Bundeswehr ehrt Nazis

Deutsche Militärs besuchen Soldatenfriedhof Ysselsteyn. Kritik von niederländischen Antifaschisten
Von Gerrit Hoekman

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Deutsche Soldaten setzen andere ums Leben gekommene Militärs in Ysselsteyn bei
Foto: MARCEL VAN HOORN/EPA/dpa

Am Dienstag hat im niederländischen Nijmegen die 101. Auflage des Volksmarsches De Vierdaagse begonnen. An vier Tagen marschieren Zehntausende Menschen zackig durch die Umgebung der 170.000-Einwohner-Stadt und legen dabei bis zu 50 Kilometer am Tag zurück. Traditionell mischen sich unter die Zivilisten auch einige tausend Soldaten in Uniform und mit Tschingderassabum.

Die Bundeswehr nimmt seit 60 Jahren ebenfalls an der skurrilen Veranstaltung teil. »In diesem Jahr besteht unsere Delegation aus 350 Soldatinnen und Soldaten, die die gesamte Bundeswehr widerspiegeln«, teilt die Facebookseite »Die Bundeswehr in Nordrhein-Westfalen« mit, für die das Bundesverteidigungsministerium verantwortlich zeichnet. Besonders ältere Niederländer sehen die deutschen Soldaten, die uniformiert durchs Land ziehen, allerdings mit gemischten Gefühlen.

Mit den Militärangehörigen aus anderen Staaten übernachten die Deutschen im Kamp Heumensoord, das für die Nijmeegse Vierdaagse extra für die Soldaten eingerichtet wird. Am Montag, einen Tag vor dem Start der Gewaltmärsche, machte eine kleine Delegation der Bundeswehr wie jedes Jahr mit Trommel und Fahnen einen Abstecher auf den Soldatenfriedhof Ysselsteyn. Dort liegen in der Nähe der deutschen Grenze 30.000 deutsche Soldaten begraben, die während des Zweiten Weltkriegs in den Niederlanden ums Leben gekommen sind, unter ihnen auch 6.000 Angehörige der SS. Im Beisein von hochrangigen Offizieren anderer NATO-Partnerländer legte die deutsche Abordnung Kränze nieder.

Der niederländische Bund der Antifaschisten AFVN/BvA protestierte am Dienstag in einer Pressemitteilung scharf gegen die zweifelhafte Heldenverehrung. »Wir haben den Innenministern der Niederlande und Deutschlands unsere Beschwerde zukommen lassen«, heißt es in der Erklärung der Organisation. Der BvA will den Friedhof, der auch gerne von deutschen Neonazis besucht wird, am liebsten schließen lassen.

In Ysselsteyn sind auch niederländische Kollaborateure beerdigt, zum Beispiel der gefürchtete Polizeikommandant von Nijmegen, Antonius van Dijk, ein fanatischer Faschist und »Judenjäger«. Im Juli 1943 wurde van Dijk vom niederländischen Widerstandskämpfer Hendrik Romeijn niedergeschossen und starb Ende August an seinen Verletzungen. Der kaum 20 Jahre alte Attentäter wurde nach seiner Verhaftung hingerichtet. Während aber der Nazi van Dijk ein Grab in Ysselsteyn hat, weiß heute niemand mehr, wo Hendrik Romeijns sterbliche Überreste verscharrt sind.

Die Antifaschisten halten den Besuch der Bundeswehrdelegation alleine schon deshalb für falsch, weil es in letzter Zeit vermehrt Berichte über rechte Machenschaften in der Truppe gegeben habe. »Dies ist wirklich der letzte Platz auf der Erde, zu dem die Bundeswehr gehen sollte. Diese Toten kämpften für Hitler, für Terror, für eine große Zahl von Morden an unschuldigen Männern, Frauen und Kindern«, erinnern die Antifaschisten an die Verbrechen der Wehrmacht.

Es gäbe zahlreiche Orte in den Niederlanden, die den Opfern gewidmet seien, wie die früheren Konzentrationslager Westerbork und Vught. »Die Bundeswehrsoldaten sollten dorthin gehen, anstatt die Naziterroristen und SS-Mörder zu ehren«, findet der Sprecher der Gruppe, Arthur Graaff.

Die niederländische Armee versteht die Aufregung nicht: »Es hat sich viel verändert in den vergangenen 75 Jahren«, heißt es in einer Pressemitteilung des Militärlagers Kamp Heumensoord auf Facebook. »Heutzutage ist die deutsche Verteidigungsmacht einer der stärksten Partner der niederländischen Kräfte, mit einer starken Kooperation auf verschiedenen Ebenen.«


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