Nach uns die Sintflut

Regierung liebt Kohlekraftwerke
Von Wolfgang Pomrehn

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Kühltürme des RWE-Braunkohlekraftwerks in Niederaußem bei Köln am 3. März 2016
Foto: Wolfgang Rattay/REUTERS

Es könnte so einfach sein. Kohlekraftwerke sind in Deutschland nicht nur eine wichtige Quelle von Treibhausgasen, sie stoßen auch jede Menge gesundheitsschädliche Substanzen aus. Jeweils gut 6.000 Tonnen Stickoxide und Schwefeldioxid darf ein Großkraftwerk wie das vor wenigen Jahren in Hamburg-Moorburg in Betrieb gegangene im Jahr in die Luft blasen, wenn es voll ausgelastet ist. Hinzu kommen über 600 Tonnen Feinstäube. Vervollständigt wird der legale Giftcocktail durch 4,8 Tonnen Blei, 1,1 Tonnen Cadmium, eine knappe Tonne Quecksilber und 0,8 Tonnen Arsen. Hinzu können noch zehn bis elf Tonnen Kohlendioxid kommen. Das alles, wohlgemerkt, in einem der modernsten Steinkohlekraftwerke Deutschlands. Noch schlechter ist das Verhältnis der Schadstoffe zur Energieausbeute in Braunkohlekraftwerken, weil die Braunkohle einen geringeren Brennwert hat. Bei all dem wäre es folgerichtig, zumindest die alten Braunkohlekraftwerke, die obendrein die Energie ihres Brennstoffes zu nicht viel mehr als einem Drittel ausnutzen, so schnell wie möglich stillzulegen.

Die Bundesregierung hat jedoch offensichtlich anderes im Sinn. Statt zumindest die Einhaltung der neuen Grenzwerte für Stickoxide, Feinstäube und Quecksilber vorzuschreiben, die von der Mehrheit der EU-Staaten im letzten Jahr beschlossen wurden, legt sie einfach die Hände in den Schoß und tut – nichts. Das Ergebnis: Die jeweiligen Energiekonzerne stellen sich nicht auf die neuen Vorgaben ein und werden eventuell gar abwarten, bis Berlin von der EU-Kommission auf Umsetzung verklagt wird. Bis dahin können sie ihre alten Kraftwerke mit geringem Kostenaufwand weiter betreiben, ohne die Abgasreinigung auch nur halbwegs auf den neuesten Stand der Technik gebracht zu haben.

Die Zeche wird derweil mal wieder der Bürger begleichen müssen, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Zunächst werden die gegebenenfalls an Brüssel zu zahlenden Strafen natürlich aus dem Steuer­säckel beglichen. Außerdem werden weiter Umweltgifte im Übermaß freigesetzt, die nachweislich jährlich für Tausende Tote aufgrund von Herz- Kreislauf-Erkrankungen verantwortlich zu machen sind. Außerdem wird der Klimawandel weiter angeheizt, der uns schon jetzt Dürresommer beschert und die ersten tropischen Zecken mit entsprechend exotischen Krankheiten ins Land gebracht hat. So richtig dramatisch wird es allerdings auch hierzulande erst in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten werden, wenn der Meeresspiegel um mehrere Meter ansteigt und manch subtropische Region wegen zu großer Hitze praktisch unbewohnbar wird. Aber derlei interessiert weder die Aktienbesitzer von RWE noch die Eigner des windigen Offshore-Konstrukts LEAG und folglich auch nicht die Bundesregierung. Die Kraftwerke sind abgeschrieben, und daher soll noch der letzte Euro Gewinn aus ihnen herausgeholt werden. Nach uns die Sintflut.


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