Hamburger Generalprobe

Politik und Medien lenken von den Inhalten des Protestes ab
Von Nina Hager

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Gerüstet für den Bürgerkrieg (Foto: Christian Martischius)

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Al­lein am Sams­tag de­mons­trier­ten 76 000 Men­schen gegen den Gip­fel ( Ulf Ste­phan)

Der G20-Gip­fel in Ham­burg ist Ge­schich­te. Nun: Es kam dabei nicht zum of­fe­nen Eklat mit Do­nald Trump oder Er­do­gan – Kanz­le­rin Mer­kel er­leb­te kein De­sas­ter.

Damit die G20 in der In­nen­stadt tagen konn­ten, galt in gro­ßen Tei­len Ham­burgs der Aus­nah­me­zu­stand. Für des­sen Durch­set­zung sorg­ten über 20 000 Po­li­zis­ten, aus­ge­rüs­tet mit Was­ser­wer­fern und Räum­ge­rät, aber auch Son­der­ein­satz­kräf­te. Und die setz­ten – ganz of­fen­sicht­lich auch mit Bil­li­gung des Ober­bür­ger­meis­ters Scholz (SPD) und des In­nen­se­na­tors Andy Grote (SPD) von An­fang an auf Es­ka­la­ti­on. Schon im Vor­feld wurde Stim­mung ge­macht, wur­den Ängs­te ge­schürt. Wohl auch, um den fol­gen­den mas­si­ven Ein­satz zu recht­fer­ti­gen. Das be­gann im Vor­feld be­reits mit den War­nun­gen vor Tau­sen­den „ge­walt­be­rei­ter Links­ex­tre­mis­ten“, die nach Ham­burg an­rei­sen wür­den, mit Durch­su­chun­gen, mit dem Vor­ge­hen gegen die ge­plan­ten Pro­test­camps.

Mit dem Ein­satz gegen die De­mons­tra­ti­on „Wel­co­me to Hell“ am Don­ners­tag, gegen Men­schen, die Stra­ßen blo­ckie­ren woll­ten, sowie gegen De­mons­tra­tio­nen wie der am Sams­tag, an der 76 000 Men­schen teil­nah­men, wurde das ge­walt­sa­me und pro­vo­zie­ren­de Vor­ge­hen der Po­li­zei fort­ge­setzt. Auch gegen völ­lig Un­be­tei­lig­te, gegen ein­zel­ne Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten sowie gegen An­wäl­te wurde mit Ge­walt vor­ge­gan­gen. Bis heute ist die Zahl der zum Teil schwer­ver­letz­ten Teil­neh­me­rin­nen und Teil­neh­mer nicht be­kannt.

Für „Bild“ und Co. gab es da­ge­gen in der Stadt vor und in den Tagen des Gip­fels über­haupt keine be­rech­tig­ten Pro­test­ak­tio­nen, keine Es­ka­la­ti­on durch die Po­li­zei und Grund­recht­s­ein­schrän­kun­gen, son­dern drei Tage lang nur Ran­da­le, Bar­ri­ka­den, Zer­stö­run­gen des Ei­gen­tums von An­woh­nern, Plün­de­run­gen und An­grif­fe auf die Po­li­zei durch „kri­mi­nel­le Links­ex­tre­mis­ten“. Bei aller Wut über die Jour­nail­le: Man darf nicht ver­ges­sen, dass die, die da ran­da­lier­ten und jene, die gaff­ten, die Bil­der ge­lie­fert haben. Der Jour­nail­le und der Po­li­tik war diese er­hoff­te Ge­le­gen­heit sehr will­kom­men, um von den fried­li­chen Pro­tes­ten gegen G20 ab­zu­len­ken.

Der sehr bunte und in­ter­na­tio­na­le Pro­test von Frie­dens- und Um­welt­grup­pen, von Flücht­lings­or­ga­ni­sa­tio­nen und -un­ter­stüt­zern und auch au­to­no­men Grup­pen, von Ge­werk­schaf­te­rin­nen und Ge­werk­schaf­tern, Mit­glie­dern lin­ker Par­tei­en und Ju­gend­or­ga­ni­sa­tio­nen, der DKP und der SDAJ, und auch der Grü­nen spielt für „Bild“ und Co. keine Rolle. Und wenn doch, dann mit der immer wie­der­keh­ren­den Be­haup­tung, sie hät­ten sich nicht von den Ran­da­lie­rern dis­tan­ziert. He­ri­bert Prantl schrieb am ver­gan­ge­nen Sonn­tag in „Süd­deut­sche Zei­tung“: „Man tat und tut so, als han­de­le es sich bei den Gip­fel­kri­ti­kern um blau­äu­gi­ge Na­he­ste­her der schwar­zen Ver­mumm­ten. So wurde und wird be­rech­tig­ter Pro­test an­ge­schwärzt. Danke, Herr Ein­satz­lei­ter! Danke, Herr In­nen­se­na­tor! Und ein Dank an die in Ham­burg mit­re­gie­ren­den Grü­nen, die es in die­sen Tagen ge­schafft haben, so ab­zu­tau­chen, als ginge sie das alles nichts an.“

Vor allem CDU- und CSU-Po­li­ti­ker for­dern jetzt – das war vor­aus­zu­se­hen – wei­te­re Ge­set­zes­ver­schär­fun­gen und die Ein­schrän­kung von Grund­rech­ten. Und: Der Staat sei viel zu lange „auf dem lin­ken Auge blind“ ge­we­sen. Ge­for­dert wird, auch von SPD-Ver­te­tern, eine eu­ro­päi­sche Datei für „Links­ex­tre­mis­ten“. Leute, die in Ham­burg ran­da­liert haben, sol­len mit aller Macht ver­folgt und schwer be­straft wer­den. Die „Bild“-Zei­tung hat das in­zwi­schen in ei­ge­ne Hände ge­nom­men und Fotos von „an Ran­da­len Be­tei­lig­ten“ ver­öf­fent­licht. Das ist ein schwe­rer Ein­griff in Per­sön­lich­keits­rech­te wie in Auf­ga­ben der Po­li­zei.

(Aus „Unsere Zeit“ vom 14. Juli 2017)

Nicht eingeschüchtert

Hamburger Polit-Showbiz
Klaus Wagener zu der Bilanz des G20-Gipfels in Hamburg


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