Rotlicht: Volkstrauertag

Von Jörg Kronauer

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Protest gegen die Kriegsverherrlichung der NPD am Volkstrauertag (19.11.2006 in Rheinau am Oberrhein)
Foto: Rolf Haid dpa/lsw

Begangen wird der Volkstrauertag seit der Gründung der Bundesrepublik jedes Jahr im November. Das genaue Datum wird, wie es sich für einen angeblich säkularen Staat gehört, nach dem Kirchenkalender berechnet: Es ist der Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Advent. Die Gedenkfeiern, die der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge an jenem Tag durchführt, sind im Wesentlichen sämtlichen im Krieg verstorbenen deutschen Militärs gewidmet. Weil aber ein offizielles Gedenken für die Weltkriegssoldaten bis heute nicht mit uneingeschränkt gutem Gewissen möglich ist, kommt am Volkstrauertag, passend zur Jahreszeit, regelmäßig der Nebelwerfer zum Einsatz: Man erinnert, so heißt es, an alle »Opfer von Gewalt und Krieg«.

Zum ersten Mal wurde einen solche Feierstunde zum Volkstrauertag am 5. März 1922 im Reichstag abgehalten, um der toten deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs zu gedenken. Es war ein geschickter Schachzug des Organisators, des im Dezember 1919 gegründeten Volksbundes, Reichstagspräsident Paul Löbe (SPD) als Redner zu gewinnen. Das half zu Beginn der 1920er Jahre, als man noch Rücksicht auf die Weltkriegssieger nehmen musste, den nationalistisch-militaristischen Charakter der Veranstaltung ein wenig zu überdecken. »Das soll der Volkstrauertag«, erklärte vier Jahre später – nun schon recht offen – Volksbund-Präsident Fritz Siems, ein evangelischer Pfarrer: »Symbol sein und werden für ihren« – der Weltkriegssoldaten – »Geist, in dem sie auszogen in unendlicher Begeisterung, in dem sie kämpften wie die Löwen, litten wie Märtyrer, starben wie Helden für das große Ziel: Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!« Siems sah in den Feiern zum Volkstrauertag explizit auch die Chance, im Angesicht des großen Gleichmachers auf den Aufbau einer »Volksgemeinschaft« hinzuarbeiten: »endlich, um ihretwillen, die unsere Besten waren, zurückstellen, was uns trennt, (…) zurückstellen, worüber wir uns ärgern und zerfleischen«.

Den nationalistisch-militaristischen Kern des Volkstrauertages offenlegend, erklärten die Nazimachthaber ihn 1934 zum offiziellen Staatsfeiertag und benannten ihn in »Heldengedenktag« um. »Bedeutsam ist diese Namensgebung«, lobte der Volksbund, weil sie »nun auch äußerlich das ausdrückt«, was man ja »von Anfang an angestrebt« hatte: »Unsere Helden leuchten uns voraus auf dem Wege zum neuen Aufstieg, den das geeinte Deutschland beschritten hat«. Ab 1940 ehrte man dann entsprechend auch die verstorbenen deutschen Soldaten aus dem zweiten Kampf Deutschlands um die Weltherrschaft.

Die Bedeutung des »Heldengedenktags« im Nazireich hat die Bundesrepublik nicht davon abgehalten, den Volkstrauertag schon ab 1950 wieder zu begehen. Selbstverständlich hat man dabei stets an alle deutschen Soldaten erinnert. So kommt es, dass etwa die Gäste der Gedenkstunde, die der Volksbund kommenden Sonntag auf dem Friedhof in Costermano bei Verona in Anwesenheit der deutschen Generalkonsulin in Mailand abhält, ebenfalls der drei Vernichtungslager-Kommandanten gedenken werden, die dort neben einfachen Wehrmachtssoldaten bestattet wurden. »Auch die Schuldigen, die hier begraben sind, mögen ihre letzte Ruhe finden«, teilt der Volksbund, großzügig wie immer, mit. Heute bezieht er auch all jene in sein Totengedenken ein, »die verfolgt und getötet wurden, weil sie einer anderen Rasse zugerechnet wurden«. Hinzu kommen inzwischen natürlich auch »die Bundeswehr-Soldaten und anderen Einsatzkräfte«, die »im Auslandseinsatz ihr Leben verloren«. Die Ausweitung des Gedenkens der Toten des dritten Berliner Versuchs, Weltmacht zu werden, ist damit vollbracht.


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