Rechte Rebellion

Nationalisten bei der Bundeswehr: Jüngster Skandal ist seit vielen Jahren Realität. Teile des Offizierskorps fremdeln mit der Republik
Von Jörg Kronauer

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»Ehrenkreuz der Bundeswehr für Tapferkeit«. Historische Ähnlichkeiten sind kein Zufall – die Auszeichnung wurde 2008 gestiftet, nachdem Offiziere die Wiedereinführung des »Eisernen Kreuzes« verlangten
Foto: REUTERS/Fabrizio Bensch

Sieg-Heil-Rufe, Hitlergrüße, Angriffe auf Flüchtlinge: Der Militärische Abschirmdienst (MAD) prüft zur Zeit rechte Vorfälle beim Bund, teilte das Verteidigungsministerium Anfang April in der Antwort auf eine Bundestagsanfrage der Linksfraktion mit. Allein die offiziellen Zahlen bestätigen einmal mehr: Extrem rechte Haltungen sind in der Bundeswehr sehr präsent. Dabei handelt es sich bei den 275 »Verdachtsfällen«, die das Ministerium dort einräumt, nur um die Spitzen eines Eisbergs. »Sieg Heil!« grölt man nicht, wenn man sich damit für den Rest seiner Dienstzeit bei den Kameraden unmöglich macht; man brüllt es eher, wenn man damit bei ausgelassener Stimmung noch eins draufsetzen zu können meint. Die Frage ist: Wie verbreitet sind die ultrarechten Einstellungen in der Truppe, die die Exzesse erst möglich gemacht haben?

Es gibt verschiedene Wege, sich einer Antwort auf diese Frage anzunähern. Man kann sich in den Liegenschaften der Bundeswehr umtun und dort Eindrücke sammeln (siehe Text unten); man kann sich aber auch an einzelnen Aktivisten, an politischen Ereignissen oder an Umfragen orientieren. Einen Einstieg ermöglicht eine Umfrage, die das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr im Jahr 2009 publizierte – in jenem Jahr also, in dem der jetzt wegen Terrorverdachts inhaftierte Oberleutnant Franco Albrecht nach Beendigung seines Grundwehrdiensts zur Deutschen Stabsgruppe in Frankreich versetzt wurde und ein Studium an der Elitemilitärakademie Saint Cyr aufnahm. Die Umfrage, durchgeführt bei 2.300 Studierenden der Bundeswehr-Universitäten in München und Hamburg, kam – wenig überraschend – zu dem Resultat, dass der Offiziersnachwuchs stockkonservativ war und zu 70 Prozent CDU oder CSU favorisierte. Sie zeigte aber auch, dass 13 Prozent der Bundeswehr-Hochschüler den Ideen der sogenannten Neuen Rechten zuneigten; elf Prozent sprachen sich sogar offen dafür aus, die Macht des Parlaments einzuschränken.
2009 war das Jahr, in dem Martin Böcker seine ersten publizistischen Auftritte hatte. Der Offiziersanwärter, der 2005 im Panzerpionierbataillon 1 in Holzminden seinen Dienst in der Truppe angetreten hatte, gründete damals mit zwei Kameraden, Felix Springer und Larsen Kempf, eine – kurzlebige – Internetplattform, auf der er szenebekannte Vertreter der »Neuen Rechten« interviewte. Einer von ihnen war Götz Kubitschek, den man heute mit seinem jungkonservativen »Institut für Staatspolitik« als geistigen Mentor des AfD-Rechtsaußenpolitikers Björn Höcke kennt. Ende 2009 fand man dann Beiträge von Böcker auf der Internetplattform des »Instituts«. »Riechen wir noch nichts von der nationalen Verwesung?« schrieb der Soldat: »Deutschland ist tot.«

Böcker, 2009 noch unbekannt, machte 2011 bundesweit Schlagzeilen: Er hatte gemeinsam mit seinen Kameraden Springer und Kempf die Redaktion von Campus übernommen, der offiziellen Studierendenzeitschrift der Münchner Bundeswehr-Universität. Die drei machten Furore, als sie begannen, in Campus krude rechte Thesen zu verbreiten, etwa diejenige, es bedeute einen »strukturellen Kampfwertverlust«, »Frauen als Kämpfer« einzusetzen, oder diejenige, »unter freiheitlich-demokratischen Bedingungen« entfalte sich »keine gemeinschaftlich-gute Lebensform«. Böckers Vernetzung mit jungkonservativen Milieus stieß Universitätspräsidentin Merith Niehuss übel auf; sie versuchte, die drei ultrarechten Blattmacher ihres Amtes zu entheben. Vergeblich: Die »Campus-Drei«, wie sie in ihren Rechtsaußennetzwerken gelegentlich genannt wurden, wurden von der Studierendenvertretung der Münchener Bundeswehr-Universität mit großer Mehrheit bestätigt – gegen den erklärten Willen der Präsidentin. Die drei waren mit ihren ultrarechten Thesen im Offiziersnachwuchs solide verankert.

Die »Campus-Drei« haben sich seitdem immer wieder publizistisch zu Wort gemeldet, etwa mit einem Buch, das 2013 unter dem Titel »Soldatentum« erschien und auf den Abschied vom Konzept des »Staatsbürgers in Uniform« zielte. Die Schrift kam in Teilen der Truppe sowie in jungkonservativen Politzirkeln gut an. 2015 pries Böcker in der Wochenzeitung Junge Freiheit dann einen im Kern ziemlich ähnlich orientierten Band, der 2014 unter dem Titel »Armee im Aufbruch« erschienen war und ebenfalls von rechts gegen das Konzept der »Inneren Führung« agitierte; einer der Autoren plädierte für eine »umfassende mentale Revolution«. »Armee im Aufbruch« war an der zweiten Bundeswehr-Universität, derjenigen in Hamburg, entstanden, und zwar als Produkt von »Denkzirkeln«, zu denen sich Anfang 2013 junge Offiziere und Offiziersanwärter zusammengetan hatten, um über die »Identitätsbildung« in den Streitkräften zu reflektieren. Auch die politisierenden Hamburger Jungmilitärs drängen, wie sich »Armee im Aufbruch« entnehmen lässt, stramm nach rechts, und auch sie sind in der Truppe fest verankert. Das zeigen Erfahrungen, die jüngst Marcel Bohnert machen konnte, einer ihrer führenden Köpfe.

Major Bohnert, aktuell Teilnehmer am Generalstabslehrgang an der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr, gelang es Ende April, einen Artikel in der FAZ zu plazieren. Anlass waren die jüngsten Skandale um sadistische Rituale und sexuelle Übergriffe bei der Bundeswehr. Bohnert fühlte sich berufen, der breiten Kritik entgegenzuwirken, die sich auch die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zu eigen gemacht hatte: Man solle es nicht übertreiben, schrieb er; die »pauschale Verteufelung jeglicher Härte« sei »ein Fehler«, der sich in zukünftigen Auslandseinsätzen, bei denen ja schließlich gekämpft werden müsse, »bitter rächen« werde. Die Praxis zeige: Es gebe »Grenzen der Diversität«. Dass Bohnerts Lobgesang auf »Härte« den Nerv nicht weniger Offiziere traf, konnte man am 3. Mai sehen. An jenem Tag hatte der Kommandeur der Führungsakademie eine Art Vollversammlung anberaumt, um vor seiner Reise zur Bundeswehr-Führungskräftekonferenz in Berlin die Stimmung unter seinen Untergebenen auszuloten. Als er zwischendurch, bezogen auf Bohnerts FAZ-Artikel, spitz erklärte, abweichende Meinungen könne man auch intern äußern, sei »ein Raunen durch den Saal« gegangen, berichtete die FAZ; mehrere Offiziere hätten »unter Nennung von Namen und Dienstgrad« ihre Unterstützung für Bohnerts rechte Thesen erklärt: »Für Bundeswehr-Verhältnisse war das fast schon eine Art Rebellion.« Man müsste hinzufügen: Eine Rebellion auf dem Weg nach rechts.

Da gibt es dieses Ideal von der deutschen Wehrmacht«, erläutert Philipp Liesenhoff. Der Mitarbeiter des Think-Tanks German Marshall Fund of the United States wird vom US-Magazin Foreign Policy zum jüngsten Bundeswehr-Skandal befragt. Wehrmachtssoldaten gälten in der Truppe »als harte, erfahrene Kämpfer«, berichtet Liesenhoff, der von 2006 bis 2007 in einer deutschen Spezialeinheit Dienst tat: »Die Leute, die uns in der Grundausbildung trainierten, bezogen sich auf sie.« Nicht nur das: »In der Kantine konnte man Sweater und Schlüsselanhänger mit Aufschrift in Fraktur kaufen« – mit Slogans wie »Nicht klagen, kämpfen«. Wenn einer Dampf ablassen wollte, habe er manchmal »Sieg« gebrüllt, woraufhin ein anderer mit »Heil« geantwortet habe, berichtet Liesenhoff. Foreign Policy betitelt den Beitrag schlicht: »Die deutschen Streitkräfte haben ein Rechtsextremismusproblem«.
Das ist doch alles nichts Neues, sagt Christian Weißgerber. Neonazis bei der Bundeswehr? Als Weißgerber, damals noch »autonomer Nationalist«, im Jahr 2008 zur Bundeswehr ging, da traf er in seiner zwölfköpfigen Rekrutengruppe, wie er dem WDR berichtet, einen weiteren »autonomen Nationalisten«, einen NPD-Fan sowie ein Mitglied einer Studentenverbindung, die sich selbst höflich als »nationalkonservativ« bezeichnete. Zu dem schwarzweißroten Handtuch, das er mitgebracht habe, habe sein Vorgesetzter geäußert: »Hängen Sie das doch morgen noch mal auf, wenn der Kollege die Stube abnimmt. Der freut sich darüber.« So sei’s dann auch gewesen. Mit einem Offiziersanwärter habe er sich fleißig »über Freimaurertum, Illuminaten und andere Geheimbünde« ausgetauscht. Ein wenig Ärger habe es erst gegeben, als er und einige Kameraden feierlich dem »Weltjudentum« Kampf und Tod geschworen hätten; da sei er an einen anderen Standort versetzt worden – mehr nicht. »Die Bundeswehr konnte schon lange wissen«, bekräftigt Weißgerber, der inzwischen aus der Szene ausgestiegen ist, »dass viele ihrer Soldaten entweder Sympathien für nationale und rassistische Politiken hegen oder das sogar offen vertreten haben«. (jk)

Die Wehrmachtstradition lebt

Eine Entnazifizierung der Bundeswehr gab es nicht
Von Jörg Kronauer
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Eingangsbereich der General-Feldmarschall Rommel Kaserne in Augustdorf (Kreis Lippe)
Foto: Friso Gentsch dpa/lnw

Illkirch, im »Bunker«, einem Aufenthaltsraum des Jägerbataillons 291, in dem auch der in Wien verhaftete Franco Albrecht verkehrte: Bilder stürmender Wehrmachtssoldaten hängen an den Wänden, Landserlyrik wird zur Schau gestellt, Stahlhelme liegen herum; das »G 36« mit eingeritztem Hakenkreuz, das Schlagzeilen gemacht hatte, wurde mittlerweile entfernt. Illkirch – ein Einzelfall? Sicherlich nicht. Er habe »schon ganz andere Dinge gesehen«, notierte nach der Besichtigung der auf die Bundeswehr spezialisierte Journalist Thomas Wiegold, der den Blog augengeradeaus.net betreibt. Von weiteren Beispielen wird inzwischen berichtet. In Donaueschingen steht vor der Kasernenkantine eine Vitrine mit Wehrmachtstahlhelmen; ein Traditionsraum ist mit Wehrmachtsdevotionalien bestückt. In Bad Reichenhall prangt außen am Wachgebäude der Hoch­staufenkaserne ein riesiger Reichsadler. Immerhin wurde das Hakenkreuz unter seinen Krallen durch ein Edelweiß ersetzt; doch starren über ihm bis heute vier Wehrmachtssoldaten von der Wand. Das Bundeswehr-Wachbataillon nutzt Wehrmachtskarabiner; die Hakenkreuze auf den Waffen wurden 1995 entfernt.

Und nicht nur das. Immer noch sind Kasernen nach Soldaten der Wehrmacht benannt. Etwa die Generalfeldmarschall-Rommel-Kaserne in Augustdorf, in der eine Hermann-Statue mit erhobenem Schwert vor einem Porträt des Wüstenkriegers steht. Auch in Dornstadt gibt es eine Rommel-Kaserne. Oder die Schulz-Lutz-Kaserne in Munster, deren Namensgeber, Generalmajor Adelbert Schulz, zuletzt als Kommandeur der 7. Panzerdivision an der Ostfront kämpfte. Die Kaserne in Appen trägt den Namen des Jagdfliegers Hans-Joachim Marseille, den die NS-Propaganda als »Stern von Afrika« verehrte. Die General-Thomsen-Kaserne in Stadum ist nach Wehrmachtsfliegergeneral Hermann von der Lieth-Thomsen benannt; die Feldwebel-Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst ehrt im Namen den Wehrmachtsfeldwebel Diedrich Lilienthal, die Lent-Kaserne in Rotenburg (Wümme) den Wehrmachtsfliegeroberst Helmut Lent. Und selbst Umbenennungen garantieren noch kein Ende der Wehrmachtstradition. Soldaten des Taktischen Luftwaffengeschwaders 74, das seit 2005 nicht mehr nach dem NS-Flieger Werner Mölders heißt, verfassen in ihrer Dienstzeit Beiträge für die Zeitschrift Der Mölderianer, die von der »Mölders-Vereinigung« in der Geschwaderkaserne produziert wird. Auf dem Gelände der Einheit finden darüber hinaus Gedenkfeiern zur Erinnerung an Mölders statt. Die Wehrmachtstradition lebt.


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