antrags an den Innen-, den Außen- und den Haushaltsausschuss.[14] Gleichzeitig verwiesen die Redner der Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD auf die seit Mai 2015 für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene bestehende Möglichkeit, vom Bundesamt für zentrale Dienste und offene Vermögensfragen eine „symbolische finanzielle Anerkennungsleistung“ in Höhe von 2.500 Euro zu erhalten.[15] Da von höchstens 4.000 „Antragsberechtigten“ ausgegangen wird, beläuft sich die Gesamtsumme der zu zahlenden „Entschädigung“ auf maximal zehn Millionen Euro. Zum Vergleich: 1997 stellte das Zentrum der Organisationen der Holocaust-Überlebenden in Israel fest, dass die BRD nach heutigem Wert jährlich knapp 6,5 Milliarden Euro für laufende monatliche Renten an „Kriegsopfer“ zahlte – unter ihnen mehr als 78.000 ehemalige SS-Angehörige und andere NS-Verbrecher.[16]

Kein Gedenken

Passend dazu sieht die Bundesregierung keine Notwendigkeit, des heutigen 75. Jahrestags des deutschen Überfalls auf die UdSSR zu gedenken. Auf die Frage der Linksfraktion im Bundestag, ob entsprechende Aktivitäten geplant seien, hieß es am 25. Mai dieses Jahres lapidar: „Weder im Inland noch im Ausland richtet die Bundesregierung entsprechende Gedenkveranstaltungen in Eigenregie aus. Damit wird die Frage nach einer Teilnahme von Regierungsvertretern hinfällig.“[17]

[1] Deutscher Bundestag. Drucksache 18/8532, 25.05.2016.
[2], [3] Zitiert nach: Israel Gutman u.a. (Hg.): Enzyklopädie des Holocaust. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. München 1995.
[4], [5], [6] Zitiert nach: Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Berlin 2011.
[7] Siehe dazu unsere Rezension: Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941.
[8] Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Berlin 2011.
[9] Zitiert nach: Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Berlin 2011.
[10] Nach Aussage des russischen Präsidenten Wladimir Putin zählte auch seine Mutter zu den in Leningrad von der Wehrmacht Eingeschlossenen. Wladimir Putin: Das Leben ist eine einfache und grausame Sache. www.faz.net 09.05.2015.
[11] Wigbert Benz: Der Hungerplan im „Unternehmen Barbarossa“ 1941. Berlin 2011.
[12] Zitiert nach: Dietrich Eichholtz: Zwangsarbeit in der deutschen Kriegswirtschaft (unter besonderer Berücksichtigung der Rüstungsindustrie). In: Ulrike Winkler (Hg.): Stiften gehen. NS-Zwangsarbeit und Entschädigungsdebatte. Köln 2000.
[13] Dietrich Eichholtz: Zwangsarbeit in der deutschen Kriegswirtschaft (unter besonderer Berücksichtigung der Rüstungsindustrie). In: Ulrike Winkler (Hg.): Stiften gehen. NS-Zwangsarbeit und Entschädigungsdebatte. Köln 2000.
[14] Deutscher Bundestag. Plenarprotokoll 18/173, 02.06.2016.
[15] Anerkennungsleistung an ehemalige sowjetische Kriegsgefangene. www.badv.bund.de.
[16] Peer Heinelt: Die Entschädigung der NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeiter. Frankfurt a. M. 2008. www.wollheim-memorial.de.
[17] Deutscher Bundestag. Drucksache 18/8532, 25.05.2016.