»Abwesenheit des Staates wurde begrüßt«

Medien zeichnen verzerrtes Bild der Ausschreitungen im Hamburger Schanzenviertel. Polizeigewalt wird kaum thematisiert. Gespräch mit Kathi Blum
Interview: Kristian Stemmler

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Bild vom Einsatz der Polizei in Hamburg am 7. Juli
Foto: Hannibal Hanschke /Reuters

Kathi Blum ist linke Aktivistin in Hamburg. Sie tritt an dieser Stelle nicht mit ihrem richtigen Namen auf, da sie fürchtet, andernfalls von Polizei und Justiz ins Visier genommen zu werden

Ein Polizeieinsatz im Hamburger Indus­triegebiet Rodenbarg während des G-20-Gipfels, genauer: am 7. Juli, führte zu insgesamt elf Verletzten. Eine davon sind Sie. Was geschah an diesem Tag?

Wir sind so gegen 6.20 Uhr mit etwa 200 Leuten vom Camp im Volkspark losgegangen, um Blockadepunkte möglichst nahe an der Demoverbotszone zu erreichen. Als wir auf die Straße Rondenbarg einbogen, hat die Polizei hinter uns mit zwei Wasserwerfern dicht gemacht, von vorn haben sie uns attackiert und verprügelt. Die Beamten haben ihr Vorgehen nicht angekündigt. Zuvor waren auch nur zwei oder drei Bengalos geflogen.

Die Polizei spricht von einem »massiven Bewurf mit Steinen und Flaschen«, der ihrem Eingreifen vorausgegangen sei.

Die haben zwar hinterher irgendwelche Steine präsentiert, aber während der Demonstration wurden die nicht geworfen.

Wie kam es zu den Verletzungen?

Die Polizei hat uns mit Schlagstöcken, Pfefferspray und Wasserwerfern angegriffen, deshalb sind die Leute panisch geflohen, und sie sind von der Polizei an einer Mauer, die mit einem Zaun erhöht war, eingekesselt worden. Die haben die Leute da raufgeprügelt.

Hat die Polizei die Panik und die Verletzten in Kauf genommen?

Auf jeden Fall. Die haben Leute, die auf der Mauer waren, noch heruntergeschubst, als der Zaun schon zusammengebrochen war und viele zwei Meter tief gestürzt waren. Überall war Blut, die Menschen haben geschrien. Das war ein totales Durcheinander.

Welche Verletzungen haben Sie erlitten?

Das Sprunggelenk war betroffen, aber die Verletzung war zum Glück nicht so schlimm. Es gab aber Leute mit offenen Knochenbrüchen.

Sie haben auch die Nacht zum 8. Juli im Schanzenviertel erlebt.

Ja. Was die Medien daraus gemacht haben, ist Blödsinn. Zum Beispiel soll ein plündernder Mob Anwohner angegriffen haben. Doch so war es nicht. Die Anwohner haben zum Teil Boxen aus den Fenstern gehängt. Da wurde gefeiert und die Abwesenheit des bürgerlichen Staates begrüßt. Klar, da sind auch Aktionen gelaufen, die nicht für alle, auch für uns nicht, nachvollziehbar sind.

In der Schanze und in Altona wurden vor allem edle Boutiquen und Filialen von Ketten wie der Hamburger Sparkasse, Budnikowsky, Rewe und Ikea beschädigt.

Aber die Medien haben hinterher so getan, als hätten die ganzen kleinen Polos gebrannt. Das ist zwar auch vorgekommen, aber das waren wenige. Wenn so viele Leute aufeinander treffen, gibt es eben auch immer welche, die bestimmte Grundsätze der radikalen Linken nicht teilen.

In autonomen Kreisen gab es in den Tagen nach dem Gipfel Verärgerung über die eiligen Distanzierungen von Andreas Blechschmidt, Sprecher des autonomen Kulturzentrums Rote Flora, und Flora-Anwalt Andreas Beuth. Wie sehen Sie das?

Ich fand es auch nicht gut. Es entspricht nicht autonomer Politik, sich von Aktionen zu distanzieren. Aber es war wohl auch ein strategisches Vorgehen, um die Flora zu schützen, und war sicher auch dem Druck geschuldet, der durch die mediale Hetze entstand. Heute würden die beiden das vielleicht anders sehen. Aber im Moment ist die linke Szene in Hamburg in einer Art Schockstarre. Ich glaube, in den letzten 20 Jahren hat keiner von der radikalen Linken der Stadt im Knast gesessen. Doch jetzt sitzen noch etwa 15 im Gefängnis.

Wie werten Sie die Proteste gegen den Gipfel insgesamt?

Ein Erfolg war sicher, dass bei der Kundgebung am 8. Juli trotz der Hetze und der Repressionen mehr als 70.000 Menschen mobilisiert werden konnten. Dann haben wir die Schlagzeilen und Bilder bestimmt. Auf der anderen Seite konnte die Polizei machen, was sie wollte. Es ist schon historisch einmalig, dass im urbanen Raum Sondereinheiten mit Schießbefehl durch die Straßen laufen, dass verbotene Gummigeschosse eingesetzt werden, Polizisten einen Anwalt schlagen dürfen.

Mit SEK und Beweissicherungseinheiten waren quasi paramilitärische Einheiten im Einsatz. Das Neue beim G-20-Gipfel war vor allem aber, dass es trotz dieses Vorgehens, trotz all der Einschränkungen von Grundrechten keinen Aufschrei der Öffentlichkeit gegeben hat. Die Zivilgesellschaft hat versagt.


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