Misshandelt und verbrannt?

Im Fall des in einem Polizeirevier in Sachsen-Anhalt verbrannten Oury Jalloh bestehen größte Zweifel an Brandanalyse – Generalstaatsanwalt setzt Ermittler ab
Von Susan Bonath

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»Alles getan, um es schneller brennen zu lassen«: Die Ergebnisse der Brandanalyse vom 18.08.2016 im Institut für Brand- und Löschforschung in Dippoldiswalde (Sachsen) werden von Sachverständigen angezweifelt
Foto: Arno Burgi/dpa

Nur in eine Richtung

Ein Asylbewerber verbrennt, an Händen und Füßen gefesselt, in einer Schlichtzelle bis zur Unkenntlichkeit. Der kleine Raum ist bis zur Decke gefliest. Einzige Brandlast neben dem Körper ist eine feuerfest umhüllte Matratze. Von ihr bleiben nur Brandrückstände übrig. Als Feuerwehrleute das Feuer 20 Minuten nach dem ersten Rauchalarm löschen, wissen sie nicht, dass sie eine Leiche finden werden. Sie hätten geglaubt, es seien »irgendwelche Decken in Brand geraten«, erzählt Lutz K. von der Feuerwehr Dessau später dem WDR. »Bis wir im Feuerschein Körperteile entdeckt und gemerkt haben, da brennt eigentlich die Person selber.«

Später verschwinden Beweismittel wie am Fließband: Polizeijournale, Kaufbelege für Matratzen, ein Fahrtenbuch, eine Handfessel und anderes. Das Video der Tatortgruppe bricht nach vier Minuten ab. Der Kameramann will nichts bemerkt haben. Ein vorgeblicher Stromausfall entpuppt sich als Lüge. Gelogen hat auch die Polizistin Beate H. Sie will Oury Jalloh noch rufen gehört haben, als er allen Befunden zufolge nicht mehr gelebt haben kann. Das weiß man seit Jahren.

Die Gerichte in Dessau und Magdeburg interessieren sich nicht dafür, wer das Feuer gelegt hat. Fast vier Jahre lang verhandeln sie nur eine Frage: Hätten Polizisten rechtzeitig helfen können? Einen ersten Freispruch der Beamten Hans-Ulrich M. und Andreas S. hebt der Bundesgerichtshof auf. S. wird in Magdeburg zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Die Gewerkschaft der Polizei zahlt sie für ihn. S. und andere bleiben weiter im Dienst, nur »Nestbeschmutzer« werden versetzt.

Dutzende Journalisten verfolgten am 18. August 2016 einen experimentellen Brandversuch im sächsischen Schmiedeberg. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau hatte mit diesem vermeintlichen Gutachten demonstrieren wollen, dass sie nach Jahren der Geheimniskrämerei und Vorwürfen der Verschleppung »Transparenz« im Todesermittlungsverfahren Oury Jalloh herstellen will. Denn bis heute ist ungeklärt, wie der Geflüchtete am 7. Januar 2005 binnen 20 Minuten, an Händen und Füßen in einer Schlichtzelle gefesselt, im Polizeirevier Dessau bis zur Unkenntlichkeit verbrennen konnte. Viele Indizien sprechen für einen Mord. Ein seriöses Gutachten blieb aus.

Offensichtlich ist die Justiz unter Druck: Die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt hat das Verfahren jetzt aus Dessau abgezogen, wie deren Sprecher Klaus Tewes unerwartet am Mittwoch mitteilte. Die Ermittlungen habe die Staatsanwaltschaft Halle übernommen, und zwar bereits im Juni. Man habe dies erst jetzt mitgeteilt, damit sich die neuen Ermittler in Ruhe einarbeiten könnten, erklärte Tewes auf jW-Nachfrage. Er begründete: »Es liegen sechs widersprüchliche Untersuchungsberichte vor, die die bisher angenommene Todesursache, einen inhalativen Hitzeschock, in Frage stellen.« Starb Oury Jalloh also gar nicht durch das Feuer? »Das soll in Halle jetzt überprüft werden«, sagte Tewes.

Die Dessauer Staatsanwälte hatten die Leiche damals zwar in Halle obduzieren, aber nicht röntgen lassen. Dies veranlasste die »Initiative in Gedenken an Oury Jalloh« auf eigene Kosten. In Frankfurt am Main stellten Rechtsmediziner einen Nasenbeinbruch, Einbrüche in der Siebbeinplatte und gerissene Trommelfelle fest. Dies sei Tewes nicht bekannt, versicherte er. Die Dessauer seien zuletzt überlastet gewesen, sagte er, unter anderem mit der Aufklärung des Mordes an der chinesischen Studentin Yangjie Li (jW berichtete). Er machte arbeitsorganisatorische Gründe für den Entzug des Verfahrens geltend.

Allerdings läuft das neue Todesermittlungsverfahren schon seit Ende 2013. Die Initiative hatte damals den irischen Brandgutachter Maksim Smirnou beauftragt. Sein Fazit: Die Verbrennungen seien nicht ohne Einsatz von Brandbeschleunigern möglich gewesen. Die Aktivisten stellten Strafanzeige wegen Mordverdachts beim Generalbundesanwalt. Der übergab den Fall nach Dessau. Oberstaatsanwalt Christian Preissner übernahm und überließ Ende 2015 den Fall seinem Kollegen Olaf Braun. »Herr Braun kennt sich hervorragend mit Brandsachen aus«, so Tewes.

Preissner und Braun hatten die Anklagebehörde bereits im zweiten Prozess gegen den früheren Dienstgruppenleiter im Dessauer Polizeirevier, Andreas S., vor dem Landgericht Magdeburg vertreten. Das hatte S. Ende 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt. 2015 behauptete Oberstaatsanwalt Braun indes, die Prozessakten noch nicht zu kennen. Schon in dem zweijährigen Verfahren hatten Gerichtsmediziner die behördliche Version von der Todesursache bezweifelt. Weitere Sachverständige hatten keine Spuren aus der Zelle am vermeintlichen Selbstmordfeuerzeug gefunden, dafür fremde Faserreste und DNA. Sie legten nahe: Das angeblich drei Tage nach dem Brand bei den Asservaten entdeckte Utensil wurde möglicherweise manipuliert. Ein Bericht des LKA Baden-Württemberg aus dem Jahr 2014 nährte diesen Verdacht.

Kritik hagelte es auch an dem Brandversuch, der als Grundlage für das Gutachten herhalten sollte. Der Londoner Brandexperte Iain Peck erklärte im Dezember in einer schriftlichen Auswertung, die Gutachter Kurt Zollinger und Thorsten Prein hätten zahlreiche bekannte Parameter verändert. Die Matratze sei stark beschädigt gewesen, der Dummy mit Speckschwarten belegt, Alufolie habe wie ein Hitzeleiter gewirkt, ein Fenster habe offengestanden. »Man hat alles getan, um es schneller brennen zu lassen«, so Peck. Trotzdem sei das Brandbild nicht ansatzweise erreicht worden.

Nebenklageanwältin Gabriele Heinecke sprach damals gegenüber jW von einem »Fake-Versuch«. »Vieles, was man längst weiß, wurde ignoriert.« Sie und ihre Kollegin Beate Böhler seien zudem erst drei Wochen vorher informiert worden. Im Februar hatten beide beantragt, Asservate aus Halle in die Rechtsmedizin der Berliner Charité zu überstellen. Darauf habe Braun gar nicht reagiert. Schon vor Jahren hatte Heinecke betont: »Nach allem, was uns vorliegt, war Oury Jalloh beim Brandausbruch bewusstlos oder sogar tot.« Nach jW-Informationen liefen bei Staatsanwalt Braun auch Anregungen der Sachverständigen ins Leere, weitere Experimente durchzuführen. Klaus Tewes kritisierte im Gespräch, dass der Versuch überhaupt öffentlich durchgeführt wurde. »Das kann man so nicht machen, ohne die Ermittlungen zu gefährden«, sagte er.

»Dass das Verfahren aus Dessau abgezogen wurde, ist lange überfällig«, meinte Henriette Quade von der Linksfraktion im Magdeburger Landtag im Gespräch mit jW. Mehrfach habe sie nach Versuchsergebnissen gefragt. »Offenbar gab es beim Justizministerium eine totale Auskunftssperre«, so Quade. Sie will nun eine Anfrage zu Details einreichen. Auch Sebastian Striegel (Grüne) erklärte, er habe bereits nachgehakt.

Der Presse erging es nicht anders. Auf sämtliche Nachfragen schrieb der Sprecher der Staatsanwaltschaft Dessau, Frank Pieper, zuletzt im Juni: »Derzeit gibt es nichts mitzuteilen, insbesondere kein Datum einer Mitteilung.« Detlef Thiel vom Justizministerium meinte, seine Behörde wolle sich nicht einmischen, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Auch Tewes betonte im April, der Generalstaatsanwalt habe mit dem Fall nichts zu tun. Das Bundesjustizministerium und die Bundesanwaltschaft erklärten, der Fall sei Ländersache.


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