»Es gab in vergangener Zeit eine Kette rechter Gewalt«

Antifaschisten wollen mit neuer Kampagne gegen starke Neonaziszene in Dortmund mobil machen.
Gespräch mit Jens Jaschik
Interview: Markus Bernhardt

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Foto: Roland Weihrauch/dpa-Bildfunk

Jens Jaschik ist Landessprecher der Linksjugend solid in Nordrhein-Westfalen und Mitglied der »Sozialistischen Alternative« (SAV)

Demonstration »Es reicht!«: Sonnabend, 24. September, 13 Uhr, Dortmund Hauptbahnhof (Nordausgang/Steinwache)

Für Sonnabend, den 24. September, mobilisieren verschiedene Organisationen, Parteien und Gewerkschaftsgliederungen zu einer großen Demonstration nach Dortmund. Diese steht unter dem Motto »Es reicht – rechte Gewalt stoppen«. Was ist der aktuelle Anlass?

Es gab in der vergangenen Zeit eine Kette rechter Gewalt, deren Höhepunkt Mitte August ein Messerangriff auf einen Antifaschisten war. Danach haben mehrere Organisationen die Ini­tiative ergriffen. Nur wenige Tage nach dem Angriff starteten wir mit 800 Leuten eine erste erfolgreiche Demonstration in den Stadtteil Dorstfeld. Inzwischen unterstützen über 40 Organisationen die Kampagne »Es reicht«, und wir bekommen gutes Feedback. An unserer Demonstration am Sonnabend werden auch Musiker der linken türkischen Band Grup Yorum teilnehmen.

Dortmund gilt schon seit Jahren als Hochburg der Neofaschisten im Westen der Bundesrepublik. Was sind die Gründe?

Besonders der Stadtteil Dorstfeld soll eine »national befreite Zone« werden. Verschiedene Neonazikader aus dem ganzen Bundesgebiet sind dorthin gezogen. Immer wieder wird Dortmund Ziel rechter Aufmärsche. Das Problem besteht seit Jahrzehnten. Und jahrelang haben die etablierten Parteien weggeschaut. Mit starkem Polizeiaufgebot wurden regelmäßig Neonaziaufmärsche durchgesetzt.

Wie erklären Sie sich, dass Polizei, Stadt und Justiz die Rechten derart ungestört agieren lassen?

Mit dem Neonaziproblem lassen sich einfacher andere soziale Probleme überdecken. In Dortmund herrschen seit dem Abbau der Industrie hohe Erwerbslosigkeit und Armut. Deutsche und Migrantinnen und Migranten sind davon gleich stark betroffen, aber Rassismus und rechte Ideologie spalten gemeinsamen Widerstand.

Jedoch ist auch die politische Linke in Dortmund defizitär aufgestellt und hechelt den Neonazis faktisch kontinuierlich hinterher. Seit Jahren schaffen es antifaschistische Bündnisse nicht, die rechten Aktionen zu verhindern …

Es gibt aber auch Erfolge im Widerstand. Als die Partei »Die Rechte« im Stadtteil Huckarde ihr Parteibüro aufmachen wollte, stießen die Neonazis auf den Widerstand der Anwohnerinnen und Anwohner. Die Eröffnung wurde verhindert.

Am 4. Juni hat die Polizei mit aller Gewalt den Neonaziaufmarsch »Tag der deutschen Zukunft« in Dortmund durchgesetzt. Insgesamt rund 5.000 Gegendemonstranten waren damals auf der Straße. Die Hälfte davon war bereit, den Aufmarsch zu blockieren. 5.000 Polizisten haben das jedoch verhindert. Deswegen müssen wir mehr werden. Gerade Die Linke und Gewerkschaften haben die Aufgabe, gegen bundesweite Aufmärsche auch bundesweit zu mobilisieren. Eine starke und kämpferische Linke ist das beste Mittel gegen rechts. Deshalb ist es so wichtig, sich zu organisieren.

Bräuchte es dann aber nicht ein bisschen mehr, als zum wiederholten Mal zu appellieren, dass es nun mit der rechten Gewalt reiche und diese gestoppt werden müsse?

Die Kampagne »Es reicht« hat eine andere Qualität. Noch nie haben in Dortmund so viele Organisationen, die ein breites Spektrum repräsentieren, zusammengearbeitet. Gewerkschaften, Jugendverbände, migrantische Vereine, Antifagruppen und Parteien sind zusammengekommen, um nun in die Offensive zu gehen. Wir bieten damit den Menschen einen Anlaufpunkt, um aktiv zu werden. Besonders mit den Gewerkschaften haben wir eine viel größere Reichweite, um gegen Neonazis zu mobilisieren.

Nach unserer Demonstration am Sonnabend soll im Rahmen der Kampagne auch inhaltlich gearbeitet werden. Wir müssen außerdem ein breiteres Bewusstsein gegen rechts in Dortmund schaffen und auch die Ursachen für den Rechtsruck bekämpfen.