Solider Erdogan

Ankara kann sich auf Berlin verlassen
Von Arnold Schölzel

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Lenkt von Krieg und Dschihadistenunterstützung schön ab: Aufruhr vor dem türkischen Konsulat in Rotterdam am Sonnabend
Foto: Yves Herman/Reuters

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ein Massenmörder und Terrorpate – und wird von Angela Merkel unterstützt. Die Mainstreammedien beschweigen das. Sie befassen sich gern mit seiner Rhetorik, reden aber ungern von den Massakern, die seine »Sicherheitskräfte« im Osten der Türkei unter der kurdischen Bevölkerung anrichten. Von den gemeinsam geführten Kriegen in Syrien und im Nordirak ganz zu schweigen.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte bescheinigte Ankara am vergangenen Freitag, von Juli 2015 bis Dezember 2016 bis zu 500.000 Menschen dort zu Vertriebenen gemacht, ganze Gemeinden niedergewalzt, mit Folter und Mord ein Schreckensregime errichtet zu haben. Am Sonntag war das in den meisten Medien hierzulande vergessen. Es galt, sich über Erdogans Krawallbrüder und -schwestern aufzuregen, die in westeuropäischen Städten Fahnen schwenkten. Das von den Vereinten Nationen ausgestellte Zertifikat für Mord passt nicht zu der auf solidem Militarismus basierenden Kumpanei des türkischen Muslimbruders und der christlich frömmelnden und »Werte« anbetenden deutschen Kanzlerin. Ihr strategisches Bündnis ist mit Blut getauft, mit deutschen Panzern und Gewehren, mit gestiegenem Waffenexport und mit der Stationierung von Hunderten Bundeswehrsoldaten in der Türkei besiegelt. Das ist das Fundament des gemeinsam seit 2011 verübten Staatsterrors der NATO-Mitgliedsländer gegen Syrien, der den dschihadistischen am Boden einschloß – der zeitigte »Antworten« in Form der Attentate in Westeuropa. Weil dies die nicht in Frage gestellte Basis der Beziehungen ist, lassen die hiesigen Medien z. B. weg, dass etwa der französisch-schweizerische Baustoffkonzern LafargeHolcim, der größte der Welt, jahrelang Geschäfte mit dem IS machte. Aufregung herrscht nun lediglich, da sich der Zementproduzent gern am Bau der Mauer Donald Trumps gegen Mexiko beteiligen möchte. Da geht die Zerstörung Syriens schließlich vor.

Das methodische Ausblenden von Kriegsursachen ist Voraussetzung für mediale Erzeugung von Wahn, etwa der Behauptung, die blutige Merkel sei durch den blutigen Erdogan wegen des Flüchtlingsabkommens erpressbar. Dafür ist das gemeinsame Interesse an der Zertrümmerung von unbotmäßigen Staaten, an der NATO-Mitgliedschaft der Türkei überhaupt, denn doch zu stark und zu stabil. Freundschaftsbekundungen Ankaras gegenüber Moskau ändern daran nichts.

Darauf kann Erdogan bauen und darf sich relativ sicher fühlen. Das bedeutet: Für die rhetorische Eskalation über den läppischen Nazivorwurf hinaus ist noch einiges drin. Da das Ja für das Referendum, das ihn zum Beherrscher aller staatlichen Gewalten in der Türkei machen soll, offenkundig gefährdet ist, wird er noch einiges drauflegen. Sein Auftritt in der Bundesrepublik dürfte längst verabredet sein. Ob er stattfindet oder nicht, ob er gewinnt oder nicht, am gemeinsamen Krieg wird sich nichts ändern.


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