Völkermorderprobt

Bundeswehr ringt mit der Tradition
Von Sebastian Carlens

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»Im Handwerklichen gibt es eine große Übereinstimmung«: Wehrmachtssoldaten richten während des Zweiten Weltkrieges polnische Bürger hin
Foto: By album of a captured German officer. via Wikimedia Commons

Manch langgedienter deutsche General versteht die Welt nicht mehr. Ist denn wirklich alles falsch gewesen? Wenn es heutzutage selbst ein schlichtes Schweinskopfwerfen, rituell zur Verabschiedung eines Kompaniechefs wie dem des »Kommandos Spezialkräfte« im April in Stuttgart veranstaltet, als Beispiel für den Niedergang der Bundeswehr in die Schlagzeilen schafft? Es gibt zwar Uniformen speziell für Schwangere, Achtsamskeitsyoga in der Gefechtspause und Elternteilzeit mit Feldkindergarten. Nur von dem, was im Einsatz getan wird, Menschen töten nämlich, wolle niemand reden. Und hörten die »Jungs« in der Kaserne mal Rechtsrock, dann bricht ein Naziskandal los.

So oder ähnlich die Wehklagen frustrierter Offiziere, die in schöner Regelmäßigkeit der Presse erzählen, was unter Ministerin von der Leyen falsch läuft. »Der Kämpfer von morgen braucht den Kämpfer von gestern«, sagte Generalmajor a. D. Christian Trull im Juni der FAZ. Er meint die Tradition der Wehrmacht und hat nicht Unrecht – es war ihr völkermorderprobtes Personal, das die neue Truppe aufgebaut hat. »Im Handwerklichen gibt es eine große Übereinstimmung mit dem, was auch die Bundeswehr von ihren Kampftruppen verlangt«, so der Militärhistoriker Sönke Neitzel mit Blick auf Hitlers Angriffsarmee im Juli zum Spiegel. Am Donnerstag verlangte der Wehrbeauftragte Hans-Peter Bartels mehr Zeit für »historische und politische« Bildung beim Bund.

Doch schwüler Landserromantik, kantigen Gesichtern unterm Stahlhelm und altpreußischer Liebe zum Tschingderassabum stehen wandelnde gesellschaftliche Bedingungen entgegen. Insofern setzt von der Leyen eher da an, wo ihr Vorgänger, der Tunichtgut Guttenberg, scheiterte: einen unpopulären, schlecht zahlenden und undankbaren Arbeitgeber auf Arbeitsmarktkonformität zu trimmen. Das Fußvolk, den Schützen Arsch, kann man auch ohne Wehrpflicht auftreiben – wozu gibt es Hartz IV. Doch dem IT-Spezialisten muss mehr als Suff und kollektive Enthemmung geboten werden.

Bei aller Aufregung um degoutante Männerbundrituale wird übersehen, dass die Bundeswehr das, was angeblich so tabuisiert sein soll, längst und täglich macht: töten im Staatsauftrag. Für Soldaten, die in Afghanistan im Einsatz waren, sei »von dem Tag, wo wir unsere eigenen Gefallenen hatten, die Wehrmacht weg« gewesen, berichtet Historiker Neitzel.

Der »Bodycount« als identitätsstiftendes Merkmal – mehr ist da nicht und kann da auch nicht sein, denn Deutschlands Kriege werden um Absatzmärkte, Rohstoffrouten und Einflusssphären geführt und um nichts anderes. Es war auch niemals anders. Früher mit Rechtsrockuntermalung von Richard Wagner, heute mit den »Zillertaler Türkenjägern«. Und da man kaum »Wir dienen imperialistischen Angriffskriegen« aufs Werbeplakat schreiben kann, wird der erinnerungspolitische Eiertanz parallel zu ganz realen Kriegen weitergehen.


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