Internationalität, Vielfalt, Mut zur Veränderung

Die XXII. Rosa-Luxemburg-Konferenz fand in einem Land statt, das wieder Zentrum ­reaktionärer Politik und Ideologie zu werden droht
Von Arnold Schölzel

https://www.jungewelt.de/img/700/91307.jpg
Haert zur Sache: Die Teilnehmer der abschließenden Podiumsdiskussion
Andrea Kähler/Jens Schulze

Wo sich fast 3.000 Linke treffen, herrscht Vielfalt. Für die Internationale Rosa-Luxemburg-Konferenz gilt das immer, erst recht aber für ihre diesjährige Ausgabe. Das betrifft das Programm: keine bloße Abfolge von Referaten, viel mehr Platz für Kultur und politische Gespräche. Das betrifft wie stets die unterschiedlichen Weltsichten, Bewertungen, Meinungen der Referentinnen und Referenten und erst recht die Diskussionen unter den Konferenzbesuchern. Es betrifft vor allem aber sie selbst, die Gäste. Die Bilder dieser beiden Seiten zeigen es: An diesem 14. Januar kamen Menschen jeden Alters ins Konferenzhotel in Berlin-Moabit, in der Mehrzahl jüngere Leute. Aus wie vielen Ländern sie stammten, weiß niemand – und das ist auch unerheblich. Unter ihnen waren jene, die jedes Jahr im Januar zu diesem Treffen Gleichgesinnter wollen, und die vielen, die zum ersten Mal von weither aus der Bundesrepublik oder aus dem Ausland anreisten, aber viel von der einmaligen Atmosphäre gehört haben.

Wirklich, es ist der »Neujahrsempfang der deutschen Linken«, wie der im Dezember 2016 verstorbene Publizist und Ossietzky-Gründer Eckart Spoo die Rosa-Luxemburg-Konferenz einmal nannte. Damals war die Teilnehmerzahl noch wesentlich geringer, die Stimmung aber nicht weniger ermunternd. Die »alten Hasen« unter den Teilnehmern wissen: Hier erhalten sie von Aktivisten, Politikern, Wissenschaftlern, Journalisten oder Kämpfern im bewaffneten Widerstand aus vielen Ländern Informationen aus erster Hand, Analysen zu Siegen, ohne Niederlagen zu verschweigen. Allein das ist in einem Land wie Deutschland, das sich wie schon einige Male in der Geschichte zum Zentrum reaktionärer Politik und Ideologie zu entwickeln droht, für Obrigkeiten, auch mediale, polizeiwidrig, für links Engagierte unerlässlich, den Horizont weitend. Hier ist aus erster Hand zu erleben: Unter viel schwierigeren Bedingungen kämpfen Sozialisten, Kommunisten in Europa und auf anderen Kontinenten für eine gerechte, für eine andere Gesellschaft.

Das war auf der diesjährigen XXII. Konferenz nicht anders als sonst: Die Referenten kamen aus Brasilien, wo der Oligarchie ein reaktionärer Putsch gelang; aus dem spanischen Baskenland, dessen linke Unabhängigkeitsbestrebungen noch immer brutal verfolgt werden; aus den USA, wo mit dem Milliardär Donald Trump nun ein Mitglied der herrschenden Klasse direkt die Politik bestimmt; aus Kolumbien, wo die FARC-Guerilla mit dem Friedensschluss 2016 einen historischen Sieg errang; aus Kuba, das trotz aller Veränderungen in den Beziehungen zu den USA nach wie vor deren Blockade ausgeliefert ist, und aus der Türkei, die sich kurz vor dem Übergang zu einer kaum verhüllten Diktatur mit einem Faschisten an der Spitze befindet.

Ebenso unterschiedlich die Herkunft der Liedermacher (Chile, Bundesrepublik) und der Filmautoren (Italien). Historiker kündigten die Neuausgabe von Lenins »Staat und Revolution« an, der Schauspieler Rolf Becker lud zur Premiere des Films über sein Gespräch mit Esther Bejarano und Moshe Zuckermann ein und zur Feier des 70. jW-Geburtstages am 25. Februar im Berliner Kino »International« mit seinem Freund, dem legendären Sänger Daniel Viglietti aus Uruguay. Und wieder Grüße aus politischer Haft: Mumia Abu-Jamal (USA) und Selihattan Demirtas (Türkei). Die Podiusmdiskussion wie stets vor restlos gefülltem Saal.

Vieles wird bei der nächsten Ausgabe dieser einmaligen Konferenz anders sein, das Wichtigste wird bleiben: Internationalität, Vielfalt und der Mut zur Veränderung. Deutschen Zeitungen außer jW war das 2017 keine Zeile wert. Verständlich.

Zehn Stunden Livestream: Die Rosa- Luxemburg- Konferenz 2017


0 Antworten auf „Internationalität, Vielfalt, Mut zur Veränderung“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


+ drei = neun