Von oben herab

Sie schlagen wieder zu: Die Frankfurter Buchmesse 2017 war ein voller Erfolg für die Rechten und ihre Verlage
Von Christof Meueler/Peter Merg

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»Sie trauen sich das jetzt«: Götz Kubitschek (r.) neben Messedirektor Juergen Boos
Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Brezel 1,50, Käsebrezel 2,50 Euro – die Frankfurter Buchmesse wirkt wie immer. So übertrieben wie der riesige ARD-Stand, den man beim Eingang zu durchqueren hat. Dort lassen sich erwachsene Menschen dazu hinreißen, Kleinkinderaufgaben zu erfüllen, indem sie quaderförmige Sitzkissen zu einem achtteiligen ARD-Mosaik anordnen – unter Anleitung. Unterdessen redet Ulrich Wickert irgendwelchen Kram über das diesjährige Ehrengastland Frankreich. »Warum ist Angela Merkel nicht eine von uns?« habe das Magazin Le Point auf derTitelseite gefragt. In Frankfurt wird das Ehrengastland in einer Halle präsentiert, die wie ein IKEA-Kaufhaus anmutet.

Draußen auf der Bühne führt Udo Lindenberg samt Band eine »Buchsingung« durch für einen Bildband seiner Freundin Tine Acke mit Fotos von ihm. Noch weiter draußen, auf der »Gegenbuchmasse« streiten sich die Linken unproduktiv über Israel und Palästina, der Papyrossa-Verlag wird bei seiner Veranstaltung zum Thema von »Antideutschen« gestört. Auf der Messe ist das Bürgertum vergleichsweise tiefenentspannt: Am Stand der FAZ spricht Jürgen Neffe über Karl Marx, »den Unvollendeten«.

Das ist alles vorhersehbar. Und doch ist die Buchmesse diesmal anders. Sie steht unter faschistischem Einfluss, atmosphärisch. Eine kalte Unterströmung im Meer des lauwarmen Liberalismus. Die Rechten waren auf der Messe schon früher präsent, aber jetzt merkt man sie. Sie müssen nicht von den Journalisten hochgeschrieben werden, sie schauen schon von oben herab. Sie sind mit der AfD im neuen Bundestag, und sie setzen die Themen: die Grenzen noch dichter, das Militärische noch wichtiger, die Politik noch autoritärer und die Reden noch wirrer. Vor allem aber schlagen die Rechten zu – mitten auf der Buchmesse. Sie trauen sich das jetzt.

Am Freitag geht Achim Bergmann, der Verleger der linken Plattenfirma Trikont, die 1967 in der Studentenbewegung gegründet wurde, zufällig am Stand der rechtsradikalen Jungen Freiheit vorbei. Dort liest gerade Karlheinz Weißmann und hetzt gegen die linke Revolte von 1968, gegen Leute wie Bergmann, der sich persönlich beleidigt fühlt. Er ruft spontan, Weißmann solle aufhören, diesen Unsinn zu erzählen. Das mögen die versammelten Anzugträger nicht. Ein junger Typ, der für Bergmann ein bisschen aussieht wie Christian Linder, baut sich vor ihm auf und schlägt ihm seelenruhig zweimal mit der Faust ins Gesicht. Keiner der Anzugträger hilft Bergmann, der zum Trikont-Stand taumelt. Als er mit seiner Kollegin Eva Mair-Holmes zurückkommt, steht der Schläger immer noch da, als wäre nichts passiert. Mair-Holmes will ihn fotografieren, er reißt ihr das Handy aus der Hand und hält sie fest. Mair-Holmes ruft um Hilfe. Darauf reagieren nur die Leute vom Nachbarstand, einem Comicverlag, und befreien sie. Erst da flüchtet der Schläger, wird aber schließlich von der Polizei gestoppt. Anschließend sagt der Standleiter der Jungen Freiheit, er wisse von nichts, lehne aber Gewalt ab.

Gemeinsame Sache: Nicht jeder, der die junge Welt für gut und wichtig hält, hat die Zeitung auch bereits abonniert. Den konkreten Preis für professionellen Journalismus, für Herstellung und Vertrieb erfahren Sie hier.

Einen Tag später hat Götz Kubitschek für seinen rechtsradikalen Verlag Antaios in der Halle 4.2. eine größere Präsentation organisiert. Auf dem Podium sprechen unter anderem Björn Höcke, Fraktionschef der AfD im Thüringer Landtag, und Akif Pirincci, der erst Katzenkrimis und dann rassistische Bestseller verfasste. Höcke sagt: »Wir leben in einer stolzen Zeit«. Dagegen protestiert eine kleine Gruppe vor der Bühne, vielleicht zehn Leute. Sie halten Schilder hoch, die ihnen die Rechten, die auch eine eigene Security mitgebracht haben, aus den Händen reißen und zerfetzen. Dabei ruft einer »Sieg Heil!« Die Securitytypen ziehen einen der Gegendemonstranten aus der Menge, Nico Wehnemann, Frankfurter Stadtverordneter von Die PARTEI, will ihm zu Hilfe kommen. Er wird von den Rechten auf den Boden gedrückt und bekommt ein Knie in den Rücken gerammt. Als die Polizei anrückt, sind es seine Personalien, die aufgenommen werden und nicht die der Aggressoren. Anzeige darf er nicht erstatten, statt dessen bekommt er Hausverbot. Die An­taios-Veranstalter machen ungerührt weiter. Vor Beginn waren 50, 60 Rechte vom Antaios-Stand in Halle 3.1 in Halle 4.2. regelrecht einmarschiert. Auf dem Podium ruft Ellen Kositza, die Frau von Kubi­tschek: »Wir sind die Guten!«

Als dann die Martin Sellner und Mario Müller von der »Identitären Bewegung« sprechen sollen, werden sie von weiteren Protestierenden ausgebuht. Diese rufen: »Ihr habt den Krieg verloren!« Die Rechten antworten mit Sprechchören: »Jeder hasst die Antifa!« Es kommt zu einem Pingpong der Parolen. Eine Durchsage des Direktors der Buchmesse, Juergen Boos, ist nicht zu verstehen.

Die Polizei greift ein. Kubitschek geht in die erste Reihe und versucht die Protestierenden zum Zuschlagen zu provozieren, erfolglos. Dann ziehen die Rechten aus der Halle, Polizisten folgen ihnen, Protestierende werden willkürlich kontrolliert. Was fällt der Messeleitung dazu ein? »Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs«, heißt es hilflos in einer Erklärung. Das Bürgertum kann mit Nazis nicht stringent umgehen, es will ihnen immerzu zuhören, wie einem verstockten Kind. Das Kind wächst und gedeiht und verlacht die Milde seiner Erzieher.

2017 erschienen mehrere Bücher aus dem linksliberalen Milieu, die dazu auffordern, sich mit Faschisten zu unterhalten, weil man angeblich etwas von ihnen lernen könnte. Aber was? Besonders brutale Promotion? Das intelligenteste dieser Bücher stammt von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn, es heißt »mit Rechten reden« und zeigt sehr gut, dass die Rechten außer dunkel dräuenden Gefühlen nicht viel zu bieten haben, aber das immer erfolgreicher. Der Faschismus hat die liberale Postmoderne erobert: »Die Rechten sind die Minderheit, die sich selbst Deutschland nennt. Und daran wollen sie um jeden Preis leiden«, heißt es in dem Buch. Sie leiden auch daran, dass auf der Messe die Stände ihrer Verlage Antaios und Manuscriptum nachts heimlich von ihren Gegnern durcheinander gebracht wurden. Immer sind sie die Opfer, mit denen keiner reden will. Vorzugsweise dann, wenn alle über sie reden und sie noch stärker machen. »Es läuft sehr gut für uns«, sagt Kositza vom Antaios-Verlag, »wir müssen gar nichts machen«.


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