Rechter Aufmarsch in Rom

Faschisten feierten in Rom Mussolinis Machtantritt vor 95 Jahren. Polizei hob Schule der Forza Nuova aus
Von Gerhard Feldbauer

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Von den Medien hofiert: Der Chef der faschistischen Forza Nuova, Roberto Fiore, am Samstag in Rom
Foto: Stefano Rellandini/Reuters

Mit einem von der Forza Nuova (FN, deutsch: Neue Kraft) organisierten »Marsch der Patrioten« feierten Faschisten am Sonnabend in Rom den 95. Jahrestag der Errichtung der faschistischen Diktatur unter Benito Mussolini. Die Rechten zeigten dabei unbehelligt den »Führer«-Gruß und propagierten Forderungen wie »Ordnung im Chaos« zu schaffen, »Ausländer abzuschieben« und deren in Italien geborenen Kindern keine Staatsbürgerschaft zu gewähren. Die anwesenden Einsatzkräfte wurden als »Henkersknechte« bezeichnet. An der Zusammenrottung unter der Losung »Alles für das Vaterland« nahmen laut Angaben der Polizei etwa 1.000 Faschisten teil, viele trugen Kampfanzüge und Schnürstiefel.

Der zunächst für den 28. Oktober geplante Marsch war vom Polizeipräsidenten der italienischen Hauptstadt untersagt worden. Am 28. Oktober 1922 waren 40.000 bewaffnete Faschisten in Rom eingefallen. Um einem neuerlichen Verbot zu entgehen, hatte die FN nun den 4. November ausgewählt, an dem offiziell der »Tag der Streitkräfte« begangen wird. Er erinnert an die Schlacht bei Vittorio Veneto im Jahr 1918. Diese endete mit einer Niederlage des im Zweibund mit Deutschland stehenden Österreich-Ungarn und damit einem Sieg Italiens auf der Seite der Entente im Ersten Weltkrieg.

Auch dieses Ereignis steht in Verbindung mit Mussolini. Er hatte als Wortführer der aggressivsten Kapitalkreise mit seinen 1914 gegründeten »Revolutionären Aktionsbünden«, einer Vorläuferorganisation der faschistischen Bewegung, den im Mai 1915 erfolgten Kriegseintritt vorangetrieben. Unter anderem hatte Mussolini gefordert, »einige Dutzend« der Abgeordneten, die den Kriegseintritt ablehnten, »zu erschießen« und andere »ins Zuchthaus zu stecken«.

Behinderung mit einleuchtender Begründung: In Deutschland soll Artikel 5 des Grundgesetzes die Pressefreiheit sowie die Meinungs- und Informationsfreiheit gewährleisten. Auch hier entspricht der Anspruch nicht den Realitäten.

Für ihre jetzige Zusammenrottung hatte die FN das pompöse südliche Stadtviertel Esposizione Universale di Roma (EUR) gewählt, das Mussolini ab 1938 für die 1942 geplante Weltausstellung hatte errichten lassen. Die Forza Nuovisten marschierten zum sogenannten Colosseo quadrato, einem neoklassizistischen 50 Meter hohen Bauwerk, das mit 216 Rundbogenarkaden auf sechs Stockwerken an das Kolosseum der Antike in Rom erinnern sollte.

Um einem Einschreiten der Polizei, die den Aufmarsch mit 400 Beamten begleitete und auch aus Hubschraubern überwachte, zu entgehen, hatte die FN, wie sonst üblich, auf das Zeigen von Bildern Mussolinis und andere faschistischer Symbole verzichtet. Erst im September hatte das italienische Parlament einen Gesetzentwurf verabschiedet, nach dem künftig Propaganda für das faschistische Regime, etwa das Zeigen seiner Symbole, mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft werden kann. Darunter fällt auch der während der FN-Kundgebung gezeigte »römische Gruß« der Schwarzhemden. Das römische Polizeipräsidium hatte mitgeteilt, dass »alle Phasen des Zuges dokumentiert werden, um mögliche illegale Handlungen festzuhalten, die mit Strenge verfolgt werden«.

Die 1997 gegründete Forza Nuova ging aus der damaligen faschistischen Alleanza Nazionale (AN) hervor, die heute in der Partei Fratelli d’Italia (»Brüder Italiens«) aufgegangen ist. Die FN beansprucht für sich, die Avanguardia (Vorhut) des Faschismus zu sein. Ihr Gründer und auch momentane Chef Roberto Fiore ist ein bekannter Terrorist. Er soll unter anderem 1980 an dem Bombenattentat auf dem Hauptbahnhof von Bologna beteiligt gewesen sein, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden. Fiore wurde wegen Unterstützung einer staatsfeindlichen, bewaffneten Vereinigung verurteilt.

Die Zeitung La Repubblica berichtete am Sonnabend, dass in der vergangenen Woche das Raggruppamento operativo speciale, eine Spezialeinheit der Carabinieri, in der Via Amulio in Rom eine Schule der FN zur Verbreitung ihrer faschistischen Theorien ausgehoben hatte. Unter anderem wurde ein 352seitiges »Lehrbuch« mit rassistischem Inhalt sichergestellt. In der Einrichtung würden, so die Zeitung, Jugendliche regelrecht für Überfälle auf Flüchtlinge trainiert. Eltern äußerten sich besorgt über den unter ihren Kindern verbreiteten Rassenhass.


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