Entsetzen über Freispruch

Bombenanschlag in Düsseldorf-Wehrhahn vor 18 Jahren: Richter hat »erhebliche Zweifel« an Täterschaft des heute 52jährigen Neonazis Ralf S.
Von Claudia Wangerin

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Gedenkaktion in Düsseldorf-Wehrhahn am vergangenen Freitag
Foto: Ute Neubauer/ report-D Internetzeitung Duesseldorf

Der Bombenanschlag auf eine Gruppe von überwiegend jüdischen Sprachschülern aus Osteuropa am Düsseldorfer S-Bahnhof Wehrhahn vor 18 Jahren bleibt vorerst ungesühnt. Das Landgericht Düsseldorf hat den heute 52jährigen Neonazi Ralf S. am Dienstag vom Vorwurf des versuchten Mordes in zwölf Fällen freigesprochen. Das Gericht habe »erhebliche Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten«, begründete der Vorsitzende Richter Rainer Drees laut Nachrichtenagentur AFP die Entscheidung. Die Staatsanwaltschaft, die für S. eine lebenslange Haftstrafe gefordert hatte, kündigte unmittelbar nach dem Urteilsspruch Revision beim Bundesgerichtshof (BGH) an.

Der Sprengsatz war am 27. Juli 2000 kurz nach 15 Uhr am S-Bahnhof Wehrhahn explodiert, als die Gruppe der Sprachschüler – wie um diese Zeit üblich – den Tatort passierte. Zehn von ihnen wurden verletzt, eine junge Frau verlor ihr ungeborenes Kind. Der als Neonazi bekannte Angeklagte Ralf S. war bereits unmittelbar nach dem Attentat ins Visier der Ermittler geraten. Die Polizei konnte ihm die Tat aber angeblich nicht nachweisen.

Nach Auffassung von Staatsanwaltschaft und Nebenklägern hatte sich Ralf S. bereits eine halbe Stunde nach der Tat selbst verraten: In einem Telefonat habe er bekundet, dass er befürchte, verhaftet zu werden, obwohl Unbeteiligte zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wussten, ob es sich bei der Explosion um ein Verbrechen handelte. Dies betonte Staatsanwalt Ralf Herrenbrück bereits im Mai in einer Zwischenbilanz.

Hinweise auf den vorbestraften Neonazi Ralf S. waren kurz nach dem Anschlag telefonisch bei der Polizei eingegangen. Einer der Beamten soll diese Information an Ralf S. weitergegeben haben. Dies behauptete der Angeklagte zumindest beim Prozessauftakt. »Da rufen jede Menge Leute an und beschuldigen dich«, soll ihn der Beamte gewarnt haben.

Einen Tag nach dem Anschlag hatte der Koordinierungskreis antifaschistischer Gruppen in einer Pressemitteilung auf Ralf S., der in Tatortnähe ein »Survival Security & Outdoor«-Geschäft betrieb, aufmerksam gemacht. Bis zu einer Hausdurchsuchung bei S. vergingen fünf Tage. Belastendes Material wurde zu diesem Zeitpunkt nicht bei ihm gefunden. Erst fünf Monate später stießen Möbelpacker in seinem Keller auf eine Handgranate und Propagandamaterial.

2014 saß Ralf S. in Castrop-Rauxel eine Ersatzfreiheitsstrafe ab. Dort soll er, wie erst Anfang 2017 bekannt wurde, vor einem Mitgefangenen mit dem Wehrhahn-Anschlag geprahlt haben. Die Aussage des Belastungszeugen überzeugte den Richter allerdings nicht.

»Das Urteil des Landgerichts Düsseldorf im Wehrhahn-Prozess hat mich bestürzt«, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, laut einer Vorabmeldung der Rheinischen Post am Dienstag. Es sei »nicht nur schmerzhaft, sondern zutiefst enttäuschend«.

Rechtsterroristische Kreise würden sich durch den Freispruch bestärkt fühlen, warnten die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Düsseldorf und die Opferberatung Rheinland. Der ehemalige Düsseldorfer Ratsherr Frank Laubenburg (Die Linke) erklärte am Dienstag, das Urteil sei »angesichts der Indizienkette gegen den Angeklagten nicht nachvollziehbar«. Es sei aber auch »Folge der fatalen Ermittlungs- und Öffentlichkeitsarbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft unmittelbar nach dem Anschlag«. Laubenburg forderte daher einen Untersuchungsausschuss auf Landesebene.


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