Ein selbsternannter Frauenversteher

In den Niederlanden feiert der Sexist, Antifeminist und Rechtspopulist Thierry Baudet politische Erfolge
Von Gerrit Hoekman

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Kein bildungsferner Chauvinist: Thierry Baudet kann mehrere Hochschulabschlüsse in Rechtsgeschichte und Philosophie verbuchen
Foto: Jacek Bednarczyk/EPA/dpa

Im lauten Getöse um das Thema Flüchtlinge und die diplomatischen Händel mit der Türkei ist bei der letzten Parlamentswahl in den Niederlanden ein Skandal völlig untergegangen: Im niederländischen Parlament sitzt seit März mit Thierry Baudet ein ausgemachter Frauenfeind.

Baudet ist Fraktionsvorsitzender des »Forums für Demokratie«, das bei der Wahl nur zwölf Monate nach dessen Gründung zwei Sitze erobern konnte. Der Politiker aus Heemstede ist am 28. Januar 35 Jahre alt geworden. In seiner kurzen politischen Karriere hat er bereits für große Empörung gesorgt – unter anderem, weil er Kontakt zur extremen Rechten in den USA sucht: Im Oktober traf er sich beispielsweise mit Jared Taylor, einem Verfechter der vermeintlichen weißen Überlegenheit, der »White Supremacy«.

Kurz vor der Wahl im März verteidigte Baudet in der populären Talkshow »De Wereld Draait Door« die sexistischen Ansichten des selbsternannten »Verführungsgurus« Julien Blanc. Der in der Schweiz geborene US-Amerikaner veranstaltet Workshops, bei denen er Männern beibringen will, wie sie Frauen ins Bett bekommen – auch gegen deren Willen. »Worauf die weiblichen Höhlenbewohnerinnen früher standen, das klappt bei der Frau von heute immer noch«, erklärt Blanc in einem Video auf Youtube. Demnach mögen sie es, an den Haaren gezogen, gewürgt oder mit festem Griff ins Genick zum Oralsex gezwungen zu werden. 2014 unterzeichneten in Großbritannien 120.000 Menschen eine Petition, in der sie forderten, diese Seminare zu verbieten. Mit Erfolg: Blanc erhielt kein Visum für das Vereinigte Königreich mehr, auch Singapur und Australien verweigerten ihm die Einreise.

Baudet wirft sich trotzdem für Blanc in die Bresche. »In Frauen herrscht ein Widerstreit: Einerseits wollen sie Respekt, andererseits suchen sie einen Mann, der die Führung übernimmt«, erklärte er in der genannten Talkshow. Und weiter: »Wenn eine Frau nein sagt, darfst du nicht denken: ›Oh, sie will nicht.‹ Dann musst du sagen: ›Schätzchen, wir gehen noch kurz was trinken.‹« Frauen mit Alkohol gefügig zu machen, ist für Anhänger von Julien Blanc kein No-Go.

Baudet dozierte über die angeblichen Bedürfnisse von Frauen auch in einem Essay, aus dem das Wochenblatt Vrij Nederland kürzlich zitierte: »Die Realität ist, dass Frauen von ihren Sexpartnern nicht nur mit Respekt behandelt werden wollen. Die Realität ist, dass Frauen überrumpelt werden, beherrscht, ja, übermannt werden wollen.« Der Politiker äußert in dem Text auch die Meinung, Frauen wollten vor allem Berufe ergreifen, die etwas mit Familie zu tun haben. In anderen Jobs würden sie weniger gute Leistungen bringen, weil sie keine Ambitionen hätten.

Trotz der sexistischen Ansichten des Spitzenkandidaten der neuen Partei – oder vielleicht gerade deshalb – machten fast 200.000 Menschen bei der letzten Wahl ihr Kreuz beim Forum für Demokratie. Und das Publikum der Nachrichtensendung »Een Vandaag« kürte ihn vor wenigen Wochen zum »Politiker des Jahres« in den Niederlanden. In den beiden Jahren zuvor hatte der rechte Islamhasser Geert Wilders den Titel gewonnen.

Die rechte Szene feiert Baudet als furchtlosen Kämpfer gegen den angeblichen Terror der politischen Korrektheit. Der einflussreiche Blog der neuen Rechten, »De Dagelijkse Standaard«, titelte im vorigen März hämisch: »Danke für die Aufregung, zornige linke Mädchen!«

Cécile Narinx, Chefredakteurin der niederländischen Ausgabe der Frauenzeitschrift Harper’s Bazaar, rief Silvester 2017 bei Rooftop Radio zum Widerstand gegen Baudet auf: »Ich finde, dass alle Menschen mit Anstand dagegen im Namen aller Frauen rebellieren müssen.« Weil das Forum für Demokratie auch mit rassistischen Parolen Stimmung macht, will ein »Comité 21« mit einer landesweiten Demonstration in Amsterdam am 18. März gegen Baudet und seinen Anhang mobil machen. Drei Tage später finden Kommunalwahlen statt. Neben den Grünen, den Sozialdemokraten und den Sozialisten der SP werden auch Frauen der weltweiten »Women’s March«-Bewegung teilnehmen.


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