Terror und Staat

Prozessauftakt mehr als 17 Jahre nach Bombenanschlag in Düsseldorf-Wehrhahn: Polizist soll Angeklagten gewarnt haben, als Hinweise eingingen
Von Claudia Wangerin

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Am S-Bahnhof Wehrhahn (Juli 2015)
Foto: Martin Gerten/dpa

Bis zur Anklageerhebung hat es mehr als 17 Jahre gedauert, dabei war der Exsoldat Ralf S., der sich seit Donnerstag wegen des Sprengstoffanschlags auf überwiegend jüdische Sprachschüler aus Osteuropa am S-Bahnhof Düsseldorf-Wehrhahn verantworten muss, schon damals verdächtigt worden. Bei der Explosion am 27. Juli 2000 waren zehn Menschen verletzt worden, einige von ihnen lebensgefährlich. Die am schwersten betroffene Frau verlor ein ungeborenes Kind, als ein Splitter in ihren Bauch drang. Ein fast vollständig abgetrenntes Bein musste ihr wieder angenäht werden. Weil zwölf Personen in der Gruppe gestanden hatten, die sich dort regelmäßig um diese Zeit aufhielt, lautet die Anklage auf zwölffachen Mordversuch. Wären die 250 Gramm TNT nicht verunreinigt gewesen, hätte es Tote gegeben, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück am Donnerstag laut Nachrichtenagentur dpa.

Mehrere Hinweise auf Ralf S. waren kurz darauf telefonisch bei der Polizei eingegangen. Einer der Beamten gab diese Information damals offenbar gleich an Ralf S. weiter, der am Donnerstag zum Prozessauftakt jede Tatbeteiligung abstritt. Gleich nach dem Anschlag habe ihn der Beamte gewarnt: »Da rufen jede Menge Leute an und beschuldigen dich«, sagte der heute 51jährige Angeklagte vor dem Düsseldorfer Landgericht.

Der Koordinierungskreis antifaschistischer Gruppen in Düsseldorf und Umland (Antifa-KoK) hatte seinerzeit auf eine mögliche Verbindung zwischen dem Attentat und dem »Survival Security and Outdoor«-Geschäft des vorbestraften Neonazis Ralf S. in der Nähe des Tatorts aufmerksam gemacht. Eine erste oberflächliche Hausdurchsuchung in der Wohnung und den Geschäftsräumen des Verdächtigen hatte zwei Tage nach der Tat stattgefunden – insgesamt eine Dreiviertelstunde lang. Erst am 2. August 2000 rückten die Beamten zu einer vorgeblich gründlicheren Razzia an.

Auch dabei war kein belastendes Material gefunden worden. Das entdeckten allerdings Möbelpacker fünf Monate später im Keller während der Zwangsräumung von Ralf S. – unter anderem eine Handgranate und neofaschistisches Propagandamaterial. Die Polizei wurde eingeschaltet, die Staatsanwaltschaft wollte aber seinerzeit keinen Zusammenhang zum Wehrhahn-Anschlag erkennen.

Erst im Februar 2017 klickten die Handschellen – Ralf S. sitzt seither in Untersuchungshaft. Zu seiner Festnahme führte aber nicht etwa ein später Ermittlungserfolg, sondern nach Angaben der Staatsanwaltschaft eine Prahlerei des heute Angeklagten: Er soll sich während einer Ersatzfreiheitsstrafe im Jahr 2014 vor einem Mitangeklagten in Castrop-Rauxel mit dem Anschlag gebrüstet haben: Er habe »an einem Bahnhof Kanaken weggesprengt«.

Auch dies bestreitet der Exsoldat und gescheiterte Szeneunternehmer inzwischen. Wichtigtuer und Drogen konsumierende V-Leute hätten ihn auf die Anklagebank gebracht, behauptete er nach Agenturberichten. Kurz nach seiner Festnahme war bekannt geworden, dass ein V-Mann in seinem Geschäft gejobbt hatte. Verteidiger Olaf Heuvens räumte am Donnerstag ein, sein Mandant habe auch selbst »zu viel geredet und sich wichtigmachen wollen«. Seine Sprengmittelausbildung hatte Ralf S. bei der Bundeswehr erhalten.


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