Sporthelden

PYEONGCHANG/BERLIN (Bericht: german-foreign-policy) – Die deutschen Siege bei den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang gehen zum Großteil auf das Konto von Soldaten der Bundeswehr. Nimmt man die Medaillengewinne von Angehörigen der Bundespolizei und des Zolls hinzu, wird deutlich, dass die BRD ohne die „Spitzensportförderung“ ihrer Repressionsapparate bei internationalen Wettbewerben nahezu chancenlos wäre. Allein die deutschen Streitkräfte wenden nach eigenen Angaben jährlich zweistellige Millionenbeträge für die Ausbildung und das Training ihrer Athleten auf. Zur Begründung heißt es, man wolle „Chancengleichheit gegenüber Sportlern anderer Staaten“ herstellen. Verwiesen wird zudem auf den propagandistischen Aspekt der militärischen Sportförderung: „Sportsoldaten“ würden weltweit nicht nur als „Repräsentanten“ und „Botschafter“ Deutschlands wahrgenommen, sondern dienten vielen Jugendlichen als „Vorbilder“ und motivierten sie, eine „Karriere“ bei der Truppe anzustreben, erklärt die Bundeswehr.

Erfolgsfaktor „Sportsoldaten“

Bei den am Sonntag zu Ende gehenden Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang entfallen rund die Hälfte der deutschen Medaillengewinne auf „Sportsoldaten“ der Bundeswehr. Nimmt man die Siege von Angehörigen der Bundespolizei und des Zolls hinzu, verschiebt sich der Medaillenspiegel noch weiter zugunsten der deutschen Repressionsbehörden. Das Ergebnis entspricht der Zusammensetzung der von der BRD entsandten Olympiamannschaft, die sich zu 70 Prozent aus Militärs, Polizisten und Grenzschützern rekrutiert. Wie die deutsche Presse urteilt, wären die „deutschen Erfolge auf Eis und Schnee“ ohne sie „kaum möglich“. Auch für den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Alfons Hörmann, ist nach eigenem Bekunden „das Team Deutschland in der aktuellen Aufstellung“ ohne „öffentliche Partner“ schlicht „nicht denkbar“. Die sogenannte Spitzensportförderung durch Bundeswehr, Zoll und Bundespolizei sei „ein ganz klarer Erfolgsfaktor unseres deutschen Sportsystems“.[1]

Bis zu 60 Prozent

Die Äußerungen des Sportfunktionärs entsprechen den von der Bundeswehr veröffentlichten Angaben. Bestand die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Sommerspielen im spanischen Barcelona 1992 lediglich zu elf Prozent aus „Sportsoldaten“, waren es bei der Sommerolympiade im brasilianischen Rio de Janeiro 2016 bereits 30 Prozent. Der Anteil der von ihnen gewonnenen Medaillen erhöhte sich von 21 Prozent (1992) auf 45 Prozent (2016). Noch deutlicher machte sich der Einfluss des deutschen Militärs bei den Olympischen Winterspielen bemerkbar. Obwohl der Anteil der „Sportsoldaten“ an der deutschen Mannschaft bei den Wettkämpfen im französischen Albertville 1992 nur 21 Prozent betrug, konnten sie die Hälfte der Medaillengewinne für sich reklamieren. In den folgenden Jahren stieg der Anteil der Bundeswehrangehörigen an der deutschen Olympiaequipe sukzessive auf 59 Prozent (Sotschi/Russland 2014); die meisten Medaillen holten „Sportsoldaten“ 2006 bei den Winterspielen im italienischen Turin – auf sie entfielen 66 Prozent der deutschen Siege.

Zivil-militärische Kooperation

Wie die Bundeswehr weiter mitteilt, wendet sie jährlich rund 35 Millionen Euro für die „Spitzensportförderung“ auf. Die Mittel fließen zuvörderst in die Ausbildung und das Training von 744 Athleten, die nach der militärischen Grundausbildung den über die gesamte BRD verteilten „Sportfördergruppen“ der deutschen Streitkräfte zugewiesen werden. Die „Sportfördergruppen“ wiederum liegen allesamt „im Einzugsbereich“ der „Olympiastützpunkte“ und „Leistungszentren“ des DOSB, der seinerseits maßgeblich an der Auswahl der Athleten beteiligt ist.[2] Laut DOSB finden diese bei der Bundeswehr „optimale Rahmenbedingungen für ihre leistungssportliche Laufbahn“ und erhalten „in idealer Weise“ sowohl eine „phasenweise soziale Absicherung“ als auch die „Möglichkeit eines gleitenden Übergangs in ein Berufsleben“.[3] Umgekehrt betonen die deutschen Streitkräfte, sie sorgten durch ihre Fördermaßnahmen lediglich für „Chancengleichheit … gegenüber Sportlern anderer Staaten“.[4]

Vorbilder

Verwiesen wird zudem auf den propagandistischen Aspekt der militärischen „Spitzensportförderung“. Der Bundeswehr zufolge nehmen Bevölkerung und Truppe deutsche Athleten als „Vorbilder“ und „Botschafter ihrer Sportart“ wahr, die durch ihr Auftreten bei internationalen Wettkämpfen das „Bild Deutschlands in der Welt“ nachhaltig prägen.[5] Folgerichtig versuchen die deutschen Streitkräfte zur Zeit denn auch, die Erfolge deutscher Sportler für die Rekrutierung von Jugendlichen zu nutzen. Auf seinem Kanal beim Internetdienst „Facebook“ berichtet das deutsche Militär regelmäßig über Medaillengewinne seiner bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang angetretenen Athleten, die hier als „Sporthelden“ bezeichnet werden. Weiter heißt es mit Blick auf die Zielgruppe der Heranwachsenden: „Interesse an einer eigenen Medaille? Wie wäre es mit einer Karriere als Sportsoldat?“[6]

Um Freiheit und Medaillen

Parallel dazu versucht das deutsche Militär im Rahmen seiner aktuellen Rekrutierungsoffensive, den Kriegsdienst ebenso wie den Spitzensport als Dienst an der Gesellschaft und damit als vorbildhaft darzustellen. So bezeichnet sich die Truppe auf ihren „Karriereseiten“ im Internet als „offizieller Ausbilder von Vorbildern“ und wirbt mit dem Slogan „Wir kämpfen für die Freiheit. Und um Medaillen“.[7] Unter der Überschrift „Eine Frage der Haltung“ gratulierte die Truppe erst vor wenigen Tagen in großformatigen Zeitungsanzeigen ihrem „Sportsoldaten“ Oberfeldwebel Eric Frenzel zum Olympiasieg, woran sich dann folgender Text anschloss: „Jeden Tag bildet die Bundeswehr 260.000 Menschen darin aus, Vorbild zu sein. Als Soldatinnen und Soldaten, in über 1.000 zivilen Berufen und im Spitzensport. 60 von ihnen kämpfen nun bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang um Medaillen. Was wird dich zum Vorbild machen?“[8]

Künftiges Führungspersonal

Gleichzeitig will die Bundeswehr eigenen Berichten zufolge „Sportsoldaten“ motivieren, auch „nach ihrer aktiven Karriere bei der Bundeswehr zu bleiben“. Im Zuge einer entsprechenden „Weiterentwicklung der Spitzensportförderung“ sollten unter anderem „Dienstposten für hauptamtliche militärische Trainer … geschaffen werden, um die Sportausbildung für alle Soldaten zu professionalisieren“, heißt es. Laut Brigadegeneral Markus Kurczyk, Leiter der Abteilung „Ausbildung Streitkräfte“ beim für die „Sportsoldaten“ zuständigen „Kommando Streitkräftebasis“, geht es letztlich darum, die Athleten als „künftiges Führungspersonal“ zu gewinnen und ihr „herausragende(s) Knowhow“ zu „nutzen“ [9] – im Dienste der Kriegsführung.

Zur militärischen „Spitzensportförderung“ in der BRD lesen Sie bitte auch Sportsoldaten (II), Sportsoldaten und Soldaten in Beijing.

[1] Das „Zoll Ski Team“ glänzt mit Laura Dahlmeier. www.rp-online.de 15.02.2018.

[2] Alles über die Sportförderung. www.bundeswehrkarriere.de.

[3] Deutscher Sportbund: Nationales Spitzensport-Konzept. Frankfurt/Main 1997.

[4] Alles über die Sportförderung. www.bundeswehrkarriere.de.

[5] Auftrag Spitzensport: Sportförderer Bundeswehr. www.bundeswehr.de 04.10.2017.

[6] Unsere Sporthelden in Pyeongchang. www.facebook.com.

[7] Wir kämpfen für die Freiheit. Und um Medaillen. www.bundeswehrkarriere.de.

[8] Eine Frage der Haltung. Frankfurter Allgemeine Zeitung 17.02.2018.

[9] Weiterentwicklung der Spitzensportförderung: Win-Win-Situation für alle. www.bundeswehr.de 17.10.2017.


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