Brauner Marsch auf »rote Hochburg«

Neofaschistischer »Freundeskreis« will am 1. April die Straßen Göttingens für sich reklamieren
Von Reimar Paul

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Gegenkundgebung zu rechtem Aufmarsch in Göttingen im Mai 2016
Foto: Stefan Rampfel/dpa

Leider kein Scherz: Für den 1. April planen Neonazis eine Demonstration in Göttingen. Auf Einladung des rechten »Freundeskreises Thüringen/Niedersachsen« kommen unter anderem der mehrfach vorbestrafte und frisch gekürte NPD-Bundesvize Thorsten Heise, Kader der Partei »Die Rechte« und Hooligans zum Aufmarsch in der von ihnen so genannten »roten Hochburg«. Die Stadtverwaltung hat den Demozug durch Göttingen zwar untersagt und lediglich eine stationäre Kundgebung auf dem Bahnhofsvorplatz gestattet. Der »Freundeskreis« klagt aber vor dem Verwaltungsgericht gegen die Verfügung.

Ungeachtet des juristischen Gerangels bereiten Nazigegner Massenproteste gegen den Aufmarsch der Rechten vor. Das Göttinger Bündnis gegen rechts will mit Blockaden und Kundgebungen auf Straßenkreuzungen eine mögliche Demonstration des »Freundeskreises« verhindern. Zahlreiche Prominente aus der Uni-Stadt haben durch ihre Unterschrift bereits erklärt, sich an »zivilgesellschaftlichen Aktionen« zu beteiligen. Zu den Unterzeichnern eines entsprechenden Aufrufs zählen u. a. mehrere Göttinger Professoren, Ärzte, der Kinderschutzbund, der Vorsitzende der Göttinger Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Heiner Willen, Heidemarie Adam vom örtlichen Hospiz sowie Bürgermeister Ulrich Holefleisch (Grüne). Göttingens Schuldezernent Siegfried Lieske (Grüne) sagt: »Wer rechten Spinnern nicht entgegentritt, macht Rechtsaußen stark.«

»50 Schauspieler und Mitarbeiter des Deutschen Theaters Göttingen haben ebenfalls unterzeichnet«, berichtete der Kreistagsabgeordnete der Piratenpartei, Meinhart Ramaswamy. Sie wollten sich ebenso wie das Junge Theater, das Northeimer »Theater der Nacht«, das Göttinger Symphonieorchester und mehrere Musikgruppen an den geplanten Protestaktionen beteiligen. Die Satirepartei »Die ­PARTEI« hat angekündigt, eine »Mauer der Liebe« zu errichten, und sammelt dafür bereits Pappkartons und anderes Material.

Als eine der Aktionen des Bündnisses gegen rechts werde es eine »Spendengala gegen rechts« geben, sagte Sprecherin Ulla Schwardmann. »Für jede Minute, in der die Rechten sich in Göttingen aufhalten, geht ein Betrag an die Flüchtlingsretter von Sea-Watch.« Im vergangenen Jahr waren bei einer ähnlichen Kampagne während eines Naziaufmarsches rund 7.500 Euro für Sea-Watch zusammengekommen.

Linksradikale und autonome Antifa-Gruppen haben eine eigene Demonstration »Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg« angekündigt, sie soll von der Innenstadt Richtung Bahnhof führen und die Blockaden des Bündnisses verstärken. Weil die angemeldete Route mehrere »Berührungspunkte« mit derjenigen des »Freundeskreises« hatte, hat die Stadt eine alternative Route vorgeschlagen. Dies akzeptieren die Veranstalter aber nicht.

Seit eineinhalb Jahren überzieht der »Freundeskreis« Göttingen und andere Orte Südniedersachsens und Thüringens immer wieder mit »Mahnwachen« und sogenannten Freiheitlichen Bürgertreffs. Zuletzt zogen Mitglieder der Gruppierung auch vor Privathäuser und bedrohten Bewohner. Lothar Hanisch, den Kosprecher des Bündnisses gegen rechts und DGB-Regionsvorsitzenden, erinnern diese Methoden, politischen Gegnern zu drohen, an »Praktiken aus der NS-Zeit«.

Ende Februar durchsuchte die Polizei im Kreis Göttingen und im thüringischen Eichsfeldkreis Wohnungen von Mitgliedern des »Freundeskreises«. Dabei stellten die Beamten unter anderem Schuss-, Schlag- und Stichwaffen sicher. Gegen sechs Männer wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet. Sie stehen im Verdacht, eine bewaffnete Gruppe gebildet zu haben. Am 12. November hatten fünf Neonazis des »Freundeskreises« – nach Berichten mehrerer Zeugen unter anderem mit Stangen und Ketten bewaffnet – zwei Antifaschisten angegriffen und schwer verletzt.


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