Gewalttätig war nur die Polizei

Ellwangen: Nach Großrazzia in ihrer Unterkunft demonstrieren Geflüchtete und schildern die Ereignisse aus ihrer Sicht
Von Kristian Stemmler

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Rund 200 Menschen beteiligten sich an der Demonstration am Mittwoch in Ellwangen. »Wir sind Flüchtlinge, keine Kriminellen«, ist auf dem großen Transparent zu lesen
Foto: Sina Schuldt/dpa

»Die Razzia in Ellwangen war zwingend«, kommentierten die Nürnberger Nachrichten. Und weiter: »Sie sollte, sie musste martialisch aussehen und durchaus auch bedrohlich sein.« Fast unisono bejubelten bürgerliche Medien die Erstürmung der Landeserstaufnahmestelle (LEA) für Asylsuchende im baden-württembergischen Ellwangen durch Hunderte Polizisten in der Nacht zum 3. Mai. Das sei eine konsequente Antwort darauf, dass 100 bis 150 Flüchtlinge die Polizei am 30. April um 2.30 Uhr »gewaltsam« an der Durchsetzung einer Abschiebung gehindert hätten – so die bis heute von vielen Medien verbreitete Version der Ereignisse.

Eine Woche später wird immer deutlicher, dass diese Darstellung offenbar falsch ist. Auf einer Pressekonferenz vor den Toren der LEA bezeichneten dort untergebrachte Flüchtlinge am Mittwoch abend die Begründung für die Razzia am 3. Mai als konstruiert. Einer von ihnen, Isaiah Ehrauyi, erklärte, die Polizisten hätten den Togoer, der abgeschoben werden sollte, zurückgelassen, nachdem 30 bis 40 Bewohner aus ihren Unterkünften gekommen seien. Die Beamten seien aber nicht bedroht worden, hatten Geflüchtete aus der Einrichtung bereits am Dienstag in einer Pressemitteilung versichert. »Unser Protest war bestimmt, aber zu jedem Zeitpunkt friedlich«, heißt es darin. Niemand sei zu Schaden gekommen. Außerdem habe der Togoer nicht bereits im Streifenwagen gesessen, wie es die Polizei dargestellt hatte. Vielmehr habe er »neben uns in Handschellen« dagestanden. Die Beamten hätten die LEA schließlich ohne den Mann verlassen und den Schlüssel für die Handschellen einem Sicherheitsmitarbeiter der Einrichtung übergeben.

Zeit online konfrontierte den Sprecher der Polizeidirektion Aalen, Bernhard Kohn, am Mittwoch mit diesen Aussagen. Die schmallippige Antwort: »Der Mann (aus Togo, jW) befand sich in polizeilichem Gewahrsam und wurde daraus entfernt.« Das sei entscheidend.

In der Erklärung der Flüchtlinge wird auch die Razzia am 3. Mai geschildert: Zwischen drei und vier Uhr hätten sich Hunderte Polizisten vor drei Gebäuden postiert und zeitgleich alle Türen eingetreten, obwohl die Türen der Einrichtung nicht abschließbar seien. »Wir waren alle im Bett. Die Polizei leuchtete mit Taschenlampen. Niemand durfte sich anziehen. Alle mussten die Hände in die Höhe halten und wurden gefesselt.« Die Polizei bestätigte nach dem Einsatz, dabei seien elf Bewohner der LEA verletzt worden.

Nach der Pressekonferenz zogen rund 200 Geflüchtete und Unterstützer durch Ellwangen und protestierten mit Plakaten und Transparenten gegen ihre Diffamierung als Gewalttäter.

Das transnationale Netzwerk Afrique-Europe-Interact hatte bereits am Montag gegen den Einsatz vom 3. Mai protestiert. »Wenn geflüchteten Menschen eingeprügelt werden soll, nur still zu erdulden und sich keinesfalls gegen Unrecht und Willkür zu widersetzen«, offenbare dies »Denkmuster eines autoritären Obrigkeitsstaates«, heißt es in einer Erklärung des Netzwerks. Ähnlich äußerte sich der Hamburger Bürgerschaftsabgeordnete der Linkspartei, Martin Dolzer. Er habe »großen Respekt« vor dem Mut der Geflüchteten, sagte er am Donnerstag gegenüber jW. Sie hätten sich denen in den Weg gestellt, die einen bedrängten Menschen »mit Gewalt aus ihrer Mitte herausreißen und abschieben wollten«. Dolzer, der sich intensiv mit der Situation in Togo auseinandergesetzt hat, wies auf die Lage in dem Land hin. Seit Herbst 2017 werde gegen die seit 50 Jahren diktatorisch regierende Familie Gnassingbé protestiert. Mehr als 100 Menschen seien in den zurückliegenden Monaten von Militär und Polizei getötet worden, in vielen Regionen des Landes herrsche faktisch der Ausnahmezustand.


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