Mob in Feierlaune

Vor dem Festakt zum »Tag der Deutschen Einheit« explodierten Sprengsätze vor einer Moschee und dem Internationalen Kongresszentrum in Dresden
Von Claudia Wangerin

https://www.jungewelt.de/img/700/87047.jpg
Auf der Facebook-Seite »Fatih Moschee Dresden« wurden bereits um 0.50 Uhr Fotos von dem Angriff gepostet
Foto: REUTERS/Tobias Schlie

In wenigen Tagen sollen in Dresden die zentralen Feierlichkeiten zum »Tag der Deutschen Einheit« stattfinden – am 3. Oktober vor 26 Jahren war es vorbei mit dem »verordneten Antifaschismus«, der technisch primitiven Überwachung und den sozialen Errungenschaften der DDR. An Sicherheitsvorkehrungen für das Spektakel zum Jahrestag des Anschlusses wird nicht gespart: Sogar den Versuch eines islamistischen Terroranschlags mit einem Lastwagen hat der Freistaat Sachsen einkalkuliert, daher ließ er ab Freitag Betonblöcke am Königsufer verlegen. Die rund zwei Tonnen schweren Steine sollen nach dem Attentat in Nizza Vergleichbares in Dresden verhindern.

Die Fatih-Moschee und das Internationale Kongresszentrum hatten die Behörden aber wohl nicht als mögliche Anschlagziele auf dem Zettel: Vor beiden Gebäuden gingen am späten Montag abend Sprengsätze hoch. Einer detonierte kurz vor 22 Uhr vor der Moschee. Der Imam und dessen Familie befanden sich laut Polizei in den Räumen, blieben aber unverletzt. Durch die Druckwelle wurde aber die Eingangstür nach innen gedrückt und im Haus entstanden Verrußungen.

Um 22.19 Uhr explodierte rund zwei Kilometer entfernt ein weiterer Sprengsatz auf der Freiterrasse zwischen dem Internationalen Kongresszentrum und dem dazugehörigen Hotel. Die Hotelbar wurde evakuiert, zugleich warnte die Polizei alle Gäste, die ein Zimmer mit Terrassenblick bewohnten, davor, sich am Fenster aufzuhalten.

Die Medien wurden erst am Dienstag um 8.13 Uhr informiert. »Beide Anschläge stehen zeitlich im Zusammenhang. Auch wenn uns bislang kein Bekennerschreiben vorliegt, müssen wir von einem fremdenfeindlichen Motiv ausgehen«, erklärte Dresdens Polizeipräsident Horst Kretzschmar. »Gleichzeitig sehen wir auch eine Verbindung zu den Feierlichkeiten anlässlich des Tages der deutschen Einheit am kommenden Wochenende.« Die Ereignisse hätten Einfluss auf die laufenden Einsatzvorbereitungen: »Ab sofort arbeiten wir im Krisenmodus«. Im ersten Schritt würden weitere Objekte hinsichtlich ihrer Gefährdung neu bewertet.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hob am Morgen hervor, dass die Anschläge einen Tag vor dem Berliner Festakt zum zehnjährigen Bestehen der Deutschen Islamkonferenz verübt wurden, was »um so empörender« sei. Exakt war es der Jahrestag des Attentats auf das Münchner Oktoberfest mit 13 Toten im Jahr 1980, das der damalige Kanzlerkandidat der Union, Franz Josef Strauß, zunächst Linken angelastet hatte – bis herauskam, dass der mutmaßliche Haupttäter Kontakt zu rechten Gruppierungen hatte. »Rechtsextremer Terror wird seit Jahren vertuscht und verharmlost«, twitterte der Kovorsitzende der Partei Die Linke, Bernd Riexinger am Dienstag. »Sicherheitskonzept gegen rassistische Gewalt? Fehlanzeige.« Kerstin Köditz, Sprecherin für antifaschistische Politik der Linksfraktion im Sächsischen Landtag, hielt fest: »Wenn sich der Verdacht der Polizei auf ein fremdenfeindliches Motiv erhärtet, ist nunmehr zum dritten Mal in kurzer Zeit – nach der ›Oldschool Society‹ und der ›Gruppe Freital‹ – eine mutmaßlich rechtsterroristische Gruppierung im Freistaat Sachsen in Erscheinung getreten.«

Eine Fraktion der islam- und asylrechtsfeindlichen Pegida-Bewegung hatte nur Stunden zuvor am Dresdner Hauptbahnhof die andere beschimpft – die frühere Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling protestierte mit rund 60 Gleichgesinnten gegen Pegida-Chef Lutz Bachmann, der angeblich Spendengelder veruntreut hatte. Dessen Lager hatte etwa 2.500 Anhänger mobilisiert.