Eine »chilenische Nacht«

Italien gedenkt des 2001 beim G8-Gipfel in Genua erschossenen Studenten Carlo Giuliani
Von Gerhard Feldbauer

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Genua: Der Student Carlo Giuliani wird 2001 bei Protesten gezielt aus einem Polizeifahrzeug heraus erschossen
Foto: Dylan Martinez/REUTERS

In diesen Tagen wird in Italien an die schweren Polizeiübergriffe während des G-8-Gipfels im Jahr 2001 in Genua gedacht, bei denen der Student Carlo Giuliani von einem Polizisten erschossen wurde. Dem ehemaligen Premierminister Silvio Berlusconi wird von Medien vorgeworfen, er habe damals »eine Wende in Richtung eines faschistischen oder autoritären Regimes« herbeiführen wollen. Vor dem Gipfel hatte Berlusconi angekündigt, »Ordnung zu schaffen« und Italien von Kommunisten und anderen Linken »zu befreien«.

Gegen die Proteste von Globalisierungsgegnern ging die Polizei damals brutal vor. Einen Toten gab es in diesen Tagen zu beklagen: Carlo Giuliani wurde von einem Polizisten mit einem gezielten Schuss aus dessen Einsatzfahrzeug heraus getötet. Mehr als 600 Personen wurden festgenommen und in sogenannte »Sammelstellen« gebracht. Mehr als 300 Menschen, unter ihnen viele Ausländer, wurden verletzt, nicht wenige schwer. In einer nächtlichen Operation am 19. Juli hatten Polizeieinheiten das Pressequartier in der Diaz-Schule, in der auch das Genueser Sozialforum untergebracht war, gestürmt. 54 Personen wurden bei diesem »Sturmangriff« blutüberströmt festgenommen. In der Polizeikaserne von Bolzaneto wurden viele der Festgenommenen unter Hitler- und Mussolini-Bildern misshandelt und gezwungen, »Viva il Duce« zu rufen.

Vittorio Agnoletto, Arzt und Präsident der italienischen Liga zur AIDS-Bekämpfung, sagte, damals habe in Genua eine Operation wie in Chile unter Pinochet stattgefunden. In den später erzwungenen Ermittlungen sagten Polizisten aus, dass die gewaltsamen Ausschreitungen der Demonstranten von getarnten Polizeibeamten und von Faschisten der Forza Nuova organisiert worden waren. Der Regisseur Davide Ferrario konnte einige von ihnen im »schwarzen Block« filmen.

Bodo Zeuner, Politikwissenschaftler und bis 2006 Professor an der Freien Universität Berlin, kommentierte die Ereignisse damals in der Wochenzeitung Unsere Zeit mit den Worten: »Wenn Polizisten, wenn Spezialeinheiten der Polizei es sich herausnehmen, politisch unliebsame Personen, wie in Genua geschehen, mitten in der Nacht zu überfallen und brutal, ja lebensgefährlich zu verprügeln, dann ist es zu Folterkellern wie denen der SA im Deutschland von 1933 nur noch ein Schritt. Wer den Überfall auf die Diaz-Schule in Genua als irgendwie entschuldbar durchgehen lässt, leistet Beihilfe zu einer schleichenden Faschisierung der Gesellschaft.«

Die Nachrichtenagentur ANSA schrieb dieser Tage über die Ereignisse von damals: Der auf dem Asphalt liegende Körper von Carlo Giuliani, der von dem Carabinieri Mario Pacanica erschossen wurde, bleibe »wie die Opfer in der Kaserne von Bolzaneto und in der Diaz-Schule unvergessen«. Unauslöschlich seien die Bilder von den »mit Knüppeln niedergeschlagenen und getretenen, misshandelten und gedemütigten Jugendlichen«.

Dabei erinnert ANSA aber auch daran, dass die »Tage der Gewalt« auf tausendfachen entschiedenen Protest stießen. Nach den Knüppelattacken der Polizei in Genua formierte sich allein in Italien wenigstens eine Million Menschen zu neuen Protesten. Aber mit ihrer Parlamentsmehrheit wies die rechtsextreme Koalition den Antrag der Opposition zurück, einen parlamentarischen Ausschuss zur Untersuchung der Vorfälle einzusetzen. Angesichts der unzulänglichen Versuche, die Verbrechen von Genua zu verfolgen, bleibe der G-8-Gipfel von 2001 »eine offene Frage«, resümiert die Agentur.