Ja, was wollt ihr wissen?

Gefühlserbschaft »Stunde Null«: Anmerkungen zum Holocaust-Gedenktag
Von Brigitta Huhnke

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»Mitlaufende bringen erhebliche Energien auf« – 18. Juni 1940 in München
Foto: picture alliance/ullstein bild

»Wieder müssen wir trauernd feststellen, dass die Verletzung unheilbar ist: Sie überdauert die Zeiten, und die Erinnyen, an die man schließlich doch glauben muss, quälen nicht nur den Peiniger (wenn sie ihn überhaupt quälen, von der Strafe der Menschen unterstützt oder auch nicht), sondern führen sein Werk noch fort, indem sie den Gepeinigten den Frieden versagen.«

Primo Levi

Das »Echo Auschwitz« sei immer gegenwärtig, rief die Schriftstellerin Cornelia Edvardson im Jahr 1986 Primo Levi nach, der wie sie Auschwitz überlebt hatte. »Da ist keine Sprache, da sind keine Worte, mit deren Hilfe Du das Unsagbare sagen, das Unbegreifliche erklären könntest. Kein Sprachgewand, das über das Skelett deiner Erfahrungen geworfen werden könnte …«

Längst haben Nachkommen der Opfer Verantwortung im Sinne »sekundärer Zeugenschaft« übernommen. Die Zeugnisse in Kultur, Wissenschaft und Pädagogik sind unübersehbar. Dagegen hat die Seite der Täter eher wenig zu bieten. Individuelle Befindlichkeiten werden als »Erinnerungen« reklamiert. Ein dreister Übergriff auf das Konzept der Zeugenschaft ist das Aufkommen der »Zeitzeugen« ab den 80er Jahren, an dem Guido Knopp seinen Anteil hatte: Was wäre ein Zeuge außerhalb der Zeit?

Unmittelbar nach der Befreiung vom deutschen Faschismus schworen die Täter sich als Opfergemeinschaft der »Stunde Null« ein. Es gab »zwei Arten von Tätern«, schrieb der Historiker Saul Friedländer: »Die extrem ideologisch motivierten Einheiten, wie zum Beispiel die SS, und die ganz normalen Deutschen.« Auch letztere gaben sich dem »Massensadismus« hin, getrieben vom tief verankerten Hass auf die Opfer, befeuert von deren Schwäche. »Die Bereitschaft zur Grausamkeit des sogenannten Normalbürgers war auf vielen Ebenen spürbar.«

Ab Frühsommer 1945 wurden NSDAP-Mitgliedschaften zu »Zwangsbeitritten« bei »innerer Passivität«. Ließ sich die aktive Beteiligung am Massenmord nicht abstreiten, berief man sich auf »Befehlsnotstand«. Die Wehrmacht galt im Westen Deutschlands lange als »sauber«. Historiker wie Léon Poliakow oder Joseph Wulf, die das Morden analysierten, wurden ausgegrenzt in ihrer Zunft, in der Täter weiter das Sagen hatten.

Das wirkmächtigste Konstrukt in diesem Diskurs der Verleugnung aber war und ist das des »Mitläufers«. An dem Terminus zeigt sich, wie brüchig die Umdeutung der Historie immer schon war. Laufen ist eine bewusste Handlung. Wer mit einem anderen mitläuft, etwa an der Seite eines Stars, zollt mindestens Zustimmung, ob aus »reiner« Begeisterung oder »nur« mit Blick auf den eigenen Vorteil. In jedem Fall bringen Mitlaufende erhebliche Energien auf, um dabeizusein.

Der Diskurs der Dabeigewesenen wirkt über »Gefühlserbschaften« (Freud) bis heute fort. Das zeigt sich etwa bei aktuellen Auseinandersetzungen um Straßennamen. In Hamburg soll beispielsweise der frühere Direktor der Sternwarte in Bergedorf, Richard Schorr, der als Gestapo-Spitzel zur Verfolgung von Kollegen beitrug, unbedingt weiter mit einem Straßenschild geehrt werden und, da er doch so berühmt war und sogar zwei Plätzchen im Weltall seinen Namen tragen.

Seit einiger Zeit treten in den 30ern und frühen 40ern geborene Täterkinder vorzugsweise als »Kriegskinder« und eben »Zeitzeugen« auf. Im vergangenen November besuchte ein Reporter für das Deutschlandfunk-Magazin »Campus & Karriere« eine Schule in Herne: »Geschichte mag manchmal dröge im Schulunterricht sein. In Herne will man dieses Bild abschütteln und dem Fach Leben einhauchen. Dafür kommen Zeitzeugen in die Schule und erzählen vom Überleben im Zweiten Weltkrieg.« Es folgten O-Töne von Täterkindern. »Mein Name ist Helga Schellack, ja, was wollt ihr wissen? Ich werde nächstes Jahr 80.« »Ich habe gehört, Sie sind eine Bergmannsfrau. Das interessiert mich.« »Ich hab ihn geheiratet und die Bergwerke fünf Mal von unten gesehen. So richtig mit jungen Burschen mit Muckis, die mit der Bohrmaschine gearbeitet haben.« Eine Frivolität. Mehr war über die Dame nicht zu erfahren.

Der 81jährige Hauptheld des Beitrags berichtete lang und breit über die Angst vor den Russen und seine Flucht über die Ostsee. Seit 1945 war so etwas millionenfach zu hören. In Herne fand ein Mädchen vor allem »das mit den Schiffen (…) sehr interessant«, »und auch noch mal zu hören, wie das genau war und die Gefühle von den Leuten«. Der Reporter schlussfolgerte: »Das Zeitzeugentreffen leistet somit etwas, was Gesellschaftskunde- oder Geschichtsunterricht nicht so einfach erreichen: die Jugendlichen sich gedanklich in die Situation einfühlen zu lassen, bei ihnen Empathie zu erzeugen – und damit ein möglicherweise tieferes Verständnis.« Gesendet wurde dieser Beitrag am 9. November. Die Menschenjagden in der »Kristallnacht« 79 Jahre zuvor wurden mit keinem Wort erwähnt.

Was die Bekenntnisse von Täterkindern und -enkeln, die den Buchmarkt überschwemmen, fast durchgängig gemeinsam haben, ist die Weigerung, sich den inneren Bindungen an die Täter zu stellen. Ohne Zweifel haben sich Täter nach 1945 an ihren Kindern schadlos gehalten. Diese Heranwachsenden erfuhren Gewalt und Demütigung. Die individuelle Verarbeitung des Schmerzes, aber endlich auch der Wut auf diese Eltern ist unerlässlich.

In den meisten Papi- bzw. Opi-Büchern und -Filmen scheint statt dessen als Gefühlserbschaft noch immer »beschädigter Narzissmus« (Adorno) auf. Zu den wenigen Ausnahmen gehört Uwe Timms Buch »Am Beispiel meines Bruders«. Er hat daraus nie öffentlich gelesen, ist zur Premiere des Theaterstücks (2015) in Hamburg nicht gekommen. Die extrem verdichtete Inszenierung von Michael Weber könnte den Schulunterricht bereichern – bundesweit. Timm macht weiter, nimmt aktiv das Vermächtnis der Toten an, stellt die Täter auch im neuen Roman »Ikarien«.

Dem US Holocaust Memorial Museum (Stand 2013) zufolge gab es in Europa mindestens 42.500 Nazighettos und -lager. Noch viele Täter wären aus der Anonymität zu reißen.


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