Gewaltoffensive

Von Markus Bernhardt

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Um die 1200 Menschen haben am 16. Dezember 2016 in Berlin-Neukölln an einer antifaschistischen Demonstration teilgenommen
Foto: Florian Boillot

In den letzten Wochen ist es in Berlin-Neukölln zu einer Reihe von Anschlägen auf Buchläden, Kneipen und auch Privatwohnungen gekommen. Die Attacken werden militanten Neofaschisten zugeschrieben. Erst in der Nacht zu letztem Dienstag wurden an den Häuserfassaden von verschiedenen Privatwohnungen Schriftzüge entdeckt, die die Namen der jeweils betroffenen mutmaßlich linken Aktivisten sowie Beleidigungen wie etwa »rote Drecksau« enthielten.

Schon in der Vorwoche war in Neukölln eine Wohnung attackiert worden, in der Tim H. mit seiner Familie leben soll. Dem Antifaschisten wird aktuell in Dresden erneut der Prozess gemacht, weil er zur erfolgreichen Blockade eines Neonaziaufmarsches 2011 in der sächsischen Landeshauptstadt beigetragen haben soll, indem er durch ein Megaphon »Kommt nach vorne!« gerufen und damit den Durchbruch durch eine Polizeikette angeleitet haben soll (jW berichtete). Ganz offensichtlich steht der Anschlag auf H.s Wohnung, bei dem nur durch Zufall niemand verletzt worden war, in direktem Zusammenhang mit der breiten öffentlichen Berichterstattung über den neuerlichen Versuch einer Kriminalisierung des Familienvaters durch die sächsische Justiz. Die Täter hatten die Fensterscheiben eingeworfen und mit Lackfarbe gefüllte Flaschen in die Wohnung geschleudert.

Attackiert worden war bereits in der Nacht zum 12. Dezember auch das Kollektivcafé »K-Fetisch«. So war unter einem aufgebrochenen Rolladen ein Brandsatz deponiert worden, das Feuer erlosch jedoch, bevor es sich im Innenraum des Cafès ausbreiten konnte. »Das Café befindet sich im Erdgeschoss eines großflächigen Wohnhauses, zahlreiche Menschenleben waren durch den Anschlag akut gefährdet«, konstatierte das Kollektiv in einer nach dem Anschlag veröffentlichten Erklärung und wies darauf hin, dass sich das »K-Fetisch« seit »längerer Zeit« und »gemeinsam mit anderen linken Orten im Fokus militanter Neonazis« befinde. Zuletzt hätten die neofaschistischen »Freien Kräfte Neukölln« eine Liste dieser Orte veröffentlicht, so das Kollektiv weiter.

Angegriffen wurde auch die Buchhandlung »Leporello« in Berlin-Rudow, bei der ebenfalls in der Nacht zum 12. Dezember die Scheiben eingeschmissen wurden. »Wir gehen dabei von einer rechtsextrem motivierten Gewalttat aus«, erklärten die Inhaber. Schließlich sei die Leporello-Buchhandlung »Teil der Initiative Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus« und habe erst vor kurzem Veranstaltungen gegen die AfD durchgeführt. »Da vor dem Geschäft im Bürgersteig keine Steine fehlen, muss davon ausgegangen werden, dass sie gezielt für die Tat mitgebracht wurden«, informierten die Inhaber.

Bisher konnten die Polizeibehörden in Berlin keine der an den Anschlägen beteiligten Personen dingfest machen. Dass es sich bei den Tätern um Neonazis handeln dürfte, steht jedoch außer Frage. Schon in den vergangenen Jahren war es im Berliner Bezirk Neukölln regelmäßig zu Anschlagsserien auf Treffpunkte von Nazigegnern wie etwa das Anton-Schmaus-Haus gekommen, welches von den sozialdemokratischen »Falken« betrieben wird.


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