Wieder mal ein Einzelfall

Die Polizei hebt regelmäßig Waffen bei Neonazis aus, zuletzt in Hamburg. Doch solche Funde interessieren sie nicht. Pyrotechnik viel eher
Von Sebastian Carlens

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Beachtliches Arsenal: Waffen aus der Wohnung des verstorbenen Neonazis Lutz Hendel in Hamburg (Aufnahme mit einem Mobiltelefon)
Foto: Marco Carini

Am 1. Juli konnte die Hamburger Polizei einen bedeutenden Erfolg melden: Ein »umfangreiches Waffenarsenal« sei in Rostock gefunden worden, der Besitzer habe »im Zusammenhang mit dem G-20-Gipfel in Hamburg Straftaten von erheblicher Bedeutung« geplant, so die Pressemeldung. Das »Arsenal« wurde mit Bild dargestellt, es umfasste zwei handelsübliche Silvesterraketen, zwei Jagdmesser, Zwillen und »mit Farbe gefüllte Feuerlöscher«. Der Verdächtige wurde wegen »der Vielzahl der bei ihm aufgefundenen Gegenstände« vorsorglich für zehn Tage eingesperrt. Zur »linksextremen« Randale während des Gipfels kam es wie zur Bestätigung natürlich trotzdem.

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Handfeuerwaffen aus der Wohnung des verstorbenen Neonazis Lutz Hendel in Hamburg (Aufnahme mit einem Mobiltelefon)
Foto: Marco Carini

Die Meldung ging groß rum. Weniger Beachtung fand ein Fund, den Hamburger Beamte Donnerstag letzter Woche machten – und dies auch nur widerwillig. In der Wohnung des bereits Monate zuvor verstorbenen Neonazis Lutz Hendel entdeckten sie 15 Sturmgewehre und Maschinenpistolen, daneben weitere Handfeuerwaffen und Mengen an Munition. Hendel bewegte sich im NPD-Umfeld; seine Wohnung war mit NS-Devotionalien und Aktenordnern vollgestopft, wie die Taz Nord am Dienstag zuerst berichtete. Ein großes, mit Orden dekoriertes Portrait des norwegischen Massenmörders Anders Breivik war dort ebenfalls aufzufinden, außerdem mehrere Ausgaben von Hitlers »Mein Kampf«.

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Munition und Maschinenpistolen aus der Wohnung des verstorbenen Neonazis Lutz Hendel in Hamburg (Aufnahme mit einem Mobiltelefon)
Foto: Marco Carini

Letzteres sei alles »nicht strafbar«, befand der Hamburger Polizeisprecher Holger Vehren am Mittwoch gegenüber junge Welt. Schließlich habe der Mann, der bereits wegen Verstößen gegen das Waffengesetz in Erscheinung getreten war, die Dinge nicht gezeigt. Die Langwaffen hingegen nahmen die Beamten mit: eine »AK-47«, eine Maschinenpistole »PPSch-41«, die Wehrmachtswaffe »MP 40« und eine »Skorpion« aus der CSSR. Obwohl zwei davon unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fallen, verzichtete die Polizei laut Taz Nord auf eine Untersuchung der Wohnung. Einige Zeit später wird sie erneut gerufen, mehr als ein halbes Dutzend Handfeuerwaffen hatte sie übersehen. Die Akten und Computer des Mannes soll die Nachlassverwalterin zerstören, weist die Polizei sie per »Vernichtungsverfügung« an. Auch der Verfassungsschutz ist desinteressiert. Es gab »keine Möglichkeit einzugreifen« und »Mißverständnisse«, zitiert die taz einen Pressesprecher.

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Munition und Handfeuerwaffen aus der Wohnung des verstorbenen Neonazis Lutz Hendel in Hamburg (Aufnahme mit einem Mobiltelefon)
Foto: Marco Carini

Erst 2016 meldete ntv.de, dass Lübecker Beamte »fast 1.000 Waffen, Waffenteile und Patronen sowie zahlreiche Nazidevotionalien, darunter eine Pumpgun, ein Scharfschützengewehr, eine Maschinenpistole«, entdeckt hatten – bei einem Hamburger Polizeikollegen. Es gebe »keine Hinweise darauf, dass der Beamte rechtes Gedankengut habe«, teilte damals ein Behördensprecher mit. Im Juli 2015 mussten die Ordnungshüter gar einen fahrtüchtigen Weltkriegspanzer des Typs »Panther« aus einem Kellergeschoss bei Kiel bergen, zusammen mit »einer Flugabwehrkanone, einem Torpedo, Mörsern, Maschinen- und Sturmgewehren, halb- und vollautomatischen Pistolen sowie mehr als 1.500 Schuss Munition«.

»Die Vernichtung der aufgefundenen Materialien und Vertuschung des Vorgangs gegenüber der Öffentlichkeit durch die Polizei, ohne einen möglichen rechtsterroristischen Hintergrund zu klären, zeigt einmal mehr, dass die Polizeibehörden noch immer keine Lehren aus dem NSU-Komplex gezogen haben«, sagte die Innenpolitikerin der Bundestagsfraktion Die Linke, Martina Renner, am Mittwoch gegenüber dieser Zeitung. Die Hamburger Abgeordnete Christiane Schneider (Linke) bezeichnete den Vorgang gegenüber jW als »dubios«. Sie will in der nächsten Woche eine Anfrage in der Bürgerschaft einbringen.


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