Lichtenhagen mahnt

Experten fordern Verantwortung der »Mainstreammedien« ein
Von Anselm Lenz

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»Lichtenhagen kommt (nie) wieder.« Schmierereien am Bürgermeisterhaus von Güstrow (2014). – Zwischen dem 22. und 26. August 1992 waren in Rostock-Lichtenhagen die massivsten rassistischen Angriffe der deutschen Nachkriegsgeschichte aufgetreten
Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Bildfunk

Anlässlich des bevorstehenden 25. Jahrestages der Pogrome gegen Zugewanderte in Rostock-Lichtenhagen wiesen Experten für Medien und rechte Organisationen in Berlin darauf hin, dass Journalisten aus Mangel an Problembewusstsein häufig neurechten Strategien der Propaganda zum Erfolg verhülfen. Gegenüber den vom »Mediendienst Integration« versammelten Vertretern der Haupstadtpresse mahnte Bianca Klose von der »Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus«: »Als Vertreter der Mainstreammedien sind Sie Teil dieser Strategie« der Rechten. Es gebe einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Verbreitungsmöglichkeiten von Rassisten, Fremdenfeinden und Sexisten einerseits, und kriminellen Taten aus rechter Motivation andererseits.

Klose beklagte ferner Mängel bei der Vollständigkeit der Berichterstattung. So hätten Hunderte unter den »6.000 johlenden Neonazis in Themar den Hitlergruß zeigen« und »Sieg Heil!« brüllen können, ohne dass die Polizei dagegen nennenswert eingeschritten sei – im Mainstream sei zwar das Nazikonzert vorgekommen, das Versagen des Staates jedoch allenfalls am Rande. Klose betonte ebenfalls, dass über die Beteiligung »staatlicher Stellen am NSU«, der Mord- und Terrororganisation »Nationalsozialistischer Untergrund«, zuwenig präzise berichtet werde. Auch sei in der BRD im Schnitt »jeden Tag ein Angriff auf ein Asylwohnheim« zu verzeichnen, ohne dass dem inhaltlich Rechnung getragen würde.

Die Experten und Zeugen, darunter Mai-Phoung Kollath, vor 25 Jahren eine der angegriffenen Bewohnerinnen im Rostock-Lichtenhagener »Sonnenblumenhaus« und inzwischen geschulte Konfliktmanagerin, formulierten einen Appell an die bürgerliche Presse, die eigene Rolle zu reflektieren. Dem Fremdenhass ab 1992 waren so Schlagzeilen wie etwa jene der Hamburger Nachrichtenillustrierten Der Spiegel vorausgegangen, die Ende 1991 einen »Krieg des dritten Jahrtausends« mit »Flüchtlingswellen« gesehen haben wollte. Bild hatte im Sommer 1992 getitelt: »Jede Minute ein neuer Asylant, wann sinkt das Boot?« Die FAZ monierte »Asyltouristen«.

Laut Kollath sollten die entsprechenden Artikel Teil eines kommenden Mahnmals in Lichtenhagen werden. Die beste Prävention gegen den Extremismus der Mitte sei aber, so Kollath, »die persönliche Begegnung mit der Mehrheitsgesellschaft«.


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