»Ein voller Erfolg der Luftwaffe«

Die Vernichtung der baskischen Stadt Guernica am 26. April 1937 – die Geschichte eines deutschen Kriegsverbrechens
Von Hubert Brieden

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Nach dem dreieinhalbstündigen Luftangriff der »Legion Condor« auf Guernica, blieben von der für die Basken und ihr Autonomiebestreben symbolisch bedeutenden Stadt nur noch Schutt und Asche übrig. Das Bombardement wurde zum Sinnbild des brutalen Krieges der Faschisten gegen die Spanische Republik
Foto: picture alliance/akg-images

Hubert Brieden ist Historiker und Mitglied des Arbeitskreises Regionalgeschichte e. V. Dort erschien zuletzt die Broschüre: Kriegsfolgen. Gernika/Bizkaia und Wunstorf/Region ­Hannover. Über die Schwierigkeiten beim Umgang mit der Militärgeschichte in Deutschland und Spanien. 40 Seiten, Großformat, vierfarbig, zahlreiche Fotos, 9 Euro. Zu bestellen unter: ak-regionalgeschichte.de

Gleich nach der Übernahme der Amtsgeschäfte im Januar 1933 initiierten die Nazis ein gigantisches Aufrüstungsprogramm. Sie konnten an die geheimen Rüstungsanstrengungen, die es bereits während der Weimarer Republik gegeben hatte, anknüpfen. Nachdem Deutschland den Ersten Weltkrieg verloren hatte, war ihm von den Siegermächten lediglich ein Berufsheer von hunderttausend Mann zugestanden worden, eine Luftwaffe sollte es gar nicht mehr geben. Also konzentrierte sich das Reichswehrministerium in den 1920er Jahren auf die Entwicklung der zivilen Luftfahrt. Offiziell wurden die vertraglichen Vereinbarungen zwar eingehalten, über ein gesondert eingerichtetes Büro konnte die Organisation einer künftigen Luftwaffe dennoch geplant werden. Die Fluggesellschaften Junkers Luftverkehr und Deutscher Aero Lloyd fusionierten 1926 zur Deutschen Lufthansa AG, mit einer Staatsbeteiligung von 37,5 Prozent. Der Direktor der Lufthansa, Hauptmann a. D. Erhard Milch, der schon leitende Positionen bei Junkers bekleidet hatte, knüpfte Kontakte zum ehemaligen Fliegeroffizier Hermann Göring und der NSDAP. Reichswehr und Industrie arbeiteten an einem Programm für den Bau von Kriegsflugzeugen. Die Lufthansa spielte bei der heimlichen Luftrüstung, der Erprobung neuer Flugzeugmuster sowie der Ausbildung von Besatzungen eine wichtige Rolle. Ein Ergebnis der Konstruktionsarbeiten war die Entwicklung eines der erfolgreichsten Flugzeugtypen der Luftfahrtgeschichte, der »Junkers (Ju) 52«. Schon in der Ausschreibung der Lufthansa AG waren die Wünsche der Reichswehr berücksichtigt worden: Das anzuschaffende Flugzeug sollte ohne großen Aufwand in einen Bomber umgebaut werden können. Die Schulung des zivilen Flugpersonals war darauf ausgerichtet, dieses gegebenenfalls auch militärisch einzusetzen zu können.

Militärwissenschaftler entwickelten bereits in den 1920er Jahren Strategien, wonach die Kampfhandlungen von Anfang an durch die Luftwaffe auf feindliches Gebiet getragen, lebenswichtige Industrien, Verkehrsnetze und Ernährungsquellen des Gegners zerstört werden sollten. Es wurde darüber diskutiert, inwieweit die Zivilbevölkerung zum Ziel von Luftangriffen werden sollte. In einer kontrovers diskutierten Denkschrift mit dem Titel »Die deutsche Luftflotte« (1933) stellte etwa der Verkehrsleiter der Lufthansa, Dr. Robert Knauss, fest: »Es ist klar, dass die beste Organisation des passiven Luftschutzes hilflos ist gegenüber den planmäßigen Angriffen einer Luftflotte gegen eine Großstadt oder ein Industriegebiet. Die Terrorisierung feindlicher Hauptstädte oder Industriegebiete durch Bombenangriffe wird um so rascher zum moralischen Zusammenbruch führen, je schwächer die nationale Haltung eines Volkes ist.«

Weil sich die Luftwaffe nicht innerhalb weniger Wochen aufbauen ließ, stellte die militärische Führung zunächst eine »Risikoflotte« auf, d. h. fünf zur Verteidigung behelfsmäßig improvisierte Bomberstaffeln innerhalb der Lufthansa. Parallel zur verstärkten Kampfflugzeug- und Waffenproduktion wurden Kriegsvorbereitungen anderer Art getroffen: Bau von Luftschutzbunkern, Anlage von Flughäfen und Truppenübungsplätzen, Ausbau des Straßen- und Schienennetzes. Die deutsche Luftwaffe – zunächst 20.000 Mann, 2.500 Flugzeuge, davon 800 einsatzbereit – wurde am 1. März 1935 gleichberechtigt neben Heer und Marine der deutschen Bevölkerung und dem Ausland präsentiert. Am 16. März wurde die allgemeine Wehrpflicht wiedereingeführt, die bereits militärisch ausgebildeten Besatzungen den verschiedenen Einheiten zugeteilt. Eine dieser Einheiten, zunächst ausgerüstet mit »Ju 52«, später mit Bombern vom Typ »Heinkel (He) 111«, war das »Kampfgeschwader Boelcke«, das in drei Gruppen auf neu angelegten Fliegerhorsten bei Wunstorf und Langenhagen (Region Hannover) sowie bei Delmenhorst stationiert war. Als im März 1937 den Wunstorfer Fliegern die von Hitler verliehene Fahne mit Hakenkreuz überreicht wurde, kämpften die ersten Bomberbesatzungen des »Boelcke-Geschwaders« bereits in Spanien.

Unterstützung für Franco

Der Wahlsieg der Volksfront am 16. Februar 1936 wurde überall in Spanien enthusiastisch gefeiert. Endlich konnte die seit drei Jahren herrschende Rechtsregierung abgelöst werden, die gefürchtet war wegen ihrer unsozialen Politik im Interesse von Großgrundbesitz, Großindustrie, Monarchisten und Kirche. Aber die Rechte wollte sich mit dem Wahlsieg der Volksfront nicht abfinden und bereitete einen Staatsstreich gegen die neue Regierung vor.

In der Nacht vom 17. zum 18. Juli 1936 putschten Kolonialoffiziere in Spanisch-Marokko und wurden dabei von Einheiten auf der iberischen Halbinsel unterstützt. Vielerorts wehrten sich eilig organisierte Arbeitermilizen erfolgreich gegen die Putschisten. In einem der deutschen Luftwaffenführung im Jahre 1940 vorgelegten Auswertungsbericht hieß es: »Das Ergebnis des Militärputsches im spanischen Mutterland war im großen und ganzen gesehen ein Misserfolg (…). Nur in 13 von 47 Garnisonen – und unter diesen 13 befanden sich nicht die wichtigsten – machte der Aufstand Fortschritte. Es war jedoch von größter Wichtigkeit, dass sich das gesamte spanische Marokko mit seinen gut ausgebildeten und ausgerüsteten Truppenverbänden vollkommen General Franco anschloss.« Doch der saß mit seinen Söldnern und Fremdenlegionären in der Kolonie im nördlichen Afrika fest, weil die Marine die marokkanischen Häfen blockierte und eine ausreichende Zahl von Flugzeugen nicht zur Verfügung stand. In dieser kritischen Situation kamen Deutschland und Italien zur Hilfe, der Putsch wurde internationalisiert und eskalierte zum mehrjährigen Krieg mit verheerenden Folgen für Spanien und Europa.

Nachdem Hitler am 26. Juli 1936 einer vom Putschgeneral Francisco Franco nach Deutschland geschickten Delegation 20 Transportflugzeuge zugesagt hatte, starteten bereits an den folgenden beiden Tagen die ersten »Ju 52« Richtung Spanisch-Marokko. Weitere Flugzeuge folgten. Zunächst benutzte man Junkers als Deckfirma zur Abwicklung der Hilfstransporte für das putschende Militär. Dann wurden alle Bestellungen Francos über die »Hispano-Marokkanische Transport AG Tetuan-Sevilla« (Hisma) abgewickelt. Von Juli bis September 1936 wurden mehr als 20.000 marokkanische Söldner mit Waffen und Munition in Ju-52-Maschinen von Nordafrika nach Spanien geflogen. Technische Einzelheiten sind einem deutschen Auswertungsbericht zu entnehmen: »Die Junkers-Flugzeuge waren für 14 Fluggäste nebst Gepäck vorgesehen, doch sie konnten – infolge des geringen Benzinvorrats, der für die Strecke erforderlich war – 30 Mann befördern. Die Beladung erfolgte in Tetuan, Ceuta oder Larache und das Ausladen in Sevilla, Jerez (25 Kilometer nordnordöstlich von Cádiz) oder Córdoba mit einer Frequenz von fünf Flügen je Tag. An bestimmten Tagen belief sich die Zahl der transportierten Soldaten auf 600 bis 700 und am 18. und 19. August auf 800 Mann nebst MG und Infanteriekanonen.«

Nach bisherigem Kenntnisstand beteiligten sich drei Flugzeuge und zwölf Mann Besatzung vom Fliegerhorst Wunstorf, die bereits im August nach Spanisch-Marokko geschickt worden waren, an der Luftbrücke. Ohne die deutsche Unterstützung wäre der Putsch gleich in den ersten Tagen gescheitert.

Bei der Transporthilfe sollte es nicht bleiben: Schon am 1. August 1936 brachen die ersten »Freiwilligen« per Schiff, das auch Flugzeuge, Waffen, Munition und Gerät geladen hatte, von Hamburg nach Spanien auf. Zur Tarnung wurden diese »Freiwilligen« offiziell aus der Wehrmacht entlassen und als Zivilisten ausstaffiert. Der größte Teil der Lieferungen erfolgte auf dem Seewege.

Nach Abschluss der Luftbrücke wurden die »Ju 52« zu Kampfflugzeugen umgebaut. Bereits am 27. August 1936 bombardierten deutsche Flugzeugbesatzungen Madrid. Adolf Hitler, der die Bedeutung der Junkers-Maschinen von Beginn des Bürgerkrieges an kannte, meinte 1942: »Franco sollte der ›Ju 52‹ ein Denkmal setzen.«

Praktische Kriegserfahrungen

Die ersten Bomber- und Jagdfliegerstaffeln bildeten den Grundstock der »Legion Condor«, die ab November 1936 diesen Namen erhielt. Deutschland verfolgte in Spanien in Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg geostrategische Interessen, wollte sich den Zugriff auf Rohstoffe für die eigene Rüstungsindustrie sichern, die junge Wehrmacht unter Kriegsbedingungen trainieren und gleichzeitig neue Waffen praktisch erproben. Insgesamt waren im Laufe des Krieges rund 16.000 Wehrmachtsangehörige in Spanien eingesetzt, jedoch gleichzeitig nie mehr als 5.000 bis 6.000 Mann. Der Wert der deutschen Hilfe betrug schätzungsweise 500 Millionen Reichsmark. Zu Beginn des Weltkrieges verfügten fast alle eingesetzten Flug-, Panzer- und Flakverbände über einen Kern fronterfahrenen Personals.

Am Baskenland mit seinen reichhaltigen Bodenschätzen und der um Bilbao (baskisch: Bilbo) konzentrierten Schwerindustrie zeigte die deutsche Rüstungsindustrie besonderes Interesse. Mit der Bombardierung und Beschießung der baskischen Städte Ochandiano (baskisch: Otxandiano) und Durango am 31. März 1937 wurde der Kampf um dieses wichtige Industriegebiet eröffnet. Auch Guernica (baskisch: Gernika) lag auf dem Weg nach Bilbao.

Bomberbesatzungen des »Kampfgeschwaders Boelcke« aus Wunstorf, Langenhagen und Delmenhorst kämpften in Spanien. Das beweisen die heute noch im zum Bundesarchiv gehörigen Militärarchiv Freiburg lagernden Personalbestandslisten der »Legion Condor«. Da diese Listen unvollständig sind, kann der Gesamtumfang des Personalnachschubs vom Fliegerhorst Wunstorf und von anderen Luftwaffeneinrichtungen nicht mehr exakt bestimmt werden. Festzustellen ist, dass das größte Einzelkontingent der in den noch vorhandenen Listen erfassten Kampfflieger der »Legion Condor« vorher auf dem Fliegerhorst Wunstorf stationiert war. Durch den Abgleich dieser Personallisten mit den Personal- und Maschinenbestandsmeldungen der »Legion Condor« vom 17. April 1937 und Aussagen von Angehörigen von Condor-Fliegern lässt sich darüber hinaus nachweisen, dass ein Teil der von den Fliegerhorsten Wunstorf und Langenhagen bei Hannover stammenden Bomberbesatzungen auch an der Vernichtung Guernicas beteiligt war.

1938 wurde auf dem Fliegerhorst Wunstorf eine 10. Staffel aufgestellt, die zwar der hier stationierten II. Gruppe des Boelcke-Geschwaders personell und ausbildungsorganisatorisch zugeordnet, als Sondereinheit zur Ausbildung von Flugzeugbesatzungen für die »Legion Condor« aber dem Oberkommando der Luftwaffe direkt unterstellt war. Einerseits sollten die kämpfenden Verbände der »Legion Condor« so von Ausbildungsaufgaben entlastet, andererseits sollte die Geheimhaltung über den Kriegseinsatz in Spanien verbessert werden. Der erste Kapitän der 10. Staffel, Oberleutnant Freiherr Hans-Henning von Beust, der in Spanien an mehr als hundert »Feindflügen« teilgenommen hatte, darunter an dem auf Guernica, und im Oktober 1937 nach Deutschland zurückgekehrt war, meinte, dass etwa 70 Prozent aller ab 1938 zur »Legion Condor« kommandierten Besatzungen auf dem Fliegerhorst Wunstorf ausgebildet worden seien.

Nicht nur im Glauben an Führer, Volk und Vaterland zogen die Wehrmachtssoldaten in den Spanischen Krieg. Ihr Sold konnte sich sehen lassen. Im September 1936 erhielten Mannschaften pro Person 800, Unteroffiziere 1.000 und Oberstleutnants 1.700 Reichsmark. Das Bodenpersonal erhielt in den einzelnen Gehaltsstufen jeweils 200 RM weniger. Zum Vergleich: Bei 26 Arbeitstagen im Monat zu jeweils zehn Stunden konnten gutbezahlte Facharbeiter allenfalls rund 250 Mark im Monat verdienen. Selbst für Mannschaftsdienstgrade und das Bodenpersonal war die Reise ins exotische Spanien ausgesprochen lukrativ. Ein Angehöriger der 3. Staffel des Boelcke-Geschwaders aus Langenhagen meinte über die Spanien-Rückkehrer: »Wie haben wir die vergöttert, und Geld hatten die, mit dicken Brieftaschen kamen die an. Der eine hatte sich ein Auto angeschafft, der andere eine 500er BMW, das war doch was!«

Im Kampf um die spanische Hauptstadt zeigte die »Legion Condor« zum ersten Mal, wozu sie fähig war. Anfang November 1936 waren die Putschisten bis Madrid vorgedrungen. Franco wollte die Metropole, in der sein Aufstand am Arbeiterwiderstand gescheitert war, so schnell wie möglich erobern. Ohne Rücksicht auf die Bewohner wurde die Stadt in immer wiederkehrenden Fliegerangriffen mit Spreng-, Splitter- und Brandbomben belegt. Madrid brannte tagelang. Aber die Putschisten scheiterten am Widerstandswillen der Bevölkerung und an der Kampfkraft der Internationalen Brigaden.

Terror aus der Luft

Beim Bombardement von Städten studierten deutsche Luftwaffen-Angehörige nicht nur die Wirkungsweise der Waffen, sondern auch die psychischen Auswirkungen von Luftangriffen auf die Zivilbevölkerung. Der auf dem Fliegerhorst Wunstorf stationierte Karl von Knauer, der auch an der Vernichtung Guernicas mitgewirkt hatte, vermerkte in einen Bericht für die »Legion Condor« im Juni 1938: Aus den Erfahrungen der Kampfflieger auf der iberischen Halbinsel könnten zwar nur bedingt Folgerungen für einen europäischen Krieg gezogen werden, dennoch hätten »wertvolle Erfahrungen über die moralische und effektive Wirkung der Bombenwaffe gesammelt werden« können. Knauer weiter: »Durch fortdauernde Angriffe kleiner Einheiten gegen einzelne Städte wurde die Bevölkerung tief beeindruckt und verängstigt.« Flächenbombardements auf unverteidigte Städte waren also kein Versehen, sondern lagen im Kalkül der deutschen Luftwaffe. Terrorisierung und Verunsicherung der Bevölkerung waren strategische Ziele.

Nachdem der Angriff der Putschisten auf Madrid steckengeblieben war, sollte mit einer Offensive im Norden wenn schon nicht der Krieg entschieden, so doch einiges an Ansehen gerettet werden. Außerdem würden im Falle eines Erfolges Truppenverbände frei für den Endkampf um Madrid, und man bekäme mit den Kupfer- und Eisenerzminen dieser Region kriegswichtige Industrien unter Kontrolle.

Im katholischen Baskenland, wo linke Organisationen schwächer waren als in anderen Regionen Spaniens, unterstützten große Teile des Bürgertums und sogar die Kirche die Republik, die den Basken ebenso wie anderen nationalen Minderheiten Autonomierechte versprochen hatte. General Emilio Mola, Befehlshaber der Offensive an der Nordfront, hatte schon im Vorfeld angekündigt, wie er mit den widerspenstigen Basken umzugehen gedachte: »Wenn sie sich nicht ergeben, werde ich ganz Vizcaya (baskisch: Bizkaia, jW) dem Erdboden gleichmachen.« Von Osten und Südosten begann die Offensive gegen das Baskenland mit massiver Unterstützung der deutschen und italienischen Luftwaffe.

Für den Angriff an der Nordfront hatten die Putschisten dem Stab der »Legion Condor« die Befehlsgewalt in der Luft überlassen. Da die Deutschen nur Franco persönlich verantwortlich waren, unterstanden sie formal nicht dem Kommando der Nordarmee und hatten freie Hand, den Luftkrieg nach eigenen Vorstellungen und ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu führen. Italienische und spanische Luftstreitkräfte waren den Deutschen damit praktisch unterstellt.

Stab und Flugkräfte der Legion wurden in Burgos und Vitoria (baskisch: Gasteiz) konzentriert. Auch das italienische Luftkommando zog nach Vitoria um, wo es täglich über die Lage und die Pläne der Deutschen unterrichtet wurde und seine – so der Militärhistoriker Klaus A. Maier – »Aufträge in Form von Vorschlägen« erhielt, »die als Befehle bewertet und so ausgeführt wurden«.

Baskische Städte und Dörfer wurden bombardiert oder mit Flak beschossen. Gegen die technische Überlegenheit der Faschisten waren die schlechtbewaffneten republikanischen Milizen machtlos, immer weiter rückte die Front in Richtung Bilbao. Jetzt geriet auch Guernica, Sitz des alten Parlamentes von Vizkaya, ins Visier von Jägern und Bomberpiloten.

Am 26. April 1937, dem Tag des Angriffs auf Guernica, notierte Wolfram Freiherr von Richthofen, Chef des Stabes der »Legion Condor«, in sein Tagebuch: »Setzen sofort ein: A/88 und J/88 auf Straßenjagd im Raum Marquina-Guernica-Guerricaiz. K/88 (nach Rückkehr von Guerricaiz), V/88 und Italiener auf Straßen und Brücke (einschließlich Vorstadt) hart ostw. Guernica. Dort muss zugemacht werden, soll endlich ein Erfolg gegen Personal und Material des Gegners herausspringen.«

Demnach bombardierten deutsche Kampf- und Versuchsbombereinheiten sowie italienische Flugzeuge Straßen, Brücke und Vorstadt am Ostrand Guernicas. Durch die Zerstörung der Brücke sollten die Rückzugslinien der republikanischen Kräfte unterbrochen werden. Glaubt man Richthofen, handelte es sich um einen taktischen Angriff zur Unterstützung der Heeresverbände. Nur wurde die Brücke überhaupt nicht getroffen, dafür aber die Stadt fast vollständig zerstört. Handelte es sich also um einen strategischen Angriff zur Terrorisierung der Bevölkerung? Eine Frage, über die bis heute diskutiert wird.

Der Angriff

Die Kampfflieger, vermutlich drei »Heinkel 111« und achtzehn bis dreiundzwanzig »Junkers 52« mit maximal 40 Tonnen Bomben, starteten von Burgos und Vitoria, flogen zunächst nach Norden über den Golf von Viskaya, schwenkten nach Süden über die Gezeitenmündung des Rio Oka und folgten dem Flusslauf bis Guernica. Der Angriff auf die unverteidigte Stadt begann um 16.30 Uhr mit einem einzelnen He-111-Bomber, dem bald darauf zwei weitere Maschinen dieses Typs folgten, die ihre Bomben in der Nähe des Bahnhofs abwarfen. Etwa 15 Minuten später erreichte die erste Kette »Ju 52« die Stadt, die noch nicht brannte, aber in eine dichte Staubwolke gehüllt war, die die ersten explodierenden Bomben aufgewirbelt hatten. Ziele konnten nicht mehr erkannt werden, so dass die Besatzungen der »Ju 52« ihre 250- und 50-kg-Sprengbomben sowie Brandbomben ziel- und planlos abwarfen. Don Castor Uriarte, 1937 Stadtbaurat und Chef der Feuerwehr in Guernica, erinnerte sich Anfang der 1980er Jahre noch sehr genau an die abgeworfenen Bombentypen: »Sie warfen Sprengbomben verschiedener Größen, kleine und große, und dazwischen viele Brandbomben von einem Kilo Gewicht, die waren aus Aluminium.« Wenn es sich nicht um einen von Anfang an geplanten Terrorangriff handelte, wurde die Vernichtung Guernicas und damit auch die Terrorisierung der Bevölkerung billigend in Kauf genommen, zumal es bei der damaligen Bombenabwurftechnik schwierig war, ein Punktziel wie die Brücke zu treffen und auch Brandbomben eingesetzt wurden. Die Angriffswellen folgten in zwanzigminütigem Abstand aufeinander, »Ju 52« wechselten sich mit Jagdflugzeugen ab, die mit ihren Bordwaffen flüchtende Männer, Frauen und Kinder auf den Straßen und in den umliegenden Wäldern unter Beschuss nahmen.

Der Angriff auf Guernica dauerte fast dreieinhalb Stunden. Die Stadt lag in Schutt und Asche: Mehr als 70 Prozent der Häuser waren vollständig zerstört und etwa sieben Prozent schwer beschädigt und nicht mehr bewohnbar. Die Zahl der Toten und Verwundeten ist bis heute unbekannt. Schätzungen gehen von 250 bis 1.500 Toten aus. Die fliehenden baskischen Verbände hatten keine Zeit, die Toten zu zählen, und die einrückenden Franco-Truppen spielten die Folgen des Angriffs herunter.

In einem internen Bericht beurteilt Oberst Jae­necke die Zerstörung der Stadt unter taktischen Gesichtspunkten: »An und für sich war Guernica ein voller Erfolg der Luftwaffe. Die einzige Rückzugsstraße der ganzen roten Küste war durch den Brand und durch zwei Meter hohen Schutt in den Straßen völlig versperrt.«

Nach der Besetzung Guernicas durch Franco-Truppen begutachteten die Deutschen ihre Arbeit. Richthofen, der den Angriff ebenfalls für einen Erfolg hielt, fasste seine Eindrücke am 30. April 1937 im Tagebuch zusammen:

»Guernica, Stadt von 5.000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Angriff erfolgte mit 250-kg- und Brandbomben, letztere etwa 1/3. Als die 1. Jus kamen, war überall schon Qualm (…), keiner konnte mehr Straßen-, Brücken- und Vorstadtziel erkennen und warf nun mitten hinein. Die 250er warfen eine Anzahl Häuser um und zerstörten die Wasserleitung. Die Brandbomben hatten nun Zeit, sich zu entfalten und zu wirken. Die Bauart der Häuser: Ziegeldächer, Holzgalerie und Holzfachwerkhäuser, führte zur völligen Vernichtung. – Einwohner waren größtenteils eines Festes wegen außerhalb, Masse des Restes verließ die Stadt gleich zu Beginn. Ein kleiner Teil kam in getroffenen Unterständen um. – Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll.«

Natürlich war der Führung der »Legion Condor« und den eingesetzten Kampffliegern sehr wohl bekannt, dass bei derartigen Angriffen großflächige »Kollateralschäden« entstünden, wie der heutige Euphemismus lautet. Skrupellos nahmen sie dieses Risiko in Kauf, boten weitere Zerstörungen doch durchaus auch Vorteile, wie Richthofen freimütig einräumt: Durch Bombenkrater und Trümmer waren die Straßen in Guernica für mindestens vierundzwanzig Stunden gesperrt. Allein dafür hatte sich seiner Ansicht nach der Angriff gelohnt. Aus deutscher Sicht handelte es sich zwar um einen taktischen Luftschlag zur Unterstützung der Bodentruppen, jedoch mit den fatalen Auswirkungen eines Terrorangriffs gegen die Zivilbevölkerung, an dem sich – und auch das war durchaus von Vorteil – die Folgen des strategischen Luftkrieges studieren ließen. Richthofen konstatierte, wie wichtig die Zerstörung der Wasserleitungen durch Sprengbomben für die anschließende vernichtende Wirkung der Brandbomben war. Wenige Jahre später nutzten die deutsche Luftwaffe und besonders Richthofen diese praktischen Erfahrungen bei den verheerenden Luftangriffen auf polnische Städte, vor allem auf Warschau, sowie bei der Zerstörung Rotterdams.

Die Vertuschung des Luftkriegsverbrechens von Guernica, über das in Spanien bis zum Ende der Franco-Diktatur nicht gesprochen werden durfte, erfolgte und erfolgt in Deutschland auf verschiedene Weise. Heute wird zwar die Beteiligung der »Legion Condor« nicht mehr generell abgestritten, sie wird aber relativiert: Die Deutschen seien nur mitgeflogen, und es handele sich um einen bedauerlichen Kollateralschaden. Dass der Luftkrieg im Baskenland unter Regie der »Legion Condor« stattfand und dass überall in Spanien systematisch Terrorangriffe auf Wohnviertel erprobt wurden, wird verschwiegen. Guernica stört bei der Selbstinszenierung vieler Deutscher als Opfer des Bombenkrieges.

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Damit die Verbrechen der Legion Condor nicht in Vergessenheit geraten: Pablo Picassos »Guernica« (hier eine Kopie im Skulpturenmuseum Marl)
Foto: Bernd Thissen/dpa-Bildfunk

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