G20: »Wir wollen den Kapitalismus nicht retten«

Aktionskonferenz bereitet am Wochenende Protest gegen G-20-Gipfel im Juli in Hamburg vor. Gespräch mit Deniz Ergün
Interview: Kristian Stemmler

http://nebula.wsimg.com/b9e8a4b1a0258170e4763b2df65e1874?AccessKeyId=82F484D19FEB485E6965&disposition=0&alloworigin=1
Aktionskonferenz »G20 entern – Kapitalismus versenken«: Sonnabend, 12 Uhr, Universität Hamburg, Von-Melle-Park 9

Am Sonnabend gibt es in der Hamburger Universität eine Ak­tionskonferenz zu Protesten gegen den G-20-Gipfel am 7. und 8. Juli in der Hansestadt. Was steht auf dem Programm?

Wir werden uns diesmal vor allem inhaltlich aufstellen, damit wir uns nicht im Aktionismus verlieren. Heißt konkret, dass wir uns mit der aktuellen Lage der Welt beschäftigen. Das Lower Class Magazine führt uns über die heutigen Kriegsschauplätze, und der Autor Tomasz Konicz gibt eine Einführung in die Wirtschaftskrise. Die Genossinnen und Genossen vom »Revolutionären Aufbau Schweiz« zeigen uns, wie eine revolutionäre Praxis aktuell aussehen kann, und griechische Anarchistinnen und Anarchisten erzählen uns, was griechische Sozialdemokratie und deutscher Imperialismus angerichtet haben. Neben anderen inhaltlichen Workshops stellen verschiedene Arbeitskreise ihre bisherige Arbeit vor, bieten die Möglichkeit, mitzuwirken und den Protest zu gestalten.

Welt und Hamburger Abendblatt hetzen gegen Sie, die Stadt erlaube eine Konferenz mit Blockadetraining auf dem Unigelände. Was sagen Sie dazu?

Wir wollen öffentlichen Raum einnehmen und mit kritischen Themen besetzen. Dass die Lokalpresse dagegen hetzt, gehört für uns in Hamburg dazu. Wenn Neonazis oder Rechtspopulisten Veranstaltungen organisieren, ist die »Qualitätspresse« selten so engagiert.

Das Bündnis »G20 entern« eint radikale Linke, »die sich als antikapitalistisch und revolutionär verstehen«, wie es in Ihrem Selbstverständnis heißt. Was bedeutet »G20« für Sie?

Die Nationalökonomien und Kapitalistenklassen sind eng miteinander verflochten, sie stehen zwar in Konkurrenz zueinander, sind aber auch aufeinander angewiesen. Dies macht Abstimmung und gemeinsame Entscheidungen zwischen diesen immer wichtiger. Der G-20-Gipfel ist ein Klassentreffen der Kapitalisten und somit für uns ein Symbol, welches es zu bekämpfen gilt.

Was sind, kurz gefasst, die Folgen der Politik der G-20-Staaten?

Ihre Stellvertreterkriege um Bodenschätze, Absatzmärkte oder Einflusssphären führen zu Mord und Elend in vielen Teilen der Welt. Dies wiederum zwingt Millionen Menschen zur Flucht. Dieselben Flüchtlinge werden dann zum Beispiel in der Türkei oder in Europa in erbärmliche Arbeitsbedingungen gezwungen und so gegen andere Beschäftigten ausgespielt.

Ihre Aufrufe klingen kämpferischer und leidenschaftlicher als andere, etwa die vom Bündnis für die Großkundgebung am 8. Juli. »Der Kapitalismus lässt sich nicht reformieren«, sagen Sie. Ist das als Abgrenzung zu verstehen?

Schon jetzt versuchen alle Arten von Sozialdemokraten, jeglichem Protest ihren Stempel aufzudrücken, und drängen sich in den Vordergrund. Von diesen Leuten ist es das sicher. Wir wollen den Kapitalismus nicht retten, sondern ihm Sterbehilfe leisten.

Wie bewerten Sie das Vorgehen, den Protest zu personalisieren, also vor allem gegen anreisende Staatschefs wie Trump und Erdogan zu wenden, wobei einige gern auch noch Putin in die Reihe stellen?

Für uns sind Merkel und die deutsche Delegation unser direkter Gegner. Sie tragen die Schuld an der Lage in Deutschland, und auch nur sie können wir hier bekämpfen.

Polizei, Militär und Geheimdienste fahren im Juli in Hamburg alles auf, was sie haben. Kann Protest da noch wirkungsvoll sichtbar werden?

Der Protest wird vielfältig und kreativ sein, und wir sind uns sicher, dass wir bemerkt werden. Wir werden uns auch nicht nur auf zwei Tage beschränken, sondern fangen schon eine Woche vorher mit inhaltlichen Aktionstagen, Festivals und Demonstrationen an.

Es sei der »Auftakt zum Sturz des Systems«, schreiben Sie in Ihrem Aufruf. Ist das nicht etwas vollmundig angesichts der erdrückenden Macht des Systems?

Die Gipfelproteste werden viele Menschen politisieren, und wir wollen die Zeit nutzen, um neue Strukturen zu schaffen für eine langfristige Arbeit. Für uns heißt Gegenmacht aufbauen eben, im kleinen den Sturz des Systems immer weiter voranzutreiben.

https://www.jungewelt.de/img/700/92143.jpg
Foto: Bodo Marks/dpa-Bildfunk
Deniz Ergün ist Sprecher des ­Bündnisses »G20 entern«

Mehr Infos: g20-entern.org

Bericht von der Konferenz: hier


0 Antworten auf „G20: »Wir wollen den Kapitalismus nicht retten«“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


− zwei = zwei