Die dümmste Terrorgruppe

Mordszenarien im Chat
»Oldschool Society«-Prozess: Ein früheres Gruppenmitglied soll Pole gewesen sein. Nach einem Streit malte sich ihr »Geheimrat« aus, wie er sterben sollte

Von Sebastian Lipp

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Prozessstart gegen die OSS-Führungsriege am 27. April in München
Foto: REUTERS/Michaela Rehle

Im Münchner Prozess gegen vier Führungsmitglieder der neonazistischen »Oldschool Society« (OSS) sind am Donnerstag sadistische Mordszenarien zur Sprache gekommen, die der »Geheimrat« der Gruppe im »Telegram Messenger«-Chat erörtert hatte. Beraten wurde dort Ende Dezember 2014 über die Hinrichtung eines »Kameraden« mit dem Namen »Kühner Peter«. Beteiligt waren offenbar die vier Angeklagten und zwei weitere Mitglieder, das Chatprotokoll wurde am Donnerstag vom Oberlandesgericht München verlesen. »Peter« war zuvor in OSS-Kreisen das Deutschsein abgesprochen worden – er sei Pole. Daraufhin hatte er die Angeklagte Denise Vanessa G. beleidigt, worauf wechselseitige Drohungen folgten.

In der »Telegram«-Gruppe »OSS Geheimrat« wurde dann ausführlich besprochen, was man »Peter« antun wolle. Das geht aus einem umfangreichen Chatverlauf von Ende Dezember 2014 hervor. Denise Vanessa G. schrieb: »Den bringe ich um.« Markus Wilms schlug zunächst eine Strafanzeige gegen »Peter« vor. Der »Präsident« der Gruppe, Andreas Hafemann, war dagegen: »Wir regeln das auf unsere Weise.« Olaf Ogorek bekam den Auftrag, Wohnung und Gewohnheiten des Opfers auszukundschaften. Wilms schlug vor, die Wohnung mit einem Molotowcocktail in Brand zu setzen, Ogorek eine Säureattacke. Dann kam das Wort »Hinrichtung« ins Spiel. Wilms wollte es »aussehen lassen wie ein Attentat der Antifa«. Schließlich kam man von der Idee, den Abtrünnigen mit Benzin zu übergießen, nicht mehr ab. Hafemann schrieb, der solle »verbrennen am lebendigen Leib«, damit er nicht schreie, müsse die Zunge herausgeschnitten werden. Wilms meinte, alternativ könne er zuvor gezwungen werden, Benzin zu trinken. Für Hafemann, den »Präsidenten« der Gruppe, ist das Ziel klar: »Ich will ihn tot sehen.« Durchgeführt wurde die Tat nicht. »Peter« wurde laut Bundeskriminalamt (BKA) identifiziert und vernommen, war aber bisher nicht als Zeuge vor Gericht geladen.

»Zertrümmernde« Wirkung

Am Mittwoch sagte dort ein Physiker des BKA aus, der die bei den Angeklagten sichergestellte Pyrotechnik untersucht hatte. Durch Sprengversuche sollte eingeschätzt werden, wie gefährlich die Anschlagspläne, die der OSS-Gruppe vorgeworfen werden, tatsächlich waren. Für die Versuchsreihen seien Asservate oder vergleichbare, in Polen gekaufte Fabrikate verwendet worden. Der Physiker erklärte, dass sich solche in Deutschland nicht zulässigen Sprengsätze substantiell von handelsüblichen Silvesterkrachern unterscheiden: Die Sprengladungen der verbotenen Gegenstände detonieren demnach wie militärische Kampfstoffe, die auf den menschlichen Körper eine »zertrümmernde« Wirkung entfalten, während die Explosion von zugelassener Pyrotechnik eine »schiebende« Wirkung erzeuge.

In den Sprengversuchen sei festgestellt worden, dass einer der sichergestellten »Viper 12« genannten »Böller« eine Wirkung vergleichbar der von 30 Gramm TNT oder 20 Gramm Plastiksprengstoff erzeuge. Tödlich könne aber bereits eines der mit weniger Sprengstoff befüllten Asservate sein, so der BKA-Experte. Dazu wurden Videoaufnahmen der Versuche gezeigt. Nichts zu sehen war wegen »physisch übersteuerter« Aufnahmetechnik bei der Explosion des Großböllers »Cobra 11« – der Angeklagte Markus Wilms hatte vorgeschlagen, diesen mit Nägeln zu bekleben und in eine Unterkunft für Asylsuchende zu werfen. Um die Wirkung einschätzen zu können, hatte der Physiker im Auftrag des BKA 18 Explosionen herbeigeführt, bei denen die Sprengkörper zuvor mit Nägeln bestückt worden waren. Hier hätten unter bestimmten Umständen auch die herumfliegenden Nägel eine potentiell tödliche Wirkung gezeigt. Auch mit Spiritus umgebene Pyrotechnik wurde gezündet. In den meisten Fällen wurde dabei der Brandbeschleuniger großflächig verteilt und anschließend entzündet. Die Anklage geht davon aus, dass die Gruppe auch mit Brandbomben gegen Asylsuchende vorgehen wollte.

Die Bundesanwaltschaft wirft der OSS-Führungsriege die Gründung einer terroristischen Vereinigung vor. Von einem für Mai 2015 geplanten Gruppentreffen in einer Kleingartenanlage bei Borna wollten sich die Aktivisten möglicherweise auf den Weg zu einer Unterkunft für Geflüchtete machen, um Anschläge zu begehen. Wegen der Festnahmen am 6. Mai kam das Treffen nicht mehr zustande.

Neuer Beweisantrag

Die Verteidiger beantragten am Mittwoch geschlossen, alle mutmaßlich dazu eingeladenen OSS-Mitglieder als Zeugen vorzuladen und zu befragen. Sie möchten damit beweisen, dass nicht genug Autos vor Ort gewesen wären, um einen Anschlag durchzuführen. Entsprechende Unterkünfte seien zu weit entfernt, um sie fußläufig zu erreichen.